Mehr als 650 Mitarbeiter des Tönnies-Schlachtbetriebs in Rheda-Wiedenbrück haben sich mit dem Coronavirus infiziert.
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Mehr als 650 Mitarbeiter des Tönnies-Schlachtbetriebs in Rheda-Wiedenbrück haben sich mit dem Coronavirus infiziert.

Corona-Hotspot

Vom Schlachthof in den Bundestag

  • Tobias Peter
    vonTobias Peter
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Der neue Infektionsherd in der Fleischindustrie zwingt Arbeitsminister Heil zum Handeln

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat angesichts von Corona-Infektionen in der Fleischindustrie angekündigt, mit Hochdruck das Arbeitsschutzprogramm für die Fleischwirtschaft umzusetzen und sich dabei nicht von Lobbyinteressen bremsen lassen. „Die Masseninfektionen bei Tönnies bestätigen unseren Kurs, Werkverträge und Leiharbeit in der Fleischindustrie zu verbieten“, sagte Heil dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Deutschlands Marktführer bei der Schlachtung von Schweinen hatte am Mittwoch einen deutlichen Anstieg der Infiziertenzahl unter den Beschäftigten in Rheda-Wiedenbrück vermeldet – auf mehr als 650. Für rund 7000 Menschen wurde eine Quarantäne verfügt, Schulen und Kitas im Kreis wurden geschlossen. „Bei der Umsetzung des Arbeitsschutzprogramms in der Fleischwirtschaft werde ich mich von lauten Lobbyinteressen nicht bremsen lassen“, bekräftigte Heil. „Wir werden hier aufräumen und für menschenwürdige Arbeitsbedingungen sorgen.“

Damit sich an der systematischen Ausbeutung in den Fleischfabriken wirklich etwas ändere, arbeite er und sein Ministerium mit Hochdruck an der Umsetzung, so Heil. Dazu gehörten verpflichtende Kontrollen der Arbeitsschutzbehörden der Länder, die digitale Arbeitszeiterfassung und die Untersagung von Werkverträgen, sagte Heil.

Auch Bundesagrarministerin Julia Klöckner forderte angesichts des heftigen Ausbruchs bei Tönnies Konsequenzen: „Hunderte von Infektionen in einem Betrieb. Diese Zustände sind nicht haltbar“, sagte die CDU-Politikerin. Die Untersagung der Werkverträge gilt in der Koalition als Projekt, das nicht ganz einfach umzusetzen ist. Deshalb wird in mehreren Ministerien noch an der genauen Regelung gearbeitet.

Nicht nur in der Politik ist eine Debatte über die Probleme in der Fleischindustrie entbrannt. Der Bauernverband forderte, die Fleischwirtschaft müsse Dinge möglichst schnell in Ordnung bringen – auch um Probleme für die Bauern zu vermeiden. „Aus Größe erwächst Verantwortung, die muss hier wahrgenommen werden“, sagte Generalsekretär Bernhard Krüsken.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat währenddessen auf die Kritik reagiert, die an einer seiner Aussagen zum Corona-Ausbruch im Schlachtbetrieb Tönnies entbrannt war. „Menschen gleich welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu geben, verbietet sich“, teilte Laschet mit. Ihm sei es wichtig klarzumachen, „dass das für mich wie für die gesamte Landesregierung selbstverständlich ist“.

Der Ministerpräsident hatte auf die Frage, was der Corona-Ausbruch im Schlachtbetrieb Tönnies über die bisherigen Lockerungen aussage, geantwortet: „Das sagt darüber überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt. Das wird überall passieren.“ Mehrere SPD-Politiker hatten daraufhin eine Entschuldigung gefordert. Es sei unsouverän, dass Laschet als Erstes die Bulgaren und die Rumänen nenne, die hier unter widrigen Bedingungen arbeiteten.

Der NRW-Ministerpräsident sagte am Donnerstag, es gebe eine Vielzahl von Risiken für die Verbreitung von Viren, darunter auch den Reiseverkehr in Europa. Er ergänzte: „Wir müssen davon ausgehen, dass die Arbeitsbedingungen und die Unterbringung der Menschen dazu beigetragen haben, dass sich das Coronavirus unter den Mitarbeitern des Schlachtbetriebs derart ausbreiten konnte.“

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