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Lager für Geflüchtete auf der Insel Lesbos: Für Schutzsuchende war Griechenland auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung im Jahr 2015 das Tor nach Europa.

Schleuser

Das Tor nach Europa wird zur Endstation für 85.000 Geflüchtete

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Zehntausende Migranten sitzen weiterhin in Griechenland fest. In ihrer Not versuchen viele, mit gefälschten Pässen nach Nordeuropa zu kommen.

Für Farid führt die Reise, die ihn aus Griechenland nach Deutschland bringen soll, zunächst in eine enge Nebenstraße unweit des Athener Omoniaplatzes. Die genaue Adresse will Farid nicht verraten. Dort sitzen sie, im Hinterzimmer eines Maklerbüros, die Männer, die ihm helfen sollen – die „people smuggler“, wie Farid in gebrochenem Englisch erklärt, die Menschenschmuggler.

Vor einem Jahr hat der 23-jährige Afghane seine Heimat verlassen. Jeder Migrant hat eine Geschichte zu erzählen, auch Farid. Die Taliban hätten seinen Vater ermordet, weil der sich als Lehrer ihrer Ideologie widersetzt habe, berichtet der junge Mann. „Sie haben ihm die Kehle durchgeschnitten, vor den Augen meiner Mutter“, sagt Farid.

Durch den Iran kam Farid in die Türkei. Über den Grenzfluss Evros (Meric) gelangte er mit einem Kahn im Schutz der Dunkelheit nach Griechenland. Fast 4000 Dollar hat er den Schleusern bis hierher für seine Reise bezahlt. Nun hat er zwar den EU-Staat Griechenland erreicht. Aber die letzte Etappe nach Deutschland, wo angeblich Verwandte auf ihn warten, liegt noch vor ihm. Sie ist schwierig und teuer.

Weg über den Balkan gilt als lang und gefährlich

Ein Weg führt über den Balkan. Zwar sind die Grenzen seit Februar 2016 dicht, aber Schleuser kennen Wege über Nordmazedonien oder Albanien. Die Reise ist aber lang und beschwerlich. Die Aussicht, unterwegs aufgegriffen zu werden, schreckt Farid. Er will deshalb fliegen – mit gefälschten Reisedokumenten.

„Dreimal habe ich es schon versucht“, erzählt der schmächtige Mann. „Einmal mit einem spanischen Pass, einmal mit einem griechischen und einmal mit einem italienischen Personalausweis – den hat schon die Dame beim Einchecken für den Easyjet-Flug am Athener Flughafen als Fälschung erkannt und die Polizei gerufen“, erzählt Farid. Mit den beiden Pässen kam er zwei Mal immerhin bis zum Gate. Dort fiel er Zivilfahndern der griechischen Polizei auf. Sie nahmen ihm die gefälschten Reisedokumente ab.

Für Schutzsuchende war Griechenland auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 das Tor nach Europa. Tausende brachten die Schleuser Tag für Tag von der türkischen Küste in Schlauchbooten zu den Ägäisinseln. Über die Balkanländer zogen die Geflüchteten nach Norden. Weil die Balkanroute seit dreieinhalb Jahren dicht ist, sitzen nun geschätzt 85.000 Geflüchtete in Griechenland fest – neben Kriegsflüchtlingen auch Wirtschaftsmigranten aus asiatischen und afrikanischen Ländern. Das vermeintliche Tor nach Europa ist für sie zur Endstation geworden. Dennoch reißt der Strom aus der Türkei nicht ab. In jüngster Zeit steigen die Zahlen wieder. Während im März 1904 irreguläre Migranten über die Ägäis und die türkisch-griechische Landgrenze kamen, waren es im Juni bereits 3122.

Besonders in der Urlaubssaison versuchen viele, nach Nordeuropa zu fliegen

Immer mehr versuchen, auf dem Luftweg aus Griechenland in andere europäische Staaten zu gelangen – vor allem jetzt, in der Urlaubssaison, wo das Gedränge an den griechischen Flughäfen besonders groß ist. Am Athener Flughafen wird trotz des Andrangs streng kontrolliert. Zivilfahnder und Beamte in Uniform halten in der Abflughalle und an den Gates Ausschau nach verdächtigen Reisenden. Unterstützt werden die griechischen Polizisten von Beamten der deutschen Bundespolizei.

Viele Migranten wählen kleinere Airports, in der Hoffnung, dass dort die Kontrollen laxer sind. Aber kein Tag vergeht, ohne dass die Polizei Flugreisende mit gefälschten oder gestohlenen Dokumenten aufgreift. Am 29. Juli wurden auf dem Flughafen von Heraklion auf Kreta 16 Migranten mit falschen Pässen gefasst. In Chania versuchten tags darauf 25 Migranten mit gestohlenen Ausweisen Flugzeuge zu besteigen. Allein vom 1. bis 4. August wurden auf den Flughäfen von Santorini, Kos und Heraklion 48 Migranten mit gefälschten Pässen aufgegriffen.

In solchen Fällen zieht die Polizei die Dokumente ein. Die Migranten werden vorübergehend festgenommen, auf der Flughafenwache verhört und erkennungsdienstlich behandelt. Dann lässt die Polizei sie laufen. So erging es auch Farid. Jetzt will er es noch einmal versuchen. „Vielleicht haben die people smuggler ja diesmal eine bessere Fälschung für mich“, sagt er.

Ein aufgeflogener Fall zeigt, wie die Schleuser vorgehen

Wie die Menschenschmuggler arbeiten, zeigt ein jetzt bekanntgewordener Fall. Nach fast einjähriger Ermittlungsarbeit in Zusammenarbeit mit Europol, der Strafverfolgungsbehörde der Europäischen Union, sprengte die griechische Polizei Mitte Juli einen Schleuserring. Neun Verdächtigte wurden festgenommen. Sie stammen aus dem Sudan, dem Irak, Tunesien und Ägypten. Die Bande operierte in Athen und auf der Insel Kos. Den Ermittlungen zufolge soll sie mindestens 367 Migranten zur Ausreise nach Westeuropa verholfen haben. Die Fahnder stellten mehr als 250 gefälschte und gestohlene Reisedokumente sicher.

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In einer Sackgasse an der Athener Acharnon-Straße befand sich die Zentrale des Schleuserrings. In einer schummrigen Cafeteria wurden die Geschäfte abgeschlossen. In einem nebenan gelegenen Friseursalon wurden die Migranten so frisiert und mit Make-up hergerichtet, dass sie den Fotos in den gestohlenen Pässen möglichst ähnlich sahen. Fand sich kein Reisedokument mit passendem Foto, besorgte die Bande gefälschte Pässe arabischer Staaten mit den dazugehörigen Schengen-Visa. Die Ausstellung der Flugtickets übernahm ein Reisebüro, das zum Netzwerk der Schleuser gehörte.

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Für die Reise in die Niederlande berechneten die Menschenschmuggler 6000 Euro. Der Trip nach Deutschland, Österreich oder Italien kostete 5000 Euro. Die Migranten bekamen genaue Anweisungen, wie sie sich zu kleiden und am Flughafen zu verhalten hätten, um im Touristengewühl möglichst nicht aufzufallen. Sobald sie alle Kontrollen passiert hatten und an Bord der Maschine waren, sollten die Migranten mit dem Handy ein Selfie machen und an die Schleuser schicken, die dann wussten: Der Abflug war geglückt. Flog man bei einer Kontrolle auf, organisierten die Schleuser kostenlos einen zweiten Versuch. Und, wenn nötig, einen dritten oder vierten.

Auch Farid gibt nicht auf. „Ich versuche es immer wieder – irgendwann wird es schon funktionieren“, glaubt der junge Mann.

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