Schüler in Hessen.
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Schüler in Hessen.

Interview

Hessen: „Schulen bis zum Ende der Pandemie geschlossen halten, ist keine Option“

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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  • Peter Hanack
    Peter Hanack
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Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) über eine Corona-Testphase an Schulen, Unterricht in den Ferien und die Maskenpflicht im Klassenraum.

  • Präsenzunterricht an hessischen Schulen soll nach den Sommerferien wieder stattfinden
  • Es wird Einschränkungen geben, eine allgemeine Maskenpflicht an den Schulen in Hessen ist jedoch ausgeschlossen
  • Digitalisierter Schulunterricht soll auch zukünftig in Hessen eingesetzt werden

Alexander Lorz (54) ist seit Anfang 2014 Kultusminister in Hessen und damit zuständig für die Schulen. Er selbst legte sein Abitur an der Diltheyschule in Wiesbaden ab. Vor seiner Zeit in der Politik war er Professor für deutsches und ausländisches öffentliches Recht, Völkerrecht und Europarecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. 

Herr Minister Lorz, wann gibt es in Hessen wieder regulären Schulbetrieb?
Geregelt findet er ja auch jetzt schon statt, und ich bin sehr froh, dass unsere Schulen mittlerweile eine Mischung aus Präsenzunterricht und Lernen zu Hause anbieten können. Der nächste Schritt ist, wieder an allen Tagen in der Woche zu einem Regelbetrieb zu kommen, möglichst mit jedem Schüler und jeder Schülerin. Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass wir das nach den Sommerferien machen können – wenn es die Infektionszahlen zulassen.

Mögliche Öffnung der Schulen in Hessen kurz vor den Sommerferien

Der Virologe Hendrik Streeck von der Universität Bonn hat empfohlen, die zwei Wochen vor den Sommerferien als Testphase zu nutzen und die Schulen für alle zu öffnen. Dann könne man sehen, ob die Infektionszahlen tatsächlich steigen und hätte durch die anschließende unterrichtsfreie Zeit dafür auch relativ risikoarm die Gelegenheit. Was halten Sie davon?

(Anm. d. Red.: Professor Streeck legt Wert auf die Feststellung, dass er eine Öffnung der Schulen als Testphase vor den Sommerferien NICHT empfohlen hat.) 


Das sagt auch der Kieler Infektionsmediziner Helmut Fickenscher. Ich finde diese Idee sehr spannend und denke aktuell darüber nach. Wenn solch renommierte Mediziner das für möglich halten, dann sollten wir das sehr ernsthaft prüfen. Allerdings möchte ich betonen, dass auch der erhoffte Regelbetrieb nach den Sommerferien nicht der gleiche sein wird wie vor Corona*. Wahrscheinlich wird zumindest das erste Schulhalbjahr noch von gewissen Einschränkungen geprägt sein, selbst wenn wir die Abstandsregeln aufgeben und die Gruppengrößen wieder auf den regulären Stand bringen.

Welche Einschränkungen wären das?
Wir müssen zum Beispiel sehen, welche Ganztagsangebote es zusätzlich zum Unterricht noch geben kann, denn bei einigen Trägern dieser Angebote fällt ja ebenfalls Personal aus, weil es zu einer Risikogruppe zählt. Weil die Schülergruppen zur Minderung des Infektionsrisikos möglichst konstant bleiben sollen, werden wir beim Ganztag oder in Arbeitsgemeinschaften zudem die bisherige Durchmischung nicht beibehalten können. Beim Sport sind sicher die Mannschaftssportarten kritisch, im Musikunterricht wird vielleicht weiterhin auf das Singen verzichtet werden müssen oder man muss dafür auf den Schulhof oder in den Park gehen. Bis sich wieder ein Schulchor eng beieinander auf die Bühne stellt und einen ganzen Saal füllt, darauf werden wir noch eine Weile warten müssen. Und auch die Ausfallquote der Lehrkräfte wird vermutlich nur langsam zurückgehen.

Hessen: Eine allgemeine Maskenpflicht in der Schule sei pädagogisch nicht sinnvoll

Müssen Schüler und Lehrkräfte im Klassenraum dann Masken tragen, wie das der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, gerade gefordert hat?
Eine Maskenpflicht ist nicht geplant. Es gilt weiterhin, was wir den Schulen zu Beginn des ersten Öffnungsschritts mitgeteilt haben: Masken sind im Einzelfall sinnvoll, pauschal und dauerhaft sind sie aber pädagogisch nicht hilfreich.

Wie hoch ist der Anteil von Lehrkräften, die zu Risikogruppen zählen und deshalb nicht in der Schule unterrichten müssen?
Wir haben etwa zehn Prozent Über-60-Jährige, die pauschal freigestellt sind, was allerdings die Mediziner gerade korrigieren. Dann haben wir knapp zehn Prozent, die wegen einer eigenen oder familiären Vorerkrankung die Freistellung beanspruchen können. Die Fehlquote liegt derzeit bei 18 Prozent und ist zuletzt leicht gesunken.

Denken Sie daran, die pauschale Freistellung der Älteren zu kippen?
Das ist zumindest der Weg, den die Kultusminister der Länder in dieser Woche gemeinsam beschrieben haben.

Mehr Vertretungslehrer sollen Ausfälle an hessischen Schulen ausgleichen

Wie wollen Sie den durch die Corona-Krise verschärften Lehrermangel ausgleichen?
Es wird eine deutliche Aufstockung der Vertretungsmittel geben, um Personal befristet einstellen zu können. Dieses Personal kann auch Lehrkräfte beispielsweise bei Zusatzangeboten entlasten, damit diese sich voll auf den Unterricht konzentrieren können.

Die Schulleitungen beklagen, dass sie immer recht kurzfristig über Neuerungen informiert werden, etwa zu den Hygieneregeln oder dem Einsatz von Lehrkräften. Wann wollen Sie bekanntgeben, wie es nach den Sommerferien weitergehen soll?
Ich verstehe die Klagen, denn die Belastungen sind in der Tat hoch. Aber die nötigen und möglichen Anpassungen resultieren ja nicht aus dem Gutdünken des Kultusministeriums, sondern folgen den Ratschlägen und Erkenntnissen der Mediziner, die sich ihrerseits in dieser Pandemielage fortlaufend ändern. Wie es nach den Sommerferien weitergehen wird, wollen wir auf jeden Fall noch vor Beginn der Ferien mitteilen.

Im laufenden Schuljahr bleibt kein Schüler sitzen, außer die Eltern wählen diese Option freiwillig. Sollen diese oder andere Änderungen dauerhaft bleiben?
Was sich bewährt, das kann man auch in den Regelbetrieb überführen. Aktuell aber geht es darum, das Schulsystem an die Pandemie anzupassen, im Wesentlichen durch Flexibilisierung. Es gibt jedenfalls keine Neuerungen durch die Hintertür, die wir sonst nicht eingeführt hätten. Am Leistungsprinzip halten wir in jedem Fall auch zukünftig fest.

Schulen in Hessen: Angepasste Prüfungen für Abiturienten

Sollen Abiturienten und andere, die eine Abschlussprüfung abgelegt und unter den Schulschließungen gelitten haben, einen Notenbonus bekommen?
Wir werden jedenfalls die Aufgaben für die Abiturienten des nächsten Jahrgangs anpassen müssen, weil sie nicht den ursprünglich vorgesehenen Stoff haben durchnehmen können. Auch all die anderen Schülerinnen und Schüler kommen wohl nicht auf dem Stand in die nächste Klasse, den man sonst erwarten dürfte.

Wird es in den Sommerferien Angebot für Schülerinnen und Schüler geben, das Versäumte nachzuholen?
Das wird es auf jeden Fall geben. Wir werden dazu viele Elemente aus unseren erfolgreichen Oster- und Herbstcamps übernehmen und uns wie dort auf die Gruppe der Haupt- und Realschüler konzentrieren, weil hier die Notwendigkeit eines solchen Angebots am größten erscheint.

Unterricht am Samstag wegen Corona als freiwilliges Angebot

Was halten Sie von Samstagsunterricht, um die Situation an den Schulen zu entspannen und Stoff nachzuarbeiten?
Denkverbote darf es in einer solchen Situation nicht geben. Ich kann mir Samstagsunterricht aber eigentlich nur als freiwilliges Angebot vorstellen, etwa in Form von Arbeitsgemeinschaften oder Nachhilfestunden.

Lehrkräfte haben notgedrungen nach Lösungen gesucht und auch gefunden, wie der Unterricht trotz der Schulschließungen weitergehen kann. Wie wollen Sie von diesen Erfahrungen und Ideen dauerhaft profitieren?
Wir sammeln bereits jetzt fleißig Eindrücke aus unseren Schulen. Und wir geben die besten Beispiele in Handreichungen und Fortbildungen an alle Schulen weiter.

Was halten Sie von dem Vorschlag der Grünen, Modellschulen die pädagogische Freiheit zu geben, die entwickelten Methoden und Wege des digitalen Lernens auch jenseits von Corona weiterzuführen?
Das ist eine charmante Idee, die sich vermutlich am ehesten für unsere selbstständigen Schulen eignet.

Unterrichten mit Videotool an hessischen Schulen auch zukünftig möglich

Sie sprechen von guten Beispielen gelungenen Homeschoolings, die es zweifellos gibt. Insgesamt ist diese Art des Unterrichts aber doch sehr ruckelig angelaufen und läuft an vielen Stellen noch immer alles andere als rund. So sind noch längst nicht alle hessischen Schulen an das Schulportal angeschlossen, das zudem noch immer kein Videotool hat, um Lehrer und Schüler live in Kontakt zu bringen. Wird das nach den Sommerferien alles funktionieren, falls es mit den Schulöffnungen nicht so klappt wie erhofft?
Bei allem, was wir bei der Digitalisierung schon in der Pipeline hatten, haben wir vor Corona nie daran gedacht, den Präsenzunterricht vorübergehend komplett ersetzen zu müssen. Es ging vielmehr darum, den Lehrkräften zusätzliche Möglichkeiten an die Hand zu geben, ihren Unterricht zu bereichern und noch abwechslungsreicher und lernintensiver zu gestalten. Ich hätte mir bis Anfang März schlicht nicht vorstellen können, dass wir in Deutschland flächendeckende Schulschließungen bekommen. Das Schulportal sollte zum Schuljahr 2021/22 voll einsatzfähig sein, jetzt sind wir dahinter her und optimistisch, dass es schon zum kommenden Schuljahr so weit ist und allen Schulen zur Verfügung steht. Dann soll es auch ein Videotool geben, das beim Lernen zu Hause zu einem ganz zentralen Instrument des Unterrichtens geworden ist.

Hessen hat rund 60 000 Lehrkräfte. Wie wollen Sie sicherstellen, dass diese dann auch alle mit den technischen und pädagogischen Möglichkeiten des Portals werden umgehen können? Nach einer bundesweiten Mitgliederumfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sagen nur 18 Prozent, es gebe genügend Weiterbildung zur Digitalisierung.
Wir haben die Fortbildung massiv verstärkt. Schon jetzt gibt es viele zusätzliche Webinare, allein im Mai waren es zwei Dutzend, die von den Lehrkräften sehr intensiv angenommen werden. Das kann und soll auch in den Sommerferien weitergehen.

Wollen Sie die Lehrkräfte verpflichten, entsprechende Weiterbildungen zu absolvieren?
Das scheint mir nicht nötig. Ich will nicht ausschließen, dass es einige gibt, die sich aus Prinzip verweigern, aber die wird man auch durch eine Verpflichtung nicht zu guten Digitallehrern machen.

Schulen in Hessen bis zum Ende der Pandemie geschlossen zu halten ist keine Option

In Göttingen kann man sehen, dass Schulen nach einem Ausbruch im Umfeld auch wieder geschlossen werden. Wie sind Sie darauf vorbereitet?
Solange wir die Pandemie haben, wird es solche Fälle vermutlich immer wieder geben. Man sieht aber auch, dass sich das Vorgehen der Gesundheitsbehörden für einen solchen Fall gut eingespielt hat und dass auch die Schulen damit umgehen können. Wenn einzelne Schülerinnen oder Schüler betroffen sind, dann genügt es ja in der Regel auch, die entsprechende Lerngruppe und die Lehrkraft in Quarantäne zu schicken. So unangenehm das für die Betroffenen ist, kann dann zumindest der Unterricht in den anderen Klassen weitergehen. Und die Schulen bis zum Ende der Pandemie geschlossen zu halten, kann ohnehin keine Option sein.

Schweden hat die Schulen gar nicht erst geschlossen, Dänemark hat schon lange die Grundschulen und Kitas wieder in Betrieb. Wie intensiv beobachten Sie, was dort passiert?
Wir sind in Deutschland insgesamt – auch im internationalen Vergleich – bislang ganz gut gefahren. Wenn wir uns Schweden anschauen, tobt dort gerade die Debatte, ob der Preis des Sonderwegs wegen der vielen Toten nicht doch zu hoch ist.

Vor allem, weil man dort die Alten- und Pflegeheime nicht genug geschützt hat.
Und Dänemark hat in der Tat die Kleinen zuerst wieder in die Schulen gelassen. Bei uns waren die Epidemiologen hingegen der Ansicht, diese Gruppe könne die Abstandsregeln nicht einhalten und solle deshalb vorerst zu Hause bleiben. Dieser Argumentation hat sich auch der Hessische Verwaltungsgerichtshof angeschlossen, weshalb wir die Öffnung für die vierten Jahrgangsstufen noch einmal vertagen mussten. Inzwischen heißt es, die Kleinen seien womöglich überhaupt nicht gefährlich. Wenn sich das bestätigen würde, wäre es natürlich großartig, weil dann die Grundschulen und Kitas offenbleiben könnten, egal, was epidemisch nach dem Sommer passiert. In dieser Pandemie den Königsweg zu finden, ist alles andere als leicht.

Interview: Pitt von Bebenburg und Peter Hanack

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*fnp.de und fr.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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