Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Schlag gegen soziale Vielfalt

Zensur in China: App lässt LGBTQ-Gruppen an Universitäten schließen

  • VonFabian Kretschmer
    schließen

Chinas größte App „WeChat“ lässt sämtliche LGBTQ-Gruppen an Universitäten schließen. Manche Gruppen legen heimlich unter anderen Namen einen neuen Account an.

Peking – Als der 23-jährige Nick mit seinem Bachelorstudium anfing, eröffnet er als Erster seiner Uni 2018 einen eigenen LGBTQ-Club. Trafen sich die Studierenden zunächst zu gemeinsamen Filmabenden und Diskussionsworkshops, organisierten sie sich schon bald auch online über „WeChat“ – jene App also, die fast überall in China genutzt wird. „Aber mit der Zeit wurden die Freiheiten immer weniger“, sagt Nick, der eigentlich anders heißt, doch aus Angst vor Repressionen lieber anonym bleiben möchte.

Am Dienstagabend schließlich wurden sämtliche „WeChat“-Accounts von studentischen LGBTQ-Gruppen geschlossen, darunter auch die Communitys von der renommierten Tsinghua-Universität in Peking und der Fudan-Universität in Schanghai. Die betroffenen Accounts erhielten lediglich den Hinweis, gegen bestehende Regeln verstoßen zu haben – ohne genauere Erklärung. Für junge Homosexuelle war dies ein schwarzer Tag, denn die nun stillgelegten Seiten haben vielen in China nicht nur eine Gemeinschaft gegeben, sondern auch als Informationsplattform über Genderthemen, mentale Gesundheit und Diskriminierungserfahrungen gedient.

Zensur der LGTBQ-Gruppen in China als Schlag gegen soziale Vielfalt: „Das kommt alles nicht unerwartet“

„Um ehrlich zu sein, kommt das alles nicht unerwartet“, sagt der 35-jährige LGBTQ-Filmemacher Fan Popo, der bereits seit einigen Jahren in Berlin lebt. Nach seinem Studium an der Pekinger Filmakademie wurde er selbst Opfer der behördlichen Zensur – seine Dokumentationen wurden aus dem Netz verbannt.

Als Fan Popo zur Uni ging, gab es weder Smartphones noch Social-Media-Accounts. „Dennoch hatten auch wir unsere LGBTQ-Gruppen, denn jede Universität hatte ihr eigenes elektronisches schwarzes Brett. Diese Gruppen waren sehr wichtig für mich, denn dort habe ich auch meinen ersten Freund gefunden“, erinnert sich der Aktivist.

LGBTQ in China: Homosexualität war bis 2001 als psychische Störung klassifiziert

Offiziell setzt sich die chinesische Regierung bis zu einem gewissen Grad für die Rechte von sexuellen Minderheiten ein. Noch vor knapp 25 Jahren schließlich war Homosexualität in China per Gesetz eine Straftat, bis 2001 als psychische Störung klassifiziert. Längst gibt es in China die weltweit größte schwule Dating-App und auch offen schwule Clubs und Kneipen. Gleichzeitig jedoch hat Staatschef Xi Jinping seit Beginn seiner Amtszeit sämtliche Bürgerrechtsbewegungen an die Kandare genommen, darunter auch alle LGBTQ-Organisationen. Das Vorgehen ist allerdings weniger inhaltlich motiviert als durch eine tiefgreifende Paranoia.

Denn unter Pekings Parteikadern wie auch unter patriotischen Nutzer:innen von Social Media wird Homosexualität nicht selten als eine US-amerikanische Verschwörung dargestellt, die Zwietracht säen und den wirtschaftlichen Aufstieg der Volksrepublik gefährden soll. In einem Kommentar auf Weibo, dem chinesischen Twitter, heißt es etwa: „Nachdem die LGBTQ-Gruppen geschlossen wurden, haben sie versucht, mit ausländischen Medien zu konspirieren, um Schützenhilfe zu bekommen. Solche Aktionen stärken jedoch nur die Entschlossenheit von uns chinesischen Patrioten, unsere Kinder vor der korrupten, westlichen Kultur zu schützen“.

Vogueing in Peking. Diese LGBTQ-Tradition aus den USA könnte manchen im Politbüro bald auch übel aufstoßen.

LGBTQ-Gruppen an Universitäten in China: „Freiheiten werden immer stärker beschnitten“

Viele junge Homosexuelle fühlen sich trotz der jüngsten Schritte nicht als Zielscheibe der Autoritäten. „Sexuelle Minderheiten sind eigentlich kein besonders sensibles Thema. Ich glaube, es geht bei den Schließungen vor allem um Studierendengruppen im Allgemeinen“, sagt die 21-jährige Ru, die sich als lesbisch identifiziert. Die Regierung habe Angst vor sozialen Bewegungen, ganz gleich ob diese sich mit Gewerkschaften oder eben der Frauenrechtsbewegung solidarisierten.

„Ganz überraschend kommt das jedoch nicht“, sagt Ru: „Seit 2015 gibt es einen klaren Trend, die Freiheiten der Unigruppen immer stärker zu beschneiden. Früher konnten die sich noch ganz einfach über offizielle Kanäle organisieren. Später lief das eher semioffiziell, mittlerweile ist es fast ganz unmöglich.“

Soziale Medien in China: Manche LGBTQ-Gruppen haben schon einen neuen Account angelegt

Student Nick hingegen ist dennoch verhalten optimistisch: Während die Zentralregierung in Peking immer strenger werde, öffneten sich die Einstellungen der jungen Chinesinnen und Chinesen immer weiter. „Insbesondere der Süden Chinas ist sehr pragmatisch“, sagt der 23-Jährige. „Das Schließen der LGBT-Seiten an sich ist nicht so schwerwiegend, die zugrunde liegende Entwicklung jedoch sehr“, sagt er. Und fügt an: Manche Gruppen hätten bereits still und heimlich unter anderen Namen einen neuen Account angelegt. (Fabian Kretschmer)

Rubriklistenbild: © AFP

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare