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Ein symbolischer Akt: Der ungarische Außenminister Gyula Horn (rechts) und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock (links) durchtrennen am 27. Juni 1989 ein Stück des "Eisernen Vorhangs" zwischen Ungarn und Österreich bei Klingenbach.

Ungarn 1989

Schnitt durch den Eisernen Vorhang

Das Bild ging um die Welt: Zwei Außenminister durchtrennen im Juni 1989 mit klobigen Bolzenschneidern den Grenzzaun zwischen Ungarn und Österreich. Viele ahnten: Der Eiserne Vorhang, der über 40 Jahre lang Europa in Ost und West teilte, könnte bald Geschichte sein.

Von Gregor Mayer, dpa

In Windeseile ging das Bild um die Welt. Als die Außenminister Gyula Horn (Ungarn) und Alois Mock (Österreich) am 27. Juni 1989 mit klobigen Bolzenschneidern den Grenzzaun nahe der ungarischen Grenzstadt Sopron durchtrennten, wurde klar: Der Eiserne Vorhang, der über 40 Jahre lang Europa in Ost und West teilte, könnte bald Geschichte sein. Tatsächlich hatte Ungarn bereits am 2. Mai desselben Jahres damit begonnen, die Sperr- und Signalmeldeanlagen an seiner westlichen Grenze abzubauen.

Die Initiative war von der ungarischen Grenzwache ausgegangen. Die Anlagen waren teuer im Betrieb und höchst störanfällig. Waldtiere lösten bis zu 4000 Mal im Jahr Fehlalarme aus, was die Grenzsoldaten zu sinnlosen Einsätzen zwang. Ungarische Bürger durften bereits seit Anfang 1988 mit dem sogenannten "Weltreisepass" frei in den Westen reisen. Die Sperren dienten eigentlich nur mehr noch dazu, die Bürger anderer kommunistischer Länder von der Flucht in den Westen abzuhalten. In erster Linie betraf das Menschen aus der DDR, die zu Hunderttausenden ihren Urlaub in Ungarn zu verbringen pflegten.

Das Donauland lag im Mai und Juni 1989 im Wendefieber. Die reformkommunistische Führung hatte die Oppositionsparteien legalisiert und verhandelte mit diesen über den Weg zu den ersten freien Wahlen. Der Abbau der Grenzsperren war Teil dieses Prozesses der Demokratisierung und Europäisierung des Landes. Die Folgen für den gesamten "Ostblock" wurden von der Führung zu diesem Zeitpunkt wohl erahnt, aber nicht zu Ende gedacht. Allerdings sicherte sich der ungarische Ministerpräsident Miklos Nemeth beim reformerischen sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow ab. Der sah "keine Probleme" - oder wollte sie bewusst nicht sehen.

Das Bild der am Stacheldraht werkelnden Außenminister Horn und Mock war jedoch so etwas wie eine Initialzündung. Millionen DDR-Bürger sahen es im Westfernsehen. Es war ein medialer Coup, der dem österreichischen Fotografen Bernhard Holzner zu verdanken ist. Ihn ärgerte es, dass die Meldung vom Beginn des Abbaus der ungarischen Grenzsperren am 2. Mai international kaum beachtet worden war.

Holzner trat an Mock heran, dass er mit seinem Amtskollegen Horn den Zaun öffentlich durchtrennen möge. Der Ungar willigte ein. Die Anlagen waren da freilich schon weitgehend abgebaut. Horn fragte im Vorfeld seinen Regierungschef, ob es in Ordnung gehe, erinnerte sich Nemeth neulich in einem Interview mit dem "Spiegel". "Gyula, mach's, aber beeil dich - es ist kaum noch Stacheldraht übrig", soll er ihm entgegnet haben.

"Nicht mehr als eine symbolische Handlung" sieht auch der Historiker Andreas Oplatka in der medienwirksamen Aktion der beiden Außenminister am 27. Juni 1989. "Aber Symbole können von stärkerer politische Ausstrahlung sein als Taten", gibt Oplatka in seinem unlängst erschienenen, kenntnisreichen Buch "Der erste Riss in der Mauer" zu bedenken. Zehntausende DDR-Bürger sollten im darauffolgenden Sommer nicht nur bloß des Urlaubs wegen nach Ungarn kommen. Sie wollten vielmehr die Möglichkeiten für eine Flucht über die nunmehr "grüne" Grenze in den Westen prüfen -und gegebenenfalls nutzen.

Wochenlang mussten allerdings die ungarischen Grenzsoldaten die DDR-Bürger physisch daran hindern, so gut sie es ohne die Anlagen konnten, über die Westgrenze in die Freiheit zu entwischen. Ein Abkommen mit der DDR aus dem Jahr 1969 verpflichtete Ungarn dazu. Es kam zu einer massiven Flüchtlingskrise, weil Tausende von den ungarischen Grenzern ertappte DDR-Bürger nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren wollten. Dort drohten ihnen nämlich Strafverfolgung und Repressionen wegen "versuchter Republikflucht".

Der Druck auf die ungarische Führung stieg an. Nemeth und Horn verhandelten am 25. August auf Schloss Gymnich diskret mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Die Ungarn sagten eine ungehinderte Ausreise der DDR-Bürger zu. Wenig später kündigte die Budapester Regierung das Abkommen mit der DDR. Am 11. September 1989, 00.00 Uhr, gingen schließlich die Grenzbalken am Übergang Hegyeshalom unter Sektkorken-Geknalle und Freudenrufen hoch.

Zehntausende DDR-Bürger fuhren über Österreich in die Bundesrepublik. In Ungarn, sagte Kohl am 4. Oktober 1990, am Tag nach der Wiedervereinigung, sei "der erste Stein aus der Mauer geschlagen" worden. (dpa)

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