Porträt von Julia Gillard

Ein Schubs von zarter Hand

Die neue australische Premierministerin Julia Gillard war schon länger in Wartestellung für die Übernahme der Regierungsspitze. Sie weiß sich im harten Politgeschäft zu behaupten.

Man könnte Julia Gillard leicht unterschätzen, sie wirkt verletzlich mit ihrer blassen Haut und den fragilen Konturen. Aber das wäre ein Fehler. Mit Energie und Kalkül hat die australische Labor-Politikerin vom linken Flügel am Donnerstag ihren bisherigen Chef beiseitegeschoben. Sie musste, wie sie ohne Umschweife sagte, "die Kontrolle übernehmen", damit "die Regierung wieder ins richtige Fahrwassser kommt".

So hat die zierliche Frau gestern also Geschichte geschrieben: Sie ist zur ersten Premierministerin Australiens ernannt worden. Das war überfällig; die Umfragewerte für den gestürzten Kevin Rudd befanden sich seit Wochen im Sturzflug, seine Stellvertreterin Gillard harrte ihres Einsatzes. Eine kinderlose, unverheiratete Frau indes hat in Australien einen schweren Stand; einer ihrer Rivalen sprach ihr aus diesem Grund vor Monaten die Regierungsfähigkeit ab. Im Herzen ist Australien eine konservative Gesellschaft, die gestern über ihren Schatten springen musste. Es blieb den Parteikollegen nichts anderes übrig, als Gillard zu akzeptieren; denn mit Rudd war keine Wahl mehr zu gewinnen, und Wahlen wird es dieses Jahr noch geben.

Julia Gillard wurde 1961 in Wales geboren, ihre Eltern wanderten 1966 nach Australien aus und ließen sich in Adelaide nieder. Gillard wuchs im ultraliberalen Südaustralien der späten 1960er auf, wo sich unter der Regierung Don Dunstans, eines bekennenden Homosexuellen, Minderheiten entfalten konnten und die Künste aufblühten. Gillard studierte Jura, erprobte sich in einer Studentenorganisation. Von dort arbeitete sie sich durch die Institutionen, von der Lokalpolitik über den Parlamentssitz bis an die Spitze des Staats. 2006 wurde sie Rudds Stellvertreterin in der Labor-Partei, ein Jahr später nach dem Wahlsieg Vize in der Regierung. Jetzt hat sich die zweite Kraft an die erste Stelle gesetzt.

Um Rudd zu stürzen, musste sie zunächst die zerstrittene Labor-Partei einigen. Nun ist es an Gillard, die gröbsten Fehler ihres Vorgängers auszubügeln. Vor allem muss eine Einigung über die umstrittene Ressourcensteuer her. In ihrer Antrittsrede sagte Gillard bereits, sie öffne die Türen für neue Gespräche, wenn die Minengesellschaften ihre Köpfe für neue Ideen öffneten. Die angestrebten 40 Prozent Steuer auf Gewinne wird sie nicht durchsetzen können, doch Gillard gilt als hartnäckige und aggressive Verhandlungspartnerin.

Wie immer diese Verhandlungen ausgehen, Julia Gillard hat bereits jetzt mehrere Rekorde geschrieben. Sie ist die erste Frau an Australiens Regierungsspitze. Seit knapp hundert Jahren war kein Einwanderer mehr in diesem Amt. Und ein unverheirateter Premier hat noch nie in der "Lodge" residiert.

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