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Die angesehene Reporterin Ulrike Meinhof arbeitete auch für die Zeitschrift "Konkret".

Jutta Ditfurths Meinhof-Biografie

Der schroffe Schritt der Ulrike Meinhof

Geburtsstunde der RAF: Am 14. Mai 1970 befreite die Journalistin ihren Kampfgefährten Andreas Baader aus der Haft. Danach tauchten beide unter.

Von JUTTA DITFURTH

Sie hatte ihre Zwillingstöchter bei Freunden untergebracht, jetzt wartete die 35-jährige Ulrike Meinhof an einem großen Tisch im Lesesaal des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen im Westberliner Stadtteil Dahlem. In Jeans und Pullover saß sie zwischen Stühlen und halbhohen Schränken mit Karteikarten. Ihre Handtasche enthielt einen Hypothekenbrief über 40 000 D-Mark. Nervös rollten ihre Finger die Banderole einer Zigarettenschachtel. Manchmal warf sie einen Blick aus dem hohen Fenster in den Garten der Gründerzeitvilla. Ihre Finger rollten die Banderole enger und enger. Wegen des Mannes, mit dem sie eine Verabredung hatte, war das Institut für andere Besucher geschlossen. Als sie an diesem Donnerstag, dem 14. Mai 1970, um acht Uhr geklingelt hatte, war sie erwartet worden. Seitdem blätterte sie hastig in Karteikästen und ließ sich ab und an Bücher bringen. Sie rauchte und gab vor zu lesen.

Ulrike Meinhof hatte den linken Verleger Klaus Wagenbach überzeugt, mit Andreas Baader und ihr einen Vertrag über ein Buch zum Thema "Organisation randständiger Jugendlicher" abzuschließen. Sie war eine bekannte linke Journalistin, die seit Jahren eindrucksvolle Reportagen und Rundfunksendungen über Heimkinder verfasste. Aber in Wirklichkeit ging es diesmal um etwas anderes: "Wir wollen Andreas aus dem Knast befreien", hatte Ulrike Meinhof Klaus Wagenbach erklärt. Und er hatte Ja gesagt, denn die Befreiung politischer Gefangener war ihm wie den meisten Linken sympathisch. Mit Hilfe dieses Buchvertrags setzte Andreas Baaders Rechtsanwalt Horst Mahler bei der Gefängnisleitung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Berlin-Tegel durch, dass sein Mandant in das Institut in Dahlem ausgeführt wurde, um mit der Journalistin am Manuskript arbeiten zu können.

Ulrike Meinhof war an der Planung dieser Aktion von Beginn an beteiligt. Sie hatte mitentschieden, dass die Befreierinnen - anfänglich handelte es sich ausschließlich um Frauen - Waffen trugen, um sich Respekt gegenüber den ebenfalls bewaffneten Begleitern von Andreas Baader verschaffen zu können. Aber sie wollten, so war es vereinbart worden, bei der Aktion nur drohen, nicht schießen. Und Ulrike Meinhof hatte Geld beschafft für die Waffen.

Der Kreis um Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Horst Mahler und andere Linke hatte monatelang diskutiert, wie es mit der Linken weitergehen sollte; die außerparlamentarische Bewegung lag danieder; viele Gruppen waren zerstritten; die Spaßguerilla war erschöpft und der Republikanische Club (RC), einige Zeit ein Aktionszentrum der Linken, inzwischen wieder zu akademisch. Viele Genossen kehrten am vorläufigen Ende der Revolte zurück ins bürgerliche Leben und konzentrierten sich auf ihre Karriere an Universitäten oder in Parteien. Der SDS hatte sich sechs Wochen zuvor aufgelöst. Aber in Vietnam vergifteten nach wie vor Wolken des Entlaubungsmittels Agent Orange aus Maschinen der US-Air-Force Millionen von Menschen; auch in anderen Staaten der sogenannten Dritten Welt gingen die Stellvertreterkriege weiter. Worte und Aufklärung schienen nicht zu fruchten.

Viele Oppositionelle wollten diesen Niedergang ihrer Rebellion, die einmal so verheißungsvoll begonnen hatte, nicht akzeptieren. Mit unterschiedlichen Schlussfolgerungen: Die einen gründeten kommunistische Organisationen verschiedener Ausrichtungen, andere führten die antiautoritäre Konzeption in Basisgruppen weiter. Nach langen Diskussionen waren sich Ulrike Meinhof und ihre politischen Freunde einig geworden, eine Stadtguerilla nach dem Vorbild der uruguayischen Tupamaros aufzubauen. Meinhof wusste genau, dass ihr Entschluss, auch illegale Aktionen durchzuführen und dabei gelegentlich Waffen zu benutzen, auf ein Leben hinauslief, das sie wenigstens zeitweilig in den Untergrund führen würde. Die Gruppe hatte aber jetzt noch nicht vor, in die Illegalität zu gehen. Alle wollten so lange wie möglich ihr bürgerliches Leben weiterführen. Im Gegensatz zu ihren meist jüngeren Freunden hatte Ulrike Meinhof erlebt, was Illegalität bedeuten konnte, da sie einige Jahre der verbotenen und verfolgten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) angehört hatte. Dieses Mal würde es anders sein. Andere Zeitumstände. Ein schrofferer Schnitt. Sie bereitete sich vor. Sie sortierte ihren Bekanntenkreis. Sie brach Kontakte zu Menschen ab, die ihre Entscheidung nicht guthießen. Andere, die zwar nicht mitmachen, sie aber auch nicht verraten würden, warnte sie. Zu einer Freundin sagte sie: "Komm nicht mehr in die Küche, wenn du bei uns bist. Du hast nichts mit dem zu tun, was wir dort besprechen, denn du nimmst keine Waffe in die Hand."

Ursprünglich sollte Ulrike Meinhof rund eine halbe Stunde vor der Befreiung das Institut verlassen, Andreas Baader allein im Lesesaal sitzen. Sie sollte unbeteiligt erscheinen, damit sie vorerst weiter in der Legalität leben konnte. Dafür gab es gute Gründe: Sie genoss einiges Ansehen und erreichte mit ihrer publizistischen Arbeit viele Menschen. So hätte sie mit ihren politischen und beruflichen Verbindungen einer illegal operierenden Linken von Nutzen sein können.

Aber wenige Tage vor der Befreiung von Andreas Baader platzte Horst Mahler mit schlechten Nachrichten in ein Vorbereitungstreffen. Der Leiter der Justizvollzugsanstalt habe plötzlich angeordnet, dass Baader nur so lange in der Bibliothek bleiben dürfe, wie auch Meinhof dort anwesend wäre. Die Gruppe vertraute Horst Mahler, niemand überprüfte seine Angaben. Die Aktion hing jetzt davon ab, ob Ulrike Meinhof bereit wäre zu bleiben. Sie entschied sich mitzumachen. Vier Jahre später rechtfertigte sie die Befreiung Andreas Baaders als die eines Revolutionärs, der für den Aufbau der Metropolenguerilla unentbehrlich war. (…)

Gegen halb zehn stoppte der Gefangenentransporter vor dem Dahlemer Institut. Andreas Baader stieg aus, blass, mittelgroß, dunkelhaarig. Seine rechte Hand war an einen Beamten gefesselt, ein zweiter klingelte an der Eingangstür. Beide trugen Waffen. Der Angestellte Georg Linke öffnete. Im Lesesaal entfernte der Oberwachtmeister Andreas Baaders Handschellen und dieser setzte sich zu Ulrike Meinhof. Die beiden sprachen leise und hastig miteinander, während der Hauptwachtmeister überprüfte, ob die zweite Tür des Lesesaals abgesperrt war. Anschließend schloss er die hohen Fenster zum Garten, öffnete aber schon bald eines, weil Ulrike Meinhof und Andreas Baader sehr viel rauchten.

Wieder klingelte es an der Haustür. Folgt man verschiedenen Quellen, stellte sich der Ablauf so dar: Vor Georg Linke standen die beiden jungen Frauen, denen er am Tag zuvor erklärt hatte, dass der Lesesaal heute Vormittag geschlossen sein würde. Aber die beiden ließen sich nicht abwimmeln, und so gab Linke nach und wies ihnen Plätze an einem Tisch in der großen Diele der Villa zu. Dass sie bewaffnet waren, hatte er nicht bemerkt, bevor er wieder in seinem Büro verschwand. Mit der 19-jährigen Irene G. und der 26-jährigen Ingrid Schubert war die Gruppe noch nicht vollständig. Kurz darauf klingelte es erneut. Als Linke diesmal in die Diele trat, hatten die beiden Frauen die Haustür schon geöffnet. Ein Mann lief ins Haus, das Gesicht durch eine Wollmütze verdeckt, eine Gaspistole in der einen und eine Beretta mit Schalldämpfer in der anderen Hand. Hinter ihm betrat die 30-jährige Gudrun Ensslin mit einem Kleinkalibergewehr bewaffnet das Institut. Jetzt war das Befreiungskommando komplett.

Der Maskierte wollte Georg Linke mit einem Schuss aus der Gaspistole einschüchtern. Er schoss mit der scharfen Waffe, versehentlich, wie er später sagte, und verletzte ihn. Mit zwei Kolleginnen floh Linke zurück in die Büros, aus deren Fenstern alle drei ins Freie kletterten. Auf der Miquelstraße riefen sie um Hilfe. Vergeblich. Niemand hörte sie in der ruhigen Wohnstraße mit den großen Gärten.

Gudrun Ensslin war unterdessen als Erste in den Lesesaal gehastet, ihr folgten Irene G., Ingrid Schubert und der Mann. Es kam zu einem Gerangel mit den Wachtmeistern und zu weiteren Schüssen, diesmal von beiden Seiten. Niemand wurde mehr getroffen. Andreas Baader und hinter ihm Ulrike Meinhof sprangen aus dem offenen Fenster in den Garten, die anderen drei hinterher. - Im Aschenbecher lag eine eng zusammengerollte Banderole. Während der Fahndung in den darauffolgenden Jahren zeigte die Polizei im Fernsehen konspirative Wohnungen und konnte oftmals die Frage, wer von den Gesuchten dort übernachtet hatte, nicht beantworten. Wer Ulrike Meinhof kannte und Banderolenröllchen auf Fernsehbildern entdeckte, wusste Bescheid. - Kurz danach heulten die Motoren zweier Autos auf. Dann war es, bis auf ein paar Vogelstimmen, wieder still.

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