Verschwundene in Argentinien

„Der Schmerz über den Verlust ist immer da“

Gustavo Germano über seine Foto-Ausstellung.

Herr Germano, Ihre Foto-Ausstellung „Ausencias“ ist ein sehr persönliches Projekt. Eines der Bilder zeigt Sie mit Ihren drei Brüdern im Jahr 1969. Auf dem Foto aus dem Jahr 2006 ist Eduardo nicht mehr dabei.

Ja, Eduardo ist einer der 30.000 Verschwundenen Argentiniens. Dass mein Bruder verschwunden ist, war für mich natürlich der Ursprung des Projekts. Aber ich wollte nicht nur unsere Geschichte erzählen, sondern das gesamte Ausmaß dieser Tragödie zeigen.

Was ist mit Eduardo passiert?

Er engagierte sich im Studentenverband und trat später den Montoneros (links-revolutionäre Stadt-Guerilla. Anm. d. Red.) bei. Im Juli 1976 wurde er festgenommen und nach neun Tagen freigelassen. Am 17. Dezember wurde er entführt, in einer Haftanstalt tagelang gefoltert, dann verliert sich seine Spur. Mein Bruder Guillermo forschte nach Ende der Diktatur nach und fand heraus, dass Eduardo wahrscheinlich am 23. Dezember 1976 ermordet wurde.

Die Ausstellung ist ein großer Erfolg, Sie haben sie an vielen Orten der Welt gezeigt – und werden immer wieder mit dem Verlust Ihres Bruders konfrontiert. Was fühlen Sie heute, wenn Sie die Fotos sehen?

Es gibt zwei Ebenen: Die Perspektive des Angehörigen und die des Fotografen. Ich versuche das Bild meiner Familie als Teil des Projektes zu sehen. Ein Fall von vielen anderen. Was meine Gefühle angeht: Das Verschwinden meines Bruders beschäftigt mich ja nicht nur wegen der Ausstellung, die Last trage ich schon mehr als 30 Jahre mit mir herum. Die Bilder machen das Fehlen nur sichtbar.

War es schwierig, die Angehörigen der anderen Familien für das Projekt zu gewinnen?

Nein, sie empfanden das Fotografieren nicht als etwas, das ihnen Leid zufügt. Wir Angehörige leben das Leid tagtäglich in allen Gefühlslagen: Ein Gefühl des absoluten Verlassen-Seins und von Machtlosigkeit wird abgelöst von Freude über ein bisschen Gerechtigkeit, wenn es zu Gerichtsprozessen kommt. Nur der Schmerz über den Verlust ist immer da. Viele Angehörige haben ihre Trauer in eine kämpferische Haltung umgeleitet, in die Suche nach Gerechtigkeit. Nicht etwa Rache.

„Ausencias“ wurde zum ersten Mal in Spanien gezeigt. In einem Land, das große Schwierigkeiten im Umgang mit der eigenen Diktaturgeschichte hat.

Es stimmt, Spanien trägt die Last von 40 Jahren Franco-Diktatur noch immer mit sich herum. Das Thema wurde im Prozess der Demokratisierung nicht angerührt. In 40 Jahren Franco-Regime ist eine breite Basis der Diktatur entstanden, ganz ähnlich wie in Chile. Da ist es schwieriger, den Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass diese Zeit Unrecht war.

In Argentinien dagegen fordern weite Teile der Bevölkerung die Wahrheit ein.

Ein Unterschied ist, dass die Repression in Argentinien nicht so lange andauerte. Die Diktatur war verhältnismäßig kurz, aber sehr brutal. Die Junta tötete gezielt, um einen wirtschaftlichen Plan umzusetzen, um den Mächtigen ihre Vorherrschaft zu sichern.

Was bedeutet der Blick auf die Geschichte für die Zukunft?

In Argentinien sind zwei Worte zum Symbol für den Kampf für die Menschenrechte geworden: „Nunca más“ – Nie wieder. Ich glaube das ist der Sinn der Suche nach der Wahrheit: Dass sich dieses Grauen nie wiederholt, dass die Menschen aufmerksam sind. Zum anderen sollte ein Bewusstsein entstehen, dass Ereignisse in der Vergangenheit in die Zukunft wirken. Das zeigt ja die Ausstellung: Der Tod hinterlässt eine Leere, die für immer da ist.

Interview: Sebastian Amaral Anders

Gustavo Germano: Verschwunden. Das Fotoprojekt. Münchner Frühling Verlag 2010, 128 Seiten broschiert, 28,90 Euro.

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