+
Eine Frau läuft durch die Straßen von Gwoza im Nordosten Nigerias. Hier hatte die Terrorgruppe Boko Haram die Hauptstadt ihres Kalifats ausgerufen.

Gastbeitrag

Zur Schule gehen - trotz Boko Haram

Der Terrorkrieg hat eine ohnehin schwache Region der Welt nahezu zum Erliegen gebracht.

Die Gefahr liegt hinter der schmalen Bergkette. Dorthin haben sich die Anhänger der Terrorgruppe Boko Haram offenbar zurückgezogen, weiterhin in bedrohlicher Nähe zur Stadt Gwoza. Hier im Nordosten Nigerias, an der Grenze zu Kamerun, hatten sie 2014 die Hauptstadt ihres Kalifats ausgerufen. Die Kanonenrohre der drei Militärpanzer, die neben dem Hubschrauber-Landeplatz auf die Berge gerichtet sind, lassen diese Gefahr nicht vergessen. In den Wochen vor den nationalen Wahlen in Nigeria hat das Tauziehen zwischen den Terrormilizen und dem Militär der Regierung wieder begonnen. Schießereien und Angriffe im Bundesstaat Borno haben zugenommen und treiben die Menschen in die Flucht.

Seit nun zehn Jahren leben die Kinder, Frauen und Männer dort im Ausnahmezustand. Die Terrorangriffe und das Vorgehen des Militärs dagegen haben eine ganze Region um das Tschadseebecken unzugänglich gemacht und das Leben von mehr als 17 Millionen Menschen in den vier Ländern Niger, Nigeria, Tschad und Kamerun zerstört. Elf Millionen Menschen, davon mehr als die Hälfte Kinder, sind täglich auf Hilfe zum Überleben angewiesen. Eine halbe Million Kinder sind unterernährt.

Eine Lösung für eine der größten humanitären Katastrophen ist trotz internationaler Unterstützung noch immer nicht in Sicht. Im Mittelpunkt steht vor allem das Schicksal von Millionen Frauen und Mädchen – von Boko Haram entführt, gequält, zwangsverheiratet, geschwängert, Schulen und Universitäten entrissen, als Selbstmordattentäterinnen missbraucht. Einen schrecklicheren Ort, um als Mädchen und Frau zu leben, kann ich mir nicht vorstellen.

Erreichen können wir mit einem kleinen Team von Plan International Gwoza nur im UN-Hubschrauber von der Borno-Hauptstadt Maiduguri aus. Gwoza ist immer noch einer der entlegensten Orte der Welt. Doch wir haben uns vor zwei Jahren entschlossen, genau hierher zu kommen, um vor allem mit den Kindern und Frauen einen Weg in eine friedliche Zukunft zu erreichen. Nach der Befreiung der Gwozas durch das Militär 2015 ist wieder Leben auf den Straßen. Kleine Marktstände, neu gedeckte und gestrichene Häuser, Kinder gehen in die Schulen.

Schuelerinnen und Schueler beim Unterricht an der oeffentlichen Schule in Kwali Abuja Federal Go

In einem hellblauen Haus warten in dem einzigen Raum etwa 50 Frauen auf mich. Sie sitzen auf dem Boden in diesem von Plan International geschaffenen geschützten Raum, den nur Frauen betreten dürfen. Hier sprechen sie über das, was Boko Haram ihnen angetan hat. Die meisten sind Analphabetinnen, die als Jugendliche schon viel zu früh verheiratet wurden – jetzt sind sie stolz, dass sie hier lesen und schreiben lernen. Genau das, was Boko Haram mit Waffen bekämpft. Und sie machen Pläne für die Zukunft. Maimuna ist 17 Jahre alt. Endlich könne sie wieder in die Schule gehen, sagt sie – nach vier Jahren auf der Flucht. Eine andere Fatima – Mutter von drei Töchtern und fünf Jungs – ballt unter ihrem lindgrünen Schleier die Hand zur Faust, als sie ihren größten Wunsch für die Zukunft ausspricht: „Mädchen müssen zur Schule gehen. Sie dürfen nicht mehr nur als Objekt zum Heiraten gesehen werden.“ Das Leben der Frauen im Nordosten Nigerias ist jahrhundertelang von Unterdrückung geprägt. Die Mädchen sind immer der Gefahr ausgesetzt, viel zu früh verheiratet zu werden. Den Männern ist die Ehe mit vier Frauen erlaubt. Eine Frau zu schlagen, ist gesellschaftlich akzeptiert.

Lesen Sie auch: Demokratie ist ein schönes Wort

In Maiduguri treffen sich Frauen mit Kleinkindern, um zu erfahren, wie sie mit den wenigen Essenszutaten, die sie haben, für die Kinder abwechslungsreich kochen. Die 42 Jahre alte Gasi ist eine resolute, stämmige Frau. Sie gibt ihr Wissen an die Frauen weiter. Der Austausch in der Gruppe, in der viele Geflüchtete sind, tut allen gut. Als Gasi vor vier Jahren aus der Stadt Bama nach Maiduguri fliehen musste, verlor sie zunächst den Kontakt zu drei von ihren fünf Kindern. Erst später konnte sie sie in einem Flüchtlingslager wiederfinden. Viele haben dieses Glück nicht, etwa 6000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind schätzungsweise in der Region unterwegs, weitere 8000 sind vermutlich als Kindersoldaten oder Arbeitskräfte von Boko Haram mitgenommen worden.

Gasi wurde mit 14 Jahren an einen viel älteren Mann verheiratet. Heute pflegt sie ihn, die Versorgung der Kinder muss sie allein sicherstellen. Dafür arbeitet sie auch als Schneiderin. Sie erlebt, dass viele Geflüchtete noch nicht so gut zurechtkommen wie sie. „Am schlimmsten trifft es dann die Mädchen. Sie müssen irgendwo auf der Straße hocken und etwas verkaufen anstatt zur Schule zu gehen.“

Der Terrorkrieg hat eine ohnehin schwache Region der Welt nahezu zum Erliegen gebracht. Jugendarbeitslosigkeit, ein Klimawandel, der den Tschadsee versanden lässt, Korruption, schwache Regierungsführung, kaum öffentliche Strukturen, Ungleichheit – Boko Haram, auch daraus entstanden, wirkt wie ein Brennglas. Wie auch immer die Wahlen ausgehen, die neue Regierung Nigerias wird handeln müssen. Die Zukunft liegt in der Bildung und Ausbildung der Jugend, ihrer Beteiligung an einer Veränderung und einem gleichberechtigten Frauenbild.

Maike Röttger ist Geschäftsführerin von Plan International Deutschland.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion