Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der schreckliche Kindermord kurz vor der Befreiung

20 "Kinder vom Bullenhuser Damm" als Opfer der Menschenversuche wurden getötet / Zeugen sollten beseitigt werdenDie britischen Truppen standen schon vor Hamburg, als Nazi-Schergen noch eines der übelsten Verbrechen der ganzen zwölf braunen Jahre in der Hansestadt verübten: Am 20. April 1945 ermordeten sie 20 jüdische Kinder, an denen gewissenlose SS-Ärzte vorher medizinische Versuche vorgenommen hatte. Die Kinder mussten sterben, damit keine Zeugen der Verbrechen überleben.

Von MICHAEL CARLIN (HAMBURG, AP)

Die britischen Truppen standen schon vor Hamburg, als Nazi-Schergen noch eines der übelsten Verbrechen der ganzen zwölf braunen Jahre in der Hansestadt verübten: Am 20. April 1945 ermordeten sie 20 jüdische Kinder, an denen gewissenlose SS-Ärzte vorher medizinische Versuche vorgenommen hatte. Die Kinder mussten sterben, damit keine Zeugen der Verbrechen überleben.

Am Abend des 20. April 1945 starben die jungen Opfer im Keller der Hamburger Schule am Bullenhuser Damm am Galgen. Sie waren zwischen fünf und zwölf Jahre alt. Mittlerweile ist der Tatort eine Gedenkstätte. Hier erwartet die "Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm" am Mittwoch, zum 60. Todestag der Kinder, mehr als 300 Menschen, unter ihnen Angehörige der Opfer aus Europa, den USA und Israel.

Ein Rosengarten und eine Ausstellung erinnern an die zehn Mädchen und zehn Jungen, die SS-Arzt Kurt Heißmeyer im November 1944 aus dem KZ Auschwitz für seine Versuche anforderte. Rund hundert Erwachsene, Häftlinge des KZ Neuengamme bei Hamburg, hatte er bereits mit Tuberkulose-Bakterien infiziert. Heißmeyer suchte einen Impfstoff und wollte mit den Ergebnissen der Menschenversuche Professor werden.

Die Versuche waren aber nicht nur verbrecherisch, sondern von vornherein nutzlos. Es hatte damals bereits ähnliche Versuche mit dem selben Resultat gegeben. "Heißmeyer hätte das wissen können", sagt Günther Schwarberg, Mitbegründer der "Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm". Trotz seiner bereits erfolglosen Ergebnisse bei den erwachsenen Opfern sollten nun Kinder Heißmeyers Versuchsreihe vervollständigen.

Die Kinder erlitten ein Martyrium

Heißmeyer ließ den Kindern die Haut einschneiden, die Bakterienlösung in die Wunden reiben, die entstehenden Geschwüre und Fieberkurven beobachten sowie die Lymphdrüsen herausoperieren - unter örtlicher Betäubung. Laut Schwarberg flößte Heißmeyer ihnen den infizierenden Stoff sogar direkt in die Lungen ein.

Das Martyrium der zwanzig Kinder dauerte bis ins Frühjahr 1945. Dann kam der Befehl von SS-Reichsführer Heinrich Himmler an alle noch nicht befreiten Konzentrationslager: Kein Häftling solle als lebender Beweis dem Feind in die Hände fallen. Für den KZ-Kommandanten Max Pauly in Neuengamme hieß es darüber hinaus: "Die Abteilung Heißmeyer ist aufzulösen." Pauly ließ die Kinder, ihre Betreuer und zahlreiche russische Kriegsgefangene am Abend des 20. April nach Hamburg bringen, in den Keller der Volksschule am Bullenhuser Damm im ausgebombten Stadtteil Rothenburgsort. Hier wurden sie von KZ-Arzt Alfred Trzebinski betäubt und von SS-Männern erhängt.

Einer von ihnen, so beschrieb es Trzebinski ein Jahr danach in seinem Geständnis, hängte sich mit seinem ganzen Gewicht an den Körper eines Jungen, damit sich die Schlinge zuzog.

Der Lohn waren Zigaretten und Schnaps

Die Mordaktion dauerte bis in die Morgenstunden. Neben den Kindern fielen ihr 28 weitere Gefangene zum Opfer. Die Leichen verbrannten die SS-Männer am nächsten Morgen und verstreuten die Asche im Lager Neuengamme. Ihr Lohn seien Zigaretten und Schnaps gewesen, so Schwarberg, der schon in den 70er Jahren begann, diese Geschichte zu rekonstruieren. Er veröffentlichte sie später in seinem Buch "Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm" (Steidl Verlag, Göttingen).

Schwarberg recherchierte auch die Verwandten der Opfer, die Jahrzehnte lang nicht wussten, was mit ihren Geschwistern, Söhnen oder Töchtern geschehen war. Mit ihnen gründete er 1979 den Verein, der seitdem jedes Jahr am Abend des 20. April im Rosengarten und im Keller am Bullenhuser Damm Nummer 92 die Angehörigen der Kinder versammelt.

Hier ist auch die Erklärung des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters Henning Voscherau zu lesen, in der er sich im Namen der Stadt nicht nur für die Verbrechen, sondern auch für die jahrelangen Versäumnisse der Justiz entschuldigt.

Zahlreiche der Mordbeteiligten wurden von britischen Truppen gefasst und hingerichtet. Nicht so die drei Hauptverantwortlichen Heißmeyer, sein Assistent Hans Klein und der SS-Leiter der Mordabteilung, Arnold Strippel. Heißmeyer wurde erste 1964 in der DDR aufgespürt und starb dort 1967 in Haft. Klein wurde Professor an der Universität Heidelberg und starb 1984. Strippel wurde 1949 zu lebenslanger Haft verurteilt, aber 1969 entlassen und sein Strafmaß reduziert.

Die Stadt Hamburg tat sich lange schwer mit der Erinnerung. Erst 1980 wurde eine bescheidene Gedenkstätte eröffnet, 1994 wurde der Ort der Erinnerung ausgebaut. Hinter der ehemaligen Schule erinnert ein der Rosengarten an die 20 ermordeten Kinder. "Man kennt ja nicht alle Namen der vielen Millionen Toten", sagt Schwarberg. "Die Namen dieser Kinder kennt man."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare