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Das ehemalige Segelschulschiff „Alexander von Humboldt“, nun ein Hotel-und Gastronomieschiff, liegt am Martinianleger

Bremen

Schöne neue Stadt?

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Die Digitalisierung zerreißt den sozialen Zusammenhalt in Bremen.

Was sind die Ursachen für die Krise der Sozialdemokratie in Bremen? Im Zentrum sieht der Bremer Politikwissenschaftler Andreas Klee die „nachlassende Bindung der Stammwähler an die SPD, bedingt durch den wirtschaftlichen Strukturwandel“. Globalisierung, Digitalisierung und Roboterisierung scheinen die Deutschen immer stärker in Gruppen von Gewinnern und Verlierern zu teilen – wobei sich die Gewinner am Ende um CDU, Grüne und FDP scharen, während die Verlierer zur AfD strömen, teils auch zur Linkspartei. Wo bleibt inmitten dieses neuen Mahlstroms die SPD?

Nach dem Krieg erschien den Bremern die Sozialdemokratie noch als unverzichtbare Institution, als allzeit schützende, helfende Hand, die im Zweifelsfall alle Bürger immer wieder zusammenführt. In den folgenden Jahrzehnten ging es, wenn auch mit Schwierigkeiten, aufwärts. Die erste große Enttäuschung kam für die Bremer mit der Werftenkrise, die Mitte der Neunziger außer Kontrolle geriet – und am Ende den Vulkan-Konzern mit seinen 23 000 Beschäftigten zusammenbrechen ließ.

Und heute? Fragt man einen Bremer, ob es der Stadt inzwischen wieder gut geht, bekommt man sehr unterschiedliche Antworten, je nach sozialer Herkunft. Die einen sagen, seit einiger Zeit sei eigentlich alles immer besser geworden. Zum Glück gebe es ja Mercedes-Benz in Bremen, mit dem größten Werk des Konzerns in Europa. Dazu Airbus-Fertigung, Satellitentechnik, sogar ganz neuartige Roboterfirmen.

Die anderen, vor allem Leute aus den sozialen Brennpunkten im Bremer Norden, sagen, sie fühlten sich heute stärker abgehängt denn je. Das Problem ist: Beide haben recht. Bremen ist geprägt von einer auch ökonomisch auffälligen Kuriosität. Der Stadtstaat hat das höchste Wirtschaftswachstum in Norddeutschland – zugleich aber auch die höchste Arbeitslosigkeit.

In der Bremer Überseestadt, in verlassenen Lagerhallen, gibt es inzwischen genau jene Start-Up-Firmen aus der Medien- und Kreativwirtschaft, die sich der Senat lange gewünscht hat. „team neusta“, eine Internetagentur mit rund 1000 Mitarbeitern, ist eine von ihnen. Zum Sommerfest bei Bier und Bratwurst erschien auch schon mal Bürgermeister Carsten Sieling persönlich – damals ahnte er noch nicht, dass der Gründer, Carsten Meyer-Heder, in diesem Jahr als CDU-Kandidat gegen ihn antreten würde.

In Bremen siedeln inzwischen viele neue Firmen, deren Mitarbeiter verblüffend gute Löhne kassieren und wunderbare Dinge erleben. Sie werden tagsüber von innovativen Chefs mit kostenlosem Obst verwöhnt und blicken abends aus bunt beleuchteten Bars auf die glitzernde Weser. IG Metall? Betriebsrat? SPD? Dreimal Fehlanzeige.

Die früher übliche Dominanz der Sozialdemokratie erodiert

Zugleich erodiert auch weiter im Norden die früher übliche Dominanz der Sozialdemokratie – allerdings aus ganz anderen Gründen. Rund um Bremens gigantische Mietwohnungsburgen aus der Ära der „Neuen Heimat“ trifft man Leute, deren Familien sich schon seit der Werftenkrise aussortiert fühlen. Als dann noch, 20 Jahre später, „die Syrer“ kamen, begannen sie, hemmungslos AfD zu wählen. Im nördlichen Stadtteil Blumenthal etwa holte die AfD bei der letzten Bundestagswahl 16 Prozent. In Bremens schmucken Innenstadtvierteln dagegen, wo teurer Latte Macchiato aus Bio-Kaffeebohnen getrunken wird, reichte es bei der AfD nicht mal für fünf Prozent.

Früher war im kleinen Bremen die Welt noch klar geordnet. Da gab es auf der einen Seite die Reichen, die Werfteigentümer und die Pfeffersäcke, Familien mit Namen wie Lürssen oder Jacobs. Auf der anderen Seite stritten eine linke SPD und eine linke Gewerkschaftsszene für die Rechte der Beschäftigten. „Diese Zeiten, in denen Arbeiter als politische Kraft mobilisiert werden konnten und selbst hochpolitisiert waren, sind spätestens seit den 90er Jahren passé“, sagt Politikwissenschaftler Klee.

Und nun? Der Bremer Senat gab sich in den vergangenen 20 Jahren alle Mühe, auf ein schönes neues Bremen zu setzen: mit viel Modernisierung, Wissenschaft und Hochtechnologie. Inzwischen allerdings blickt man im Rathaus, ein bisschen wie bei Goethes Zauberlehrling, auf Geschöpfe, die sich rundherum gegen den Meister erheben, ihm jedenfalls nicht dienen wollen.

„In dieser Stadt gibt es inzwischen eine ganz neue Wirtschaft, mit ganz neuen Helden“, sagt Stefan Offenhäuser von der Handelskammer Bremen. Zum Beispiel den etwas raubeinigen Klaus-Peter Schulenberg. Dessen erste Großtat lag darin, die Rolling Stones zu einem Konzert nach Bremen zu holen – inzwischen ist Schulenberg Milliardär und seine Firma Eventim der größte digitale Ticketverkäufer der Welt.

Von ähnlichen Stories träumen die Gründer diverser Firmen, die sich in Bremen der Künstlichen Intelligenz widmen. Als KI-Standort gewinne Bremen immer mehr Bedeutung, freut sich der Senat. Dabei werfen die neuesten Kreationen der Branche durchaus Fragen auf. Was etwa ist von den „Cobots“ zu halten, den in Bremen entwickelten „Kollaborativen Robotern“, die sich dank KI viel besser als ihre Vorgänger in menschliche Teams einfügen? Gehen auf diese Art nicht bald erneut Tausende von Jobs flöten? Die Digitalisierung, sagt Politikwissenschaftler Klee,verändere schon jetzt den Charakter der Arbeit von Stammbelegschaften: „Raumfahrt, Künstliche Intelligenz, auch Auto- und Flugzeugbau sind keine klassischen Malocherjobs mehr.“

Welche Perspektive aber haben jene Bremer, denen die hinreichende Qualifikation fehlt für diese schöne neue Welt? Ausgerechnet das Bundesland mit den schwächsten Pisa-Ergebnissen setzt nun auf extrem hochtechnologisch orientierte Branchen – das gibt aus Sicht vieler Einheimischer dem Boom hinter den Türen der High-Tech-Labors an der Weser etwas sehr Fernes und Irreales, wenn nicht gar Bedrohliches. Und es drückt auf die Stimmung. Jene, die sich schon seit Längerem nutzlos fühlen, sehen neue Demütigungen kommen.

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