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Brief an Olaf Scholz: Dieter Nuhr wehrt sich gegen Kritik – „Irrational und teilweise verlogen“

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Von: Katja Thorwarth

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Der „offene Brief“ an Kanzler Scholz hat viel Aufsehen erregt. Kritik wollen unter anderem Dieter Nuhr und Ranga Yogeshwar nicht auf sich sitzen lassen.

Frankfurt – Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer, Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, die Schriftsteller:innen Martin Walser und Juli Zeh, Liedermacher Reinhard Mey, die Kabarettisten Gerhard Polt und Dieter Nuhr sowie die Filmemacher Andreas Dresen, Helke Sander und Alexander Kluge gehören zu den Unterzeichner:innen des „Offenen Briefs“ an Kanzler Olaf Scholz. „Intellektuelle und KünstlerInnen“ (Emma) formulieren dort ihre Ängste bezüglich einer weiteren „Eskalation“ des russischen Angriffskriegs in der Ukraine.

In der Emma wurde der Text zuerst veröffentlicht. Darin ist die Furcht vor einem dritten Weltkrieg abgefasst, gekoppelt an die Aufforderung, keine schweren Waffen an die Ukraine zu liefern. Man teile das „Urteil über die russische Aggression als Bruch der Grundnorm des Völkerrechts“, doch was sich daraus ableiten lasse, habe „Grenzen in anderen Geboten der politischen Ethik“: „Selbst der berechtigte Widerstand gegen einen Aggressor steht dazu irgendwann in einem unerträglichen Missverhältnis.“ Die Eskalationsgefahr zum atomaren Konflikt gehe „nicht allein den ursprünglichen Aggressor“ etwas an, sondern gleichsam „auch diejenigen, die ihm sehenden Auges ein Motiv zu einem gegebenenfalls verbrecherischen Handeln liefern“.

Offener Brief an Olaf Scholz: Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar wehrt sich gegen Kritik

Der Brief findet nicht nur Fürsprecher:innen. Im Gegenteil. Viele werfen den Unterzeichnenden vor, ihre Ängste an den Falschen und nicht an Wladimir Putin zu adressieren. „Ihr fordert, Ukrainerinnen den Aggressoren schutzlos zu überlassen. Schämt euch!“, heißt es beispielsweise vom Verein „Frauen für Freiheit“. FDP-Politiker Konstantin Kuhle schreibt etwa auf Twitter: „Wenn das die Haltung wäre, dann wären gewaltsame Grenzverschiebungen und Kriegsverbrechen die neue Normalität. Diese Position ist Wahnsinn.“

Kabarettist Dieter Nuhr ist Unterzeichner des Offenen Briefes zum Ukraine-Krieg an Kanzler Scholz.
Kabarettist Dieter Nuhr ist Unterzeichner des Offenen Briefes zum Ukraine-Krieg an Kanzler Scholz. © Henning Kaiser/dpa

Doch an den „Intellektuellen und KünstlerInnen“ perlt die Kritik ab. Diesbezüglich öffentlich geäußert haben sich unter anderem der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar und Dieter Nuhr. Der Erstgenannte erklärt sich im „Wochentester“-Podcast des Kölner Stadt-Anzeigers. „Es geht nicht darum, die Ukraine alleine zu lassen oder dass sie sich ergeben soll“, sagt Yogeshwar: „Es geht in dem Brief um eine Eskalationsstufe, bei der durch schwere Waffen etwas passieren könnte, was wir alle nicht wollen.“ Er vermutet, dass es „nicht so sein“ werde, „dass eines schönen Tages die Ukraine aufsteht und sagt: Wir haben den Krieg gewonnen. Genauso wird das umgekehrt auch nicht passieren.“

Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz: Kabarettist Dieter Nuhr verteidigt sich

Der Krieg könne also nur durch Verhandlungen beendet werden. „Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, dass mit denen nicht zu verhandeln ist.“ Entsprechend könne am Ende nur ein Kompromiss stehen: „Es muss Russland und der Ukraine das Gefühl vermittelt werden, dass beide Player als Sieger aus dem Krieg hervorgehen.“

Kabarettist Dieter Nuhr drückt sich in seiner Reaktion auf Facebook weniger diplomatisch aus. „Unangemessen, irrational und teilweise leider auch verlogen“ sei die Kritik, welche den Brief „bis zur Unkenntlichkeit verdreht“ habe. Es sei üblich, „dass der Andersmeinende durch Etikettierung und Diffamierung abgewertet“ werde. Weiter stehe „etwa die Hälfte der Bevölkerung der Bundesrepublik hinter dem, was im offenen Brief gefordert wurde“ – tatsächlich stimmen im aktuellen RTL/ntv-Trendbarometer 46 Prozent für eine Lieferung von Offensivwaffen (3. Mai), Anfang April waren es noch 55 Prozent gewesen.

Dieter Nuhr zum Ukraine-Krieg: „Wer Krieg führt, muss wissen, zu welchem Ziel“

„Wer Krieg führt, muss wissen, zu welchem Ziel. Ein solches hat mir bisher niemand nennen können“, führt Nuhr aus. Ihm habe „bisher niemand erklären [können], wie die Lieferung schwerer Waffen dazu beitragen könnte, die Ukraine zu befrieden“. Antworten zu diesen Fragen würde er eventuell auf Twitter finden: „Also dass er einen Atomkrieg vom Zaun brechen würde, trauen die Unterzeichner von #offenerbrief Putin schon zu. Aber dass er, wenn man ihn jetzt nicht mit Waffen stoppt, nach der Ukraine noch mehr osteuropäische Länder angreift, eher nicht. Wie passt das denn bitte zusammen?“, schreibt eine Nutzerin.

V.P. gibt unter dem Nuhrschen Facebook-Post zu bedenken: „Trotz der Erklärung bleibt bei mir das Gefühl, dass der Wille der Ukrainer zur Freiheit und deren Wunsch nach Unterstützung total ausgeblendet werden. Schließlich schicken wir ja keine Waffen, weil wir lustig sind, sondern weil wir inständig gebeten werden.“ Außerdem habe Russland „durch Kriegsverbrechen und Lügen den Anspruch auf Verhandlungen vorderhand verwirkt. Atommacht hin oder her.“ (kth)

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