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Hinweis an der Grenze zu Groß-Britannien: Der Brexit hat auch massive Auswirkungen für den Zoll.

Folgen des Brexit

"Schlecht vorbereitet"

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Der Brexit hat gravierende Folgen für den Außenhandel von Großbritannien. Zollexperte Thorsten Porath über die Konsequenzen des "No Deals".

Thorsten Porath (48) ist Geschäftsführer und alleiniger Inhaber der gleichnamigen Zollagentur. Das Hamburger Unternehmen mit 110 Beschäftigten berät Firmen oder übernimmt für sie das komplette Zollmanagement. Porath unterhält eine Luftfracht-Niederlassung am Flughafen Frankfurt sowie weitere Standorte in Bremerhaven, Rotterdam und in den polnischen Städten Gdynia und Zielona Góra.

Herr Porath, was haben Sie am Dienstagabend gedacht, nachdem der Brexit-Deal im britischen Unterhaus krachend durchgefallen war? Gut für mein Geschäft als Zollagentur? 
Ganz ehrlich: nein. Der Ausgang war ja leider zu erwarten, aber auch die harsche Reaktion der EU auf die britische Ablehnung. Am liebsten wäre es mir, beide Seiten würden nun aufeinander zugehen, um eine Lösung zu finden, wie das Vereinigte Königreich als glückliches Mitglied in der EU verbleiben kann. Großbritannien ist als zweitgrößte Volkswirtschaft der Union viel zu wichtig.

Wie viele Firmen haben sich in den vergangenen Wochen in Erwartung eines harten Brexits panisch bei Ihnen gemeldet?
Es ist erstaunlicherweise relativ ruhig. Ich könnte mir vorstellen, dass viele, die noch nie mit Zoll in Berührung waren, sich immer noch nicht vorstellen können, dass das jetzt tatsächlich auf sie zukommen könnte. Die Themen Zoll und Außenhandel sind so komplex, dass sie für viele schwer zu durchschauen sind. Es ist auf jeden Fall nicht damit getan, einen Mitarbeiter einmal auf ein Seminar zu schicken.

Die meisten Unternehmen sind also noch gar nicht vorbereitet?
Bei kleineren und mittelständischen Unternehmen kann ich mir tatsächlich nicht vorstellen, dass sie wirklich schon gut auf ein No-Deal-Szenario eingestellt sind.

DIHK-Chef Eric Schweitzer hat die Firmen am Mittwoch noch einmal aufgefordert, sich jetzt verstärkt mit dem Thema auseinanderzusetzen. Was ist vor allem zu tun?
Das fängt schon beim Transport an. Die größte Frage wird sein, wie die Firmen ihre Produkte rechtzeitig auf die Insel kriegen. Die Masse der Waren geht per Lkw durch den Eurotunnel oder über die Fähre. Doch in Dover ist man auf die Mengen an Grenzkontrollen gar nicht vorbereitet. Da gibt es weder genug Zöllner noch den ausreichend Raum für die Lkw, die sich kilometerlang stauen werden.

Gibt es alternative Wege?
Ein paar Logistiker bieten jetzt Luftfrachtlinien an, die Ware über Frankfurt oder Luxemburg nach England fliegen.

Das ist doch wahrscheinlich viel teurer?
Ja sicher. Aber wenn ich meinen Kunden in UK die Ware weiter mit dem Lkw frei Haus liefern will, muss ich auch die Kosten für die Wartezeiten am Tunnel einkalkulieren. Darüber sollte ich spätestens jetzt mit meinen Geschäftspartnern verhandeln.

Wie sieht es mit den zusätzlichen Formalitäten aus?
Bislang macht es im EU-Binnenmarkt keinen Unterschied, ob Sie von Frankfurt nach München oder London liefern. Das wird sich ändern, wenn UK ab dem 29. März 0:00 Uhr zum Drittland wird. Da sind dann Ausfuhrgenehmigungen zu beantragen, Fristen einzuhalten, Vorschriften der Exportkontrolle zu beachten. Das vorzubereiten, ist für Firmen eine sportliche Herausforderung.

Mit welchen Zöllen ist zu rechnen?
Im Falle eines harten Brexits gibt es weder eine Übergangszeit, in der UK in der Zollunion verbleibt, noch ein Freihandelsabkommen. Das heißt, es werden Drittlandzölle fällig, wie sie auch für Waren aus den USA oder China gelten.

Um wie viel würden sich beispielsweise Autos, T-Shirts oder Lebensmittel verteuern?
Für die genannten Produkte gilt salopp gesagt die Höchststrafe. Da liegen die Zölle zwischen zehn und bis zu 45 Prozent. Umgekehrt wird Großbritannien auch Zölle auf EU-Importe erheben.

Was müssen Exporteure denn bei Standards und Normen für Produkte befürchten?
Alles was im EU-Recht geregelt ist, ist dann erst einmal hinfällig. Das gilt etwa auch für die CE-Kennzeichnung, mit der Hersteller ausweisen, dass ihr Produkt die geltenden Sicherheits-, Umwelt- und Gesundheitsstandards der Union erfüllt. Diese CE-Bescheinigungen würden dann ihre Gültigkeit verlieren.

Ihr Unternehmen hat auch eine Niederlassung am Flughafen Frankfurt. Was erwarten Sie dort für Ihr Geschäft als Zollagentur?
Frankfurt wird von einem „No Deal“ zumindest kurzfristig profitieren, wenn Exporteure ihre Ware per Luftfracht verschicken. Uns geht es aber letztlich wie allen anderen Akteuren – es herrscht große Unsicherheit, keiner weiß, wie sich das politisch entwickelt und die Situation in Dover sein wird.

Sie haben dennoch in den vergangenen Monaten Personal aufgebaut?
Ja, wir haben ungefähr 20 Leute eingestellt. Jeden, den wir kriegen konnten. Auch viele Quereinsteiger, die wir natürlich auch erst einmal ausbilden mussten.

Ist es schwer, neue Mitarbeiter zu finden?
Das kann man so sagen. In Frankfurt noch schwieriger als in Hamburg. Zoll hat ein ganz schlechtes Image. 

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