Gut lachen haben in Ägypten die Schüler, deren Eltern ihre Beziehungen spielen lassen können.
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Gut lachen haben in Ägypten die Schüler, deren Eltern ihre Beziehungen spielen lassen können.

Ägypten

Schüler veröffentlicht Klausurfragen auf Facebook

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
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In Ägypten veröffentlicht ein Schüler fast alle Klausurantworten vorab auf Facebook. Seit Beginn des Zentralabiturs in Ägypten liefern sich Online-Aktivisten und Erziehungsministerium ein Katz-und-Maus-Spiel.

Seine weißliche Grinsemaske stammt aus dem Film „V wie Vendetta“. „Ich habe keine Angst, verhaftet zu werden“, prahlte der gesichtslose Oberschüler in seinem Facebook-Video und kündigte an, auch im nächsten Jahr wieder alle Klausurfragen ins Netz zu stellen, „wenn das Schulsystem nicht verbessert und die Korruption nicht ausgemerzt wird“. Seit Beginn des diesjährigen Zentralabiturs in Ägypten vor zwei Wochen liefern sich Online-Aktivisten und Erziehungsministerium ein beispielloses Katz-und-Maus-Spiel, welches – wie nie zuvor – die verrotteten und absurden Zustände in dem ägyptischen Bildungssystem enthüllt. Die Schulen sind total überfüllt, die Lehrer miserabel bezahlt und demotiviert, im Unterricht regieren Prügelstock und stures Pauken.

Bereits am ersten Prüfungstag erschienen auf der mysteriösen, chinesisch klingenden Facebook-Seite „Chao Ming hilft beim Abitur-Schummeln“ die Fragen und Musterantworten für die Fächer Religion und Arabisch. Als Nächstes folgten Englisch, dann Biologie, Physik, Statistik und Geografie. Sieben der insgesamt neun Klausuren wurden bisher verraten. Kein Wunder, dass die Nerven blank liegen.

Für die 570 000 Oberschüler und ihre Eltern sind die sogenannten Thanaweya-Amma-Tests die schlimmste Phase der Schulzeit. Denn die Gesamtnote der Abschlussklausuren entscheidet, wer an einer staatlichen Universität studieren darf und – vor allem – wer eines der begehrten Fächer Medizin, Pharmazie oder Ingenieurwissenschaften ergattern kann.

Berufliches Schicksal hängt am Abitur

Immer weniger Familien können die exorbitanten Studiengebühren privater Universitäten aufbringen. Und so hängt das berufliche Schicksal ihrer Kinder vor allem von diesen drei Abiturwochen ab, die noch bis zum 28. Juni laufen. Vor dem Erziehungsministerium kam es zu Demonstrationen entnervter Oberschüler, die nun Klausuren wiederholen müssen oder sich um den Lohn ihres wochenlangen Büffelns betrogen sehen. Andere lassen im Kampf um die Studienplätze ungeniert ihre Beziehungen spielen.

Die Zeitung „Al-Shorouk“ berichtete, im oberägyptischen Assiut hätten 120 Söhne und Töchter von Polizeioffizieren, Militärs, Richtern und hohen Beamten in einem speziellen Schulgebäude schreiben dürfen, in dem es schon in den Vorjahren zu Massenschummeleien gekommen sei. Die Zeitung „Al-Bawaba“ zitierte Augenzeugen, in Minia, Assiut und Qena seien Lehrer sogar mit gezückten Pistolen bedroht worden, als sie Betrügereien des Regimenachwuchses unterbinden wollten. Und so räumte Erziehungsminister El-Hilali El-Sherbini bei einer Fragestunde im Parlament zaghaft ein, dass die aus den Sechzigerjahren stammende Pädagogik und Prüfungspraxis in Ägypten reformiert werden müsse.

Als ersten Schritt schlug er vor, an den Klausurtagen das Internet im Land abzustellen und in den Prüfungssälen das Handynetz zu stören. „Was für eine absurde Idee“, stöhnte Gamal Sheha, der Vorsitzende des Bildungsausschusses im Parlament. Die Mehrheit der Abgeordneten sei schockiert und empört über die Facebook-Leaks. Benotung und Zugangskriterien zur Universität seien völlig überholt. „Dieses System ist ein Relikt aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, polterte Sheha. „Kein Land der Welt wendet es mehr an. Unser gesamtes Bildungssystem muss von Grund auf renoviert werden – und nicht nur die Abiturprüfungen.“

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