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Zum Tod von Jegor Gajdar

Der Schockreformer

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Russlands meistgehasster Politiker ist tot. Der Mann, der Russland von der Planwirtschaft in die Marktwirtschaft katapultiert hat, erlag im Alter von 53 Jahren unerwartet einem Blutgerinnsel. Von Christian Esch

MOSKAU. Der Mann, der Russland von der Planwirtschaft in die Marktwirtschaft katapultiert hat, ist tot. Am Mittwoch früh starb in Moskau Jegor Gajdar, Russlands bekanntester Wirtschaftsreformer und vermutlich meistgehasster Politiker. Gajdar erlag im Alter von 53 Jahren unerwartet einem Blutgerinnsel.

Russlands erster Präsident Boris Jelzin hatte den Ökonomen im Dezember 1991 in die Regierung geholt. "Gajdar und seinen Trupp", so nannte das Land scherzhaft den jungen Vizepremier und seine ebenso jungen Mitstreiter. Das war eine Anspielung auf das beliebte sowjetische Kinderbuch "Timur und sein Trupp", das Gajdars Großvater Arkadij verfasst hatte und in dem nette Pioniere alten Leuten helfen. Tatsächlich wirkte Gajdar mit seiner hohen Stimme und seiner ungelenken Art immer wie ein großer Junge.

Das Scherzen verging dem Land aber schnell. Der ehemalige Mitarbeiter der Parteizeitschrift "Kommunist" wurde zum Vater eines radikalen Reformprogramms, das die Planwirtschaft zerschlug. Nach dem Vorbild der "Schocktherapie", die der Harvard-Ökonom Jeffrey Sachs Polen verschrieben hatte, wurden zu Neujahr 1992 fast alle Preise freigegeben. Anders als in Polen führte der Schritt zur Hyperinflation. Auch die rasante Privatisierung über Anteilsscheine, die an die Bevölkerung vergeben wurden, verlief schmerzhaft. Die "Voucher" landeten schnell in den Händen weniger. Viele Russen erinnern sich an diese Jahre als eine Zeit des Hungers und der Verarmung, die Sterblichkeit stieg drastisch.

Insgesamt war Gajdar nur ein Jahr in der Regierung. Präsident Jelzin ersetzte ihn Ende 1992 auf Druck des Parlaments durch Viktor Tschernomyrdin, einem ehemaligen Kombinatsdirektor. Gajdar blieb eine Hassfigur der Opposition. Der Streit zwischen Präsident und Parlament, der im Herbst 1993 mit dem Beschuss des Parlaments durch Panzer kulminierte, entzündete sich auch an Jelzins Versuch, Gajdar erneut zum Vizepremier zu ernennen. Gajdar forderte die Moskauer damals in einer Fernsehansprache auf, die Demokratie auf der Straße zu verteidigen. Im Dezember 1993 wurde Gajdar selbst Parlamentsmitglied, als Kopf der kreml-loyalen liberalen Fraktion "Russlands Wahl". Den ersten Tschetschenien-Krieg kritisierte er dennoch heftig. Doch der Liberalismus erlitt unter diversen Namen eine Wahlniederlage nach der anderen. Zuletzt scheiterte Gajdar 2003 mit der SPS.

Auch Kritiker Gajdars achteten in ihm einen Mann von herausragender Intelligenz, ökonomischem Sachverstand und großer Geradlinigkeit. Die Härten seiner Schocktherapie versuchte Gajdar mit der unzulänglichen politischen Unterstützung und dem schweren Erbe der Sowjetzeit zu rechtfertigen, über das er 2006 die Studie "Der Untergang des Imperiums" verfasste. Sie lenkte den Blick auf die Zahlungsbilanzprobleme der Sowjetunion, die vom Öl- und Gaspreis abhingen.

Wladimir Putin, der die 90er gerne als düsteren Kontrast zu seiner eigenen Präsidentschaft beschwört, lobte Gajdar als "echten Bürger und Patrioten". Gajdar selbst kritisierte jüngst Russlands politische Erstarrung, ohne aber je Putin anzugreifen. Sein Tod kam unerwartet. Aufsehen erregte allerdings eine plötzliche Erkrankung Gajdars 2006, die er auf eine Vergiftung zurückführte. Er hatte damals dunkel "Feinde der russischen Führung" verdächtigt.

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