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Der Schock von Weiterstadt

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Von: Pitt von Bebenburg

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Die RAF sprengte Anfang der 90er Jahre den Neubau von Hessens größtem Gefängnis.

Es riecht nach Rauch in den langen Fluren des Gefängnisses Weiterstadt. Zigaretten gehören zum Alltag vieler Häftlinge, doch Anstaltsleiterin Claudia Fritz muss wegen des neuen Nichtraucher-Schutzgesetzes dafür sorgen, dass sie nur noch in der eigenen Zelle angezündet werden. "Das ist eine Herausforderung", sagt sie. Man kann sich vorstellen, dass ein solches Verbot im eintönigen Gefängnis-Leben schlecht ankommt.

Die muntere Frau mit den rot getönten Haaren macht aber nicht den Eindruck, als ob ihr die Frage schlaflose Nächte bereiten würde. Hier in Weiterstadt sind schon ganz andere Probleme bewältigt worden, wenn auch weit vor der Amtszeit der 41-jährigen Claudia Fritz. Auf diesem Gelände explodierten 1993 zum letzten Mal Bomben der Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF).

In der Nacht zum 27. März 1993, einem Samstag, kletterten mindestens drei Männer und eine Frau über die 6,50 Meter hohe Mauer der nagelneuen Haftanstalt, die fast fertig gebaut war. Nach den Ermittlungen des Bundeskriminalamtes überwältigten sie zehn Bedienstete, brachten sie aus dem Gebäude, deponierten fünf Sprengladungen und zündeten sie. Die RAF bekannte sich zu dem Anschlag - doch wer die Beteiligten waren, wurde nie geklärt. Die Ermittler vermuten, dass Birgit Hogefeld dazugehörte, die aber nicht rechtskräftig für den Anschlag verurteilt wurde.

Die Außenwand des Verwaltungsgebäudes, in dem Leiterin Fritz heute ihr Büro hat, wurde weggesprengt. Der Verbindungsgang, an den die meisten Hafthäuser grenzen, war ein Trümmerfeld. In den Zellentrakten blieb kaum ein Stein auf dem anderen. Der Wiederaufbau kostete nach Regierungsangaben 112 Millionen Mark. 1997 war Eröffnung.

Untersuchungshäftlinge erleben hier, wie es ist, gefangen zu sein. Das ist ein Schock, für den es in der Fachsprache ein Wort gibt: "Haftschock". "Für die bricht eine Welt zusammen", sagt Claudia Fritz. Sozialarbeiter und Psychologen führten Gespräche mit jedem Häftling, versichert sie. Für lange Zeit war das Gefängnis auf der grünen Wiese am Rande Weiterstadts überbelegt. Zeitweise mussten mehr als tausend Männer untergebracht werden. Derzeit sind es 735 Gefangene. Etliche Zellen stehen leer. So können die Hafträume gestrichen und die Wandsprüche übermalt werden, mit denen Gefangene ihre Meinung über Allah, Adolf Hitler, Gott und die Welt kundgetan haben. Endlos zieht sich der einst weggebombte, glasüberdachte Verbindungsgang. Die Vollzugsanstalt Weiterstadt, Hessens größtes Gefängnis, ähnelt einer Stadt im Kleinen, mit Fitness-Center und Sporthalle, Mehrzweckhalle und Kirche, Gärtnerei und Werkstätten, in denen Lampen verpackt werden. Doch über allem liegt die bedrückende Atmosphäre der Gefangenschaft.

Zum zehnjährigen Bestehen der Anstalt soll es demnächst eine kleine interne Feier geben. Sie wolle sich "auch mit den Ex-Kollegen einfach mal zusammensetzen", erzählt Claudia Fritz. Mancher heutige und frühere Bedienstete wird dann wieder von dem "Schock" erzählen, der für ihn mit Weiterstadt verbunden bleibt. Der Schock, dass die RAF noch Anfang der 90er zu derart schweren Anschlägen in der Lage war.

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