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2009 fühlte er sich noch allmächtig: General Bosco Ntaganda (rotes Barrett) im Ostkongo.

Bosco Ntaganda

Schuldspruch für „Terminator“ des Kongo

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Den Haager Strafgerichtshof lastet Milizchef Ntaganda schwerste Menschenrechtsverbrechen an.

Die Ankläger des Internationalen Staatsgerichtshofs in Den Haag haben einen seltenen Erfolg erzielt. Die Richter der VI. Kammer der Behörde erklärten den in Ruanda geborenen Kongolesen Bosco Ntaganda am Montag in sämtlichen 18 Anklagepunkten für schuldig: Sie sahen es als erwiesen an, dass sich Ntaganda insgesamt 15 Fälle von Kriegsverbrechen sowie drei Fälle von Verbrechen gegen die Menschheit zuschulden kommen ließ – darunter Mord, Vergewaltigung, sexuelle Sklaverei und den Einsatz von Kindersoldaten. Es ist erst der vierte Schuldspruch in der 17-jährigen Geschichte der Behörde – und das erste Mal, dass ein Angeklagter vor dem Strafgerichtshof wegen sexueller Sklaverei verurteilt wurde.

Ntaganda habe in den Jahren 2002 und 2003 als Führer einer Rebellentruppe in der kongolesischen Ituri-Provinz seinen Milizionären den Befehl gegeben, „Zivilisten anzugreifen und zu töten“, heißt es in der Urteilsbegründung des vorsitzenden Richters Robert Fremr. Zu den grausamsten Gewalttaten der von ihm geführten „Patriotischen Kräfte zur Befreiung des Kongo“ (FPLC) zählte ein Massaker unter der Bevölkerung eines Ituri-Dorfes, in dessen Verlauf selbst Kinder und Babys mit Macheten zerstückelt und ihre Köpfe eingeschlagen wurden. „Vergewaltigung war unter den Milizionären Gang und Gäbe“, heißt es in dem Urteil: Unter anderem sei auf Ntagandas Befehl ein neunjähriges Mädchen geschändet worden. Bei einem weiteren Massaker wurden dem Urteil zufolge 49 gefangene Dorfbewohner in einem Bananenhain getötet: „Dort wurden die Leichen von Männer, Frauen, Kinder und Babys gefunden: Einige waren nackt, anderen die Hände zusammengebunden, manchen waren Glieder abgetrennt oder die Schädel eingeschlagen worden.“

Schon als Kind rekrutiert

Ntagandas Anwälte suchten während des fast vierjährigen Prozesses geltend zu machen, dass der Angeklagte selbst Opfer der Gewalt im Ostkongo war: Er sei Anfang der 1990er Jahre als Kindersoldat rekrutiert worden. Als gebürtiger Tutsi musste der 17-Jährige aus seiner ruandischen Heimat fliehen und schloss sich im Kongo wechselnden Rebellentruppen an. Als Chef der FPLC-Miliz kämpfte er Anfang der Jahrtausendwende in der bodenschatzreichen Ituri-Provinz auf der Seite der Volksgruppe der Hema gegen die Lendu. Der Konflikt dauert noch heute an: Sowohl der Hema-Führer Thomas Lubanga wie der Milizenchef der Lendu, Germain Katanga, wurden vom Gerichtshof in Den Haag zu hohen Haftstrafen verurteilt. Ntaganda, der im Kongo der „Terminator“ genannt wird, begab sich 2013 nach der militärischen Niederlage der von ihm mitgegründeten Rebellentruppe M23 freiwillig in die US-Botschaft in der ruandischen Hauptstadt Kigali, von wo er nach Den Haag ausgeliefert wurde.

Ntagandas Schuldspruch entlastet die Ankläger des Internationalen Gerichtshofs, die in den vergangenen Jahren unter enormen Druck geraten sind. Fünf ihrer 27 Anklagen wurden von den Richtern abgewiesen, zwei Verurteilungen nach einer Revision aufgehoben. In zwölf Fällen ist kein Verfahren möglich, weil die Angeklagten flüchtig sind oder wie der ehemalige sudanesische Präsident Omar al-Baschir nicht ausgeliefert werden. Alle bisher Angeklagten sind Afrikaner – ein Umstand, der vor allem unter afrikanischen Staatschefs heftige Kritik an dem Gerichtshof auslöste. Ntaganda kann gegen das Urteil Berufung einlegen. Die Verkündung des Strafmaßes wird in wenigen Wochen erwartet.

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