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Scholz in Kanada: Auf Partnersuche in schwierigen Zeiten

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Von: Gerd Braune

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In einer diversen Welt: Bundeskanzler Olaf Scholz und Premierminister Justin Trudeau zwischen zwei „Mounties“. Foto: Kay Nietfeld/dpa.
In einer diversen Welt: Bundeskanzler Olaf Scholz und Premierminister Justin Trudeau zwischen zwei „Mounties“. Foto: Kay Nietfeld/dpa. © dpa

Kanzler Scholz und Premierminister Trudeau stärken die transatlantische Kooperation in der Energie- und Klimapolitik – besonders Wasserstoff steht im Fokus. Doch manche Pläne sind in Kanada umstritten.

Die Provinz Neufundland und Labrador ist landschaftlich eine der reizvollsten und gastfreundlichsten Regionen Kanadas. Auf den Reiseprogrammen europäischer Politiker:innen taucht „The Rock“, wie Neufundland meist von den Einheimischen genannt wird, selten auf. Anders nun bei der Kanadareise von Bundeskanzler Olaf Scholz. Die vom Wind umtoste Insel an der Atlantikküste Kanadas spielt in den Plänen des deutschen Regierungschefs, die Energieversorgung Deutschlands auf sicherere Beine zu stellen, eine eminent wichtige Rolle. Sie könnte Lieferant des umweltschonenden Energieträgers Wasserstoff werden.

Neufundland die östlichste und Europa am nächsten gelegene Provinz Kanadas. An der Nordspitze der Insel siedelten die ersten Einwanderinnen und Einwanderer aus Europa: die Wikinger, die im heutigen L’Anse aux Meadows, einem UN-Weltkulturerbe, um das Jahre 1000 eine allerdings nur wenige Jahrzehnte bestehende Siedlung errichteten. Die Hauptstadt der Provinz, St. John’s, ist die älteste Stadt Nordamerikas. Für Europa war Neufundland vor allem wegen des Fischreichtums seiner küstennahen Gewässer attraktiv.

Scholz in Kanada: Wichtiger Zwischenstopp in Neufundland

Aber das interessierte Olaf Scholz jetzt wohl weniger. In Montreal und Toronto war die wirtschaftliche Kooperation neben dem Ukraine-Krieg das wichtige Gesprächsthema. Und vor dem Rückflug nach Deutschland sollte ein Zwischenstopp in Neufundland eingelegt werden.

Zusammen mit Wirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck wollte er am Dienstagnachmittag Ortszeit, vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe, mit Kanadas Premierminister Justin Trudeau in Stephenville eintreffen, einem annähernd 7000 Einwohner:innen zählenden Städtchen an der Westküste der Insel.

Scholz in Kanada: Es gibt vor Ort auch Bedenken gegen das Wasserstoff-Projekt

Bis vor wenigen Jahren war dort der Papierkonzern Abitibi der wichtigste Arbeitgeber, bis er seine Mühle schloss. Jetzt soll ein neuer Wind wehen: In und rund um Stephenville könnte die Windkraft ausgebaut werden, die wiederum Energie für die Elektrolyse und Gewinnung von Wasserstoff liefern soll. Das US-Unternehmen World Energy GH2 etwa will einen Windpark an Neufundlands Westküste bauen und auf dem ehemaligen Abitibi-Gelände Wasserstoff und dessen Derivat Ammoniak produzieren.

Der kanadische Geschäftsmann John Risley, der bei World Energy im Vorstand sitzt, glaubt, wie die Tageszeitung „Globe and Mail“ schreibt, dass dieses Projekt ein Katalysator für einen boomenden Wasserstoffbranche in der Atlantikregion Kanadas werden könnte. Aber die Kosten sind mit geschätzten zehn bis zwölf Milliarden US-Dollar hoch. Und es gibt vor Ort auch Bedenken gegen das Projekt wegen des Landschaftsverbrauchs. Kritiker:innen stellen die Frage, ob eine Offshore-Anlage, also eine Windfarm im Meer, nicht besser wäre.

Scholz in Kanada: Vereinbarung als Basis für eine Wasserstoff-Lieferkette von Kanada Deutschland

Für Scholz und Trudeau ist die Wasserstoffwirtschaft ein wichtiger Teil der künftigen Kooperation in der Energiepolitik und beim Übergang zu sauberen, erneuerbaren Energiequellen. Daher stand die Unterzeichnung einer Vereinbarung über den Aufbau einer Partnerschaft in der Wasserstoffwirtschaft auf dem Programm des kurzen Stephenville-Aufenthalts. Die mehrseitige Vereinbarung wird die Basis für eine Wasserstoff-Lieferkette von Kanada nach Deutschland sein, die bereits in wenigen Jahren stehen soll.

Sie soll zudem ein klares Signal an die Wirtschaft sein, dass Wasserstoff ein Energieträger der Zukunft ist, auf den beide bauen. Beide Länder haben eine Wasserstofffahrzeuge beschlossen. Der „grüne Wasserstoff“, spielt dabei die entscheidende Rolle: Er wird durch Elektrolyse, bei der Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt wird, hergestellt und der dafür benötigte Strom soll aus erneuerbaren Energien wie Windkraft kommen. Sowohl der Strom als auch die Produktion von Wasserstoff sind CO2-frei. Wasserstoff soll dann Öl, Kohle und Erdgas als Brennstoff ersetzen.

Gas aus Kanada: Pipelinebau ist im Land heftig umstritten

In diesem Ziel sind sich Trudeau und Scholz einig. Kanada ist aber auch ein bedeutender Förderer von Erdgas. Der Ukraine-Krieg und die Drosselung der Erdgaslieferungen Russlands an Deutschland machen die Suche nach neuen Lieferanten zumindest für eine Übergangszeit notwendig.

Mit seinen gewaltigen Erdgasressourcen, die die Canadian Gas Association/CGA mit 39 Billionen Kubikmeter angibt, und einer jährlichen Förderung von 170 Milliarden Kubikmeter ist Kanada zwar der fünft- oder sechstgrößte Erdgasförderer. Aber nur an der Westküste steht ein Terminal für Exporte nach Asien kurz vor der Fertigstellung. An seiner Ostküste hat Kanada derzeit keine Terminals, um von dort Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas/LNG) nach Europa zu exportieren. Ein Terminal des spanischen Konzerns Repsol in St. John kann bisher nur für Importe genutzt werden. Kanadas Erdgasfelder liegen vor allem im Westen, die Transportwege sind weit und Pipelinebau ist in Kanada heftig umstritten.

Scholz in Kanada: Sind Investitionen sinnvoll?

Eine kurzfristige und direkte Hilfe für Deutschland kann kanadisches LNG also nicht sein. Aber der Kanzler und der Premierminister machten deutlich, dass Kanada mit seiner Lieferung über das Terminal an der Westküste ebenfalls die Erdgasmenge, die auf dem Weltmarkt zur Verfügung steht, vergrößert und damit ebenfalls Deutschland hilft. Denn durch kanadische Lieferungen könnten Erdgasmengen auf dem Weltmarkt zur Verfügung stehen, die nach Deutschland kommen könnten. Zudem fließt kanadisches Erdgas in die USA und ist Teil der Gasexporte der USA nach Europa.

Ob der Bau eines Exportterminals wirtschaftlich rentabel ist, müssen die beteiligten Unternehmen entscheiden. Sie müssten entscheiden, ob es einen „business case“ für diese Investitionen gibt, machten Trudeau und Scholz deutlich, dies auch angesichts des geplanten Übergangs auf Wasserstoff. Vom Tisch sind diese Überlegungen noch nicht.

Scholz in Kanada: Deutsche Industrie reist mit

Neben Wasserstoff und Erdgas sind die sogenannten kritischen Mineralien und Metalle ein bedeutender Bereich der angestrebten engeren wirtschaftlichen Kooperation. Kanada hat all die wichtigen Rohstoffe wie Lithium, Kobalt oder Seltene Erden, die die deutsche Industrie braucht. Kanada soll nun helfen, Deutschland aus der einseitigen Abhängigkeit von Ländern wie China zu befreien.

Offenbar ist das Interesse der deutschen Industrie groß. Aber schon seit Jahren ist von diesem Schwenk der deutschen Industrie, die sich in den 1970er Jahren aus dem Auslandsbergbau zurückgezogen hat und lieber Rohstoffe kauft, als im Ausland in Bergbau zu investieren, die Rede. Aber getan hat sich wenig. Nun ist die Hoffnung der Politik, dass die Industrie mitzieht und dass das starke Interesse der deutschen Industrie, die Vertreterinnen und Vertreter mit Scholz nach Kanada schickte, in konkrete Projekte umschlägt. Vorreiter können VW und Mercedes sein, die am Dienstag in Toronto Vereinbarungen mit Kanada über den Bezug von Rohstoffen unterzeichneten.

An den beiden Regierungschefs soll es nicht liegen. Dass Trudeau den Bundeskanzler auf der Reise seit Sonntagabend auf allen Stationen begleitete und mit ihm in Montreal, Toronto und Stephenville auftrat, wird in Kanada als Zeichen hoher Wertschätzung gesehen.

Scholz in Kanada: „Ich bin froh hier zu sein unter Freunden“

Trudeau war 2017 Gast beim G20-Gipfel in Hamburg, nun revanchiert sich der Premierminister für die Gastfreundschaft des einstigen Bürgermeisters Scholz.

Umgekehrt sind drei Tage, die der Kanzler für seinen Antrittsbesuch in Kanada einplante, ebenfalls bemerkenswert. Als Trudeau beim Toast am Montag in Toronto ausdrücklich darauf hinwies, dass Scholz „nicht auf dem Weg nach oder von Washington“ nach Kanada kam, sondern ausschließlich nach Kanada kam, löste beim offiziellen Dinner im Royal Ontario Museum lauten Beifall aus.

Allzu oft müssen die Kanadier:innen feststellen, dass ihr Land für Besuch aus Europa ein Trittstein auf dem Weg zum großen Nachbarn im Süden ist. Dies war jetzt nicht der Fall. Scholz bedankte sich: „Ich bin froh hier zu sein unter Freunden.“

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