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Olanyia Mohammed, Überlebender eines Massakers der LRA, an einem Mahnmal für die Toten, darauf die Namen von 15 Mitgliedern seiner Familie.
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Olanyia Mohammed, Überlebender eines Massakers der LRA, an einem Mahnmal für die Toten, darauf die Namen von 15 Mitgliedern seiner Familie.

Kriegsverbrechen

Schuldig in 61 Fällen

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag verurteilt einen Rebellenführer aus Uganda wegen Verbrechen gegen die Menschheit. Seine Laufbahn begann er als Kindersoldat.

Wer meint, den Charakter eines Menschen in dessen Gesichtszügen ablesen zu können, scheint es im Fall vom Dominic Ongwen leicht zu haben. Der 46-jährige Ugander hat große gutmütige Augen, die sein rundes Gesicht noch harmloser erscheinen lassen – kein Antlitz, das einen das Fürchten lehrt. Und doch werden dem Mann einige der schlimmsten vor einem Gericht verhandelten Verbrechen der jüngeren Zeitgeschichte vorgeworfen: Die Ankläger des Haager Internationalen Strafgerichtshofs werfen ihm vor, Kinder zerstückelt, Frauen vergewaltigt, Männer gefoltert und ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht zu haben.

70 schwere Verbrechen – neben Mord, Vergewaltigung und Folter auch Entführung sowie sexuelle Sklaverei – soll der damals knapp 30-Jährige im Norden Ugandas allein im Jahr 2004 begangen haben. Am Donnerstag wurde der Angeklagte in 61 Fällen vom Haager Gericht für schuldig befunden: Jetzt ist nur noch über die Länge der Haftstrafe zu entscheiden – sie könnte lebenslänglich ausfallen.

Das Verfahren galt als eines der heikelsten in der knapp 20-jährigen Geschichte des an explosiven Fällen nicht gerade armen Gerichts: Nicht nur, dass zum ersten Mal ein führendes Mitglied der berüchtigten ugandischen Rebellentruppe „Lord Resistance Army“ (LRA) vor dem Kadi stand. Auch, weil es sich um einen „einzigartig komplexen Fall“ handele: Selten stünden sich die Darstellungen der verschiedenen Seiten dermaßen widersprüchlich, moralisch komplex und paradox gegenüber“, wie ein Sprecher der Organisation „Human Rights Watch“ (HRW) befindet. Der Kern der Verwicklung: Ongwen war als kleiner Junge selbst von den Kämpfern der „Widerstandsarmee des Herrn“ gekidnappt worden: Er ist also Opfer und Täter in einem.

Der Richter

Bertram Schmitt, der Vorsitzende Richter im Prozess gegen Dominic Ongwen, kann auf eine beachtliche berufliche Laufbahn blicken. Für den 62-Jährigen, geboren im südhessischen Dieburg und aufgewachsen vor den Toren Frankfurts in Neu-Isenburg, ging es Schritt für Schritt die Karriereleiter nach oben. Der Sohn eines Maurers promovierte an der Goethe-Universität, wurde Vorsitzender Richter am Landgericht Darmstadt, dann Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, der höchsten Instanz für Strafdelikte in Deutschland.

Den Posten am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag trat der leidenschaftliche Fußballfan, der gern über seinen Lieblingsklub Eintracht Frankfurt diskutiert, schließlich 2015 an. Er war dafür erst von der Bundesregierung nominiert und später von den Vertreter:innen der 122 Mitgliedsstaaten gewählt worden. dani

Die Verteidigung des Angeklagten sah das allerdings anders. „Ongwen ist Opfer und nicht sowohl Opfer wie Täter“, sagte Rechtsanwalt Krispus Odongo in seinem Abschlussplädoyer: „Nach seiner Entführung wurde er gewaltsam zum Sklaven gemacht – und blieb Sklave, bis er die Rebellengruppe verließ.“ Die LRA ist dafür bekannt, Tausende entführter Kinder zu Killermaschinen gemacht zu haben: Sie mussten eigene Familienmitglieder töten oder vergewaltigen – danach fühlten sie sich dermaßen schuldig, dass sie sich ohnehin nicht mehr nach Hause wagten, die Fluchtgefahr war minimiert.

Ongwen soll als Zehnjähriger von LRA-Kämpfern entführt worden sein. Nachdem er einem mörderischen Aufnahmeritual unterzogen worden war, stellte sich der Junge bald als gewissenloser Anführer heraus: Ongwen wurde schließlich zum Kommandeur einer Rebellenbrigade ernannt. 2004 ließ er das ugandische Dorf Lukodi überfallen: Seine Kämpfer trieben die Bevölkerung in Hütten zusammen, die dann angezündet wurden. Wer überlebte und ein Mann war, wurde mit der Machete getötet; Frauen und Kinder mussten Hausgeräte und Vieh ins Quartier der Rebellen schaffen. Dort wurden sie anschließend zu Kämpfern ausgebildet, von Kämpfern zur Frau genommen oder als Sexsklavinnen missbraucht.

Kein einziges der von ihm vertretenen 1500 Opfer Ongwens sei der Überzeugung, dass der Rebellenführer unschuldig sei, sagte der ugandische Anwalt Joseph Akweyu Manoba am Rand des Verfahrens. Schließlich sei der Angeklagte damals erwachsen und im Vollbesitz seiner Kräfte gewesen. Auch habe er zahlreiche Gelegenheiten zur Flucht nicht wahrgenommen: Stattdessen mauserte sich der Entführte zu einer Schlüsselfigur der LRA.

Evelyn Amony – eine der 27 Frauen des Rebellenführers Joseph Kony, die als 12-Jährige von der LRA entführt worden war – beschrieb vor Gericht einen anderen Ongwen: „Er hat mich immer freundlich gegrüßt. Ich konnte sehen, dass er Menschen eigentlich mag.“ Zweifellos sei die Gewalt, der er als Junge ausgesetzt war, für seinen Lebensweg entscheidend gewesen, sagt HRW-Direktorin Jo Becker: „Trotzdem können die Verbrechen, die er als Erwachsener beging, damit nicht entschuldigt werden.“

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