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Garantiert auch weiterhin keine Frau bei der Priesterweihe (liegend) im Vatikan.

Katholische Kirche

„Schritt um Schritt wird auch ein Weg“

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Das Lehrschreiben des Papstes enttäuscht viele deutsche Katholiken. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck spricht im FR-Interview über Franziskus’ langfristige Reformansätze.

Herr Bischof, das neue Schreiben des Papstes zur Amazonas-Synode enthält – entgegen der Bitte der Synodenteilnehmer – keine Öffnungsklausel für die Weihe verheirateter Männer zu Priestern. Manche sind enttäuscht, andere erleichtert. Und Sie?

Der Text zeigt das deutliche Bemühen von Papst Franziskus, auseinanderstrebende Positionen zusammenzuhalten. Der Papst konstatiert, dass die Kirche im Amazonasgebiet mehr Priester braucht, als sie hat. Und er empfiehlt allen Bischöfen, vor allem denen in Lateinamerika, die genügend Priester haben, diese zum Dienst in Amazonien zu motivieren, zu qualifizieren und sie dorthin zu entsenden.

Dem Vorschlag vieler Synodenteilnehmer zu einer verantwortbaren Lösung mit verheirateten Priestern folgt er nicht – und damit auch deren Versuch, auf pastorale Fragen ihrer Region für sie passende Antworten zu geben.

Ich wäre froh gewesen, wenn angesichts des unvergleichlich großen Priestermangels im Amazonasraum verheirateten Männern der Zugang zum Priesteramt auf dem Dispensweg ermöglicht worden wäre, einer Tradition folgend, die in den mit Rom verbundenen orthodoxen Kirchen katholische Praxis ist. Der Papst hat anders entschieden. Das ist vielleicht Ausdruck der Zögerlichkeit einer 2000 Jahre alten Kirche. Aber immerhin gesteht der Papst ein, dass dringend etwas zu tun wäre. Daran halte ich mich – auch als Adveniat-Bischof.

Was bedeutet das?

Wir sollten mit unseren pastoralen Projekten noch mehr für die Ausbildung von Seelsorgerinnen und Seelsorgern tun – von verheirateten Ständigen Diakonen zum Beispiel oder auch von Laien mit Leitungsverantwortung in den Gemeinden. In Menschen investieren, nicht in Steine. Das ist schon seit längerem meine Devise und die von Adveniat.

Kann Ihr Hinweis auf 2000 Jahre Geschichte in einer Phase dramatischer Abbrüche noch tragen? Oder anders gefragt: Läuft der Kirche nicht nur das Volk, sondern auch die Zeit davon?

Im Vergleich mit der Situation, in der die Kirche vor 40, 50 Jahren war, ist das Papst-Schreiben fraglos ein Fortschritt. Solch einen Text hätte es noch vor zehn Jahren nicht gegeben, und das freie Reden über die Probleme unserer Kirche auch nicht. In der gegenwärtigen Situation der Kirche bin ich immer schon froh, wenn Türen nicht zugeschlagen werden. Das täten bestimmte Gruppierungen – übrigens auch in der Gesellschaft – gern, um vermeintlich für Klarheit zu sorgen. Manche werden auch das neue Papst-Schreiben so zu deuten versuchen. Aber selbst wenn der Papst keine neuen Türen aufstößt, so verschließt er zumindest diejenigen nicht, die einen Spaltbreit offenstehen.

Für die Katholiken, die auf Veränderungen drängen, …

Zufrieden sieht anders aus: Bischof Franz-Josef Overbeck.

… ist das kein Trost, ich weiß. Aber für jemanden, der weiß, was die Kirche bis in unsere jüngere Vergangenheit geprägt hat, ist es doch eine ganze Menge. Und wer mich kennt, der weiß auch, dass ich mich damit nicht zufrieden gebe, was längst nicht jedem gefällt. Das Papst-Schreiben ist übrigens in seinem ersten Teil sehr zeitgemäß und zukunftsrelevant mit allem, was es zur himmelschreienden Ausbeutung und Vernichtung der Natur und den sozialen Verwerfungen in Lateinamerika sagt. Die Kirche ist und bleibt hier sehr entschieden an der Seite der Armen und an der Seite derer, die diesen Planeten und seine Lebensgrundlagen für künftige Generationen erhalten wollen. Manche denken ja, das sei für das gelebte Christentum allenfalls ein Nebenaspekt. Ich halte es für ein Megathema. Denken Sie nur an die „Fridays for Future“-Bewegung und die große Sensibilität für den Naturschutz. Für das Christentum, dem es um gelingendes Leben geht, kann das nichts Randständiges sein.

Die Passagen über die Rolle der Frau stellen Maria als Modell der Empfangenden vor. Wie sollen sich moderne Frauen, etwa die Protagonistinnen der Bewegung Maria 2.0, mit ihrem Selbstverständnis darin wiederfinden?

Der Papst rekurriert auf eine traditionelle Brautmystik, die heutigen Menschen tatsächlich nur schwer vermittelbar sein dürfte.

Zur Person

Franz-Josef Overbeck,Jahrgang 1964, ist Bischof von Essen, Militärbischof und seit 2010 auch Adveniat-Bischof.

Das Lateinamerika-Hilfswerkder katholischen Kirche in Deutschland steht für kirchliches Engagement an den Rändern der Gesellschaft und an der Seite der Armen. Bildungsprojekte, die Bewahrung der Schöpfung und der damit verbundene Schutz der indigenen Völker sowie der Einsatz für Frieden und Versöhnung sind die Prioritäten der Projektförderung. 

Was wäre aus dem Schreiben hierzulande zu lernen?

Das intellektuelle und existenzielle Wagnis, so zu leben, als gäbe es Gott.

Wie lebt man dann?

Gelassener – und zugleich bereiter, selbstlos für andere einzustehen. Nicht, dass man dafür unbedingt den Glauben bräuchte. Aber er gibt ein eigenes Fundament. Nur kommt diese Option eines Lebens mit Gott in unserer postmodernen, säkularen Welt ja immer weniger in Betracht. In Lateinamerika aber schon. Der Gottesglaube wird dort anders gelebt als bei uns. Insofern ist das nicht 1:1 übertragbar. Aber angesichts der vielen, die auch bei uns auf der Suche nach Sinn sind, könnte darin doch ein Moment der Anziehung stecken – auch durch eine Gemeinschaft, die trägt.

Die Kirche erscheint vielen aber gerade nicht als eine solche Gemeinschaft.

Wenn alle, denen an einer Zukunft der Kirche gelegen ist, diese Erkenntnis an sich heranließen, wäre das so ernüchternd wie hoffentlich erhellend und motivierend.

Der „Synodale Weg“ der deutschen Kirche folgt der Erkenntnis, dass die Kirche reformbedürftig ist. Änderungen beim Zölibat oder bei der Zulassung von Frauen zu den Ämtern sind nach dem neuesten Papst-Schreiben noch weniger zu erwarten als bisher schon. Hat der „Synodale Weg“ überhaupt noch die Chance, ein Ziel zu erreichen?

Ich will niemanden entmutigen. Deshalb sage ich: Schritt für Schritt nach vorn. Auch daraus wird ein Weg.

Aber zwei Schritte vor, einen zurück?

Die Echternacher Springprozession ist nicht meine präferierte Form der Fortbewegung. Wir müssen auf dem „Synodalen Weg“ lernen, Konflikte auszutragen, widerstreitende Positionen zu verstehen und auszuhalten. Unter demokratisch geschulten und gesinnten Menschen ist das eigentlich nichts Besonderes, in der Kirche schon. Hier sind wir – 100 Jahre nach Gründung der ersten deutschen Republik – mit unserem „Synodalen Weg“ in einem Prozess der Reifung. Wir müssen eine Atmosphäre und Kultur der Ausgrenzung überwinden, die uns in der Kirche leider allzu geläufig war.

Wenn schon der zivilisierte Streit und das Aushalten von Konflikten so schwierig ist, was ist dann erst mit strittigen Entscheidungen?

Auf unserem „Synodalen Weg“ werden wir am Ende ganz sicher zu Entscheidungen kommen – mit Mehrheiten und Minderheiten. Daraus wird deutlich der Wunsch erkennbar werden, wohin der Weg der Kirche gehen soll. Nur sollte niemand glauben, dass der Papst sich dem dann umstandslos anschließt. Das wird noch nicht einmal bei allen deutschen Bischöfen der Fall sein.

Interview: Joachim Frank

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