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Die Polizei zeigt Präsenz in Schorndorf.

Stadtfest mit Krawallen

Schorndorfs OB widerspricht AfD und Boris Palmer

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Nach den Krawallen und sexuellen Übergriffen in Schorndorf betont Oberbürgermeister Matthias Klopfer im Interview: "Weder Köln noch Hamburg kann mit Schorndorf verglichen werden."

Die schwäbische Kleinstadt Schorndorf ist plötzlich bundesweit in den politischen Schlagzeilen. Das  viertägige Stadtfest, die Schorndorfer Woche, blieb in der Nacht zum Sonntag nicht friedlich. Weil laut Polizei auch Migranten beteiligt waren, verglich die AfD die Vorfälle mit der Kölner Silvesternacht. Der Schorndorfer Oberbürgermeister, Matthias Klopfer (SPD), widerspricht.

Herr Klopfer, ist oder war Schorndorf im Ausnahmezustand?
Nein, überhaupt nicht. Es sind keine randalierenden Horden durch Schorndorf gezogen. Im Schlosspark haben wie jedes Jahr am Rande des Stadtfests unsere Jugendlichen gefeiert, vielleicht 1000 Leute, mit viel Alkohol.  Das ist leider eskaliert.

Was ist passiert?
Das ist noch immer unklar, weil es noch keine genauen Zeugenaussagen gibt. Zwei Gruppen sind aneinander geraten, erst verbal, dann körperlich. Es wurden Flaschen geworfen – auch gegen die Polizei, als die einschreiten wollte.

War das eine Massenschlägerei?
Da waren vielleicht 20 gegen 20 unterwegs. Nicht gut, keine Frage. Aber es gibt keine Verletzten bei der Polizei. Es wurde auch sonst keine schweren Körperverletzungen gemeldet, allenfalls Schnittverletzungen. Es gibt keine Tatverdächtigen, die festgenommen wurden.

Aber es gibt vier gemeldete Fälle sexueller Belästigung.
Ja, bedauerlicherweise. Das ist von dem Schlosspark-Vorfall unabhängig. Es gibt auch bei zwei Fällen Tatverdächtige: ein Iraker und eine Gruppe Afghanen.

Die AfD vergleicht die Schorndorfer Ereignisse mit der Kölner Silvesternacht von 2015, wo um den Dom offenbar Hunderte Frauen von Männern aus Nordafrika bedrängt wurden.
Weder Köln noch Hamburg – die Randale beim G20-Gipfel – kann mit Schorndorf verglichen werden. Die sexuelle Belästigung macht uns wirklich Sorgen. Aber das gibt es auch auf anderen Stadtfesten und die Täter kommen aus allen Alters- und Bildungsschichten und haben mal Migrationshintergrund und mal nicht.  Wo Partystimmung ist, viel Alkohol fließt und Männer nicht wissen, dass Nein Nein heißt, kommt das leider immer wieder vor.

Was ist mit den Auseinandersetzungen im Schlosspark? In der Pressemitteilung der Polizei vom Sonntag hieß es zu den feiernden Jugendlichen: „Bei einem großen Teil handelt es sich wohl um Personen mit Migrationshintergrund.“
Als ich die Pressemitteilung gelesen habe, wusste ich: Das wird bundesweit aufschlagen. Aber was dort von der Polizei beschrieben wurde, ist bislang nicht bestätigt worden. Die Faktenlage ist weiter dünn. Die Polizei ist mittlerweile selber zurückgerudert und spricht jetzt selbst nicht mehr vom Großteil mit Migrationshintergrund. Wo sie generell ihre Einschätzung her hat, ist unklar. Denn sie hat sich ja an dem Abend zunächst zurückgezogen. Logischerweise haben dann auch viele das Gelände verlassen.

Die Polizei ist also schuld?
Stadtverwaltung und Polizei waren zu wenig sensibel. Wir hätten frühzeitig merken müssen, dass es Zeit ist, die Jugendlichen sehr freundlich auf das Alkoholverbot ab 22 Uhr hinzuweisen und darauf, dass sie etwas länger trinken dürfen, weil Stadtfest ist. Um 23 Uhr hätten wir das noch freundlicher formulieren müssen. Und um halb 12, als es die ersten Auseinandersetzungen gab, hätten wir sagen müssen: Jungs, jetzt ist Schluss mit lustig. Jetzt werden die Wodkaflaschen ausgeleert und ihr verlasst innerhalb der nächsten 60 Minuten das Festgelände. Das haben wir die letzten Jahre immer so gehalten. Dieses Jahr haben wir die Politik der langen Leine versucht – das hat sich nicht bewährt.

Wenn der Ärger gar nicht so groß war – warum ist es dann die Aufregung?
Viele haben auf so einen Anlass gewartet. Die Bundestagswahl steht bevor, alle sind schon im Wahlkampfmodus. Und die AfD war im Sinkflug, die hat überhaupt kein Thema mehr gehabt. Dann passiert ausgerechnet in einer schwäbischen Kleinstadt etwas, da haben die ihre Chance gesehen.

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer von den Grünen hat Ihnen auch vorgeworfen, Sie müssten sich mehr um Flüchtlingsintegration kümmern.
Ich schätze Boris Palmer sehr. Er ist ein herausragender Kommunalpolitiker. Aber da verstehe ich ihn überhaupt nicht. Wir kennen uns, wir duzen uns. Aber er hat mich nicht mal gefragt, wie es gewesen ist. Auch ihm hätte es gut getan, mal nachzudenken oder nachzufragen, bevor er im Internet Kommentare postet.

Müssen Sie sich mehr um Flüchtlingsintegration kümmern? In ihrer 40.000-Einwohner-Stadt leben derzeit 700 Flüchtlinge.
Wir hatten auch mal 1000 Flüchtlinge und sind damit gut zurecht gekommen. Wir haben uns schon früh auf den Weg gemacht - Gemeinde, Kirche, Ehrenamtliche und Polizei zusammen. Wir haben für Wohnungen gesorgt, und Ehrenamtskreise aufgebaut. Wir haben eine ganz besondere Willkommenskultur, wir sind dafür auch mehrfach ausgezeichnet worden. Eine gut funktionierende deutsche Verwaltung kriegt sowas gemeinsam mit den Bürgern hin. Die Kritiker haben schnell gemerkt, dass die übergroße Mehrheit der Stadtgesellschaft sehr positiv mit der Lage umgeht.

Wird sich das ändern?
Ich denke nicht. Ich bin überzeugt, dass unser Weg der richtige ist.

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