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Was wird aus der EU nach dem Brexit?

Wahl in Großbritannien

Die schlechteste Variante

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Bei der Wahl in Großbritannien geht es auch um die Art des Ausstiegs aus der EU. Ein Brexit ohne Einigung über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen hätte massive Folgen.

Vor einem Jahr, im Juni 2016, stimmten die Briten über die EU-Mitgliedschaft ihres Landes ab. Ökonomen und Finanzmärkte waren in hellem Aufruhr und warnten vor den Folgen eines Brexit. Heute, zwölf Monate später, fürchten sich die Märkte nicht mehr vor dem Brexit. Sie fürchten um ihn. Nur zwei Jahre bleiben der EU und Großbritannien, sich auf die Bedingungen des Austritts zu einigen. Und mit jedem Tag wächst die Wahrscheinlichkeit, dass das Horrorszenario eintritt: Es gibt keine Einigung, no deal - „für die britische Wirtschaft wäre dies das schlechteste aller Ergebnisse“, warnt das Wirtschaftsforschungsinstitut Centre for Economic Performance (CEP).

Die Trennung zwischen EU und Großbritannien bringt einen Haufen Verhandlungsgegenstände auf den Tisch: Reisefreiheit, Exportzölle, Freiheit der britischen Banken auf dem Kontinent und Milliardenzahlungen an die EU. Am 19. Juni will die EU die Verhandlungen beginnen lassen. Um sich für den anstehenden Kampf zu rüsten, rief die britische Premierministerin Theresa May vergangenen April Neuwahlen aus – in der sicheren Gewissheit, sie haushoch zu gewinnen.

Am gestrigen Donnerstag fanden die Wahlen nun statt. Und bis zuletzt blieb unklar, ob May ihren Sieg davontragen kann. Davon hängt jedoch das Schicksal eines großen Teils der britischen Wirtschaft ab. Geht die Rechnung der Premierministerin nicht auf, rückt ein No-Deal-Szenario näher. Können sich EU und Briten nicht auf neue Bedingungen des gegenseitigen Verkehrs einigen, brächte dies schwere Belastungen für Großbritanniens Exporte, Preise und Konjunktur.

Das Scheitern der Verhandlungen könnte über drei Wege zustande kommen. Erstens: Die Konservativen gewinnen zwar, aber nur knapp. Damit hätte May einen schwereren Stand gegen jene Hardliner ihrer Partei, die einen Brexit um jeden Preis fordern und Zugeständnisse an die EU ausschließen. Zweitens: Die Konservativen gewinnen, verlieren aber ihre Mehrheit im Parlament, das jedem Brexit-Deal zustimmen muss. Um eine Einigung durch das Unterhaus zu bringen, wären die Konservativen also auf Unterstützung der Opposition angewiesen – und die ist mehr als unsicher. „Vor dem Hintergrund der ohnehin knappen Verhandlungszeit wäre dies das denkbar ungünstigste Ergebnis“, kommentiert Thu Lan Nyguen, Analyst der Commerzbank.

Doch selbst wenn May triumphiert – welche Strategie sie wählen wird, ist unklar. Einerseits scheint sie kompromissbereit. Andererseits wird sie nicht müde zu betonen: Besser keine Einigung als eine schlechte Einigung. „No deal is better than a bad deal“, der Satz findet sich auch im Manifest der Konservativen Partei. Das Problem: No deal gibt es eigentlich gar nicht. „Es ist ja nicht wie auf einem Markt, bei dem man feilscht und zur Not einfach weggeht, wenn der Händler nicht nachgibt“, schreibt Rafael Behr im „Guardian“. Nach 40 Jahren der Integration seien die EU und Großbritannien eng verflochten. „Es gibt es nur einen geordneten Übergang oder man muss in zwei Jahren auslaufende Regelungen hektisch zusammenflicken.“

Scheitern die Verhandlungen, so sieht für Europas Unternehmen die Welt im März 2019 ganz anders aus: Großbritannien verlässt den gemeinsamen Markt, seine Exporte in die EU fallen automatisch unter die Regeln der Welthandelsorganisation WTO. Und das bedeutet: Zölle, die britische Waren verteuern und im Durchschnitt vier Prozent betragen. Das wäre insbesondere für die britische Autoindustrie ein schwerer Schlag.

Landwirte wären mit Tarifen zwischen 30 und 40 Prozent auf Fleisch und Milchprodukte konfrontiert. Nicht nur Zölle drohen den Briten, auch aufwendige Prüfungen von Waren und Herkunftsbezeichnungen an den Grenzen. Das bedeutet Bürokratie, Wartezeiten, der Sender BBC sieht schon „Schlangen von LKWs an den Grenzen“. Der Handel würde wohl drastisch abnehmen, Schmuggel würde lukrativ, insbesondere über die irisch-nordirische Grenze, die die EU von Großbritannien scheidet.

Die britischen Chemie- und Pharmaunternehmen verlören die Zulassung für ihre Produkte in der EU. Die britischen Banken verlören ihre „Passport-Rechte“, die ihnen erlauben, auf dem gesamten Kontinent ihre Dienste anzubieten. Als Investitionsstandort würde die Insel deutlich weniger attraktiv.

Insgesamt, errechnet das CEP, wäre es für die britische Wirtschaft am besten, trotz Brexit Teil des gemeinsamen Marktes der EU zu bleiben. Auch dies würde zwar Kosten verursachen, im Falle eines No-Deal-Szenarios würden sich diese Kosten aber verdoppeln. Denn der britische Handel mit der EU würde in den folgenden zehn Jahren um 40 Prozent einbrechen. Der Gesamteffekt beliefe sich auf knapp drei Prozent des britischen Pro-Kopf-Einkommens. Jeden Haushalt der Insel würde das rund 1900 Pfund kosten. Die Rechnung könnte sich laut CEP jedoch auch verdoppeln oder verdreifachen, je nach Annahmen.

Die Ökonomen rechnen auf jeden Fall mit einer scharfen Rezession und einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um mehr als fünf Prozent. Auch der zu erwartende Fall des Pfunds würde Importe verteuern und die Briten dadurch ärmer machen. Zwar träfe ein harter Brexit auch die Wirtschaft in den verbleibenden EU-Ländern, allerdings bei weitem nicht so stark wie die britische. So machten die Exporte Großbritanniens in die EU etwa zwölf Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Umgekehrt betrage der Wert der EU-Exporte auf die britische Insel nur etwa drei Prozent des EU-BIP.

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