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Klinik in Gaza: Krankenhäuser geben Journalisten bereitwillig Genehmigungen, Verwundete zu besuchen.

Gaza

Ein Schlachtfeld, als Volksfest getarnt

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Für immer mehr Palästinenser wird der "Marsch der Rückkehr" zum Todesmarsch. Der Hamas passt das sehr gut ins Kalkül.

Die Sonne geht gerade unter in Gaza City, die Straßen werden endlich leerer, der Verkehr ruhiger, als das Trauerkommando der Hamas die Stadt noch einmal zum Leben erweckt. Junge Männer stehen fahnenschwenkend auf der Ladefläche eines klapprigen Lasters und rufen den Namen ihres jüngsten Märtyrers ins Megaphon: Ahmed Abu Hussein, 25 Jahre alt, ist seinen Verletzungen erlegen.

„Wir haben einen Märtyrer!“, rufen die Männer vom Trauerkommando, während vor dem Haus der Familie in Windeseile Zelte für die Trauernden errichtet werden und überall Leute aus Häusern strömen, die keine Fenster und Türen haben. Dschabalia ist das größte Flüchtlingslager in Gaza und eine Hochburg der Hamas. 100 000 Menschen leben hier auf 1,4 Quadratkilometern. Hier begann vor 31 Jahren die erste Intifada. Hier starben vor vier Jahren 15 Palästinenser bei einem Raketenangriff Israels auf eine Schule. Hier lebte Ahmed Abu Hussein.

Che Guevara, Fidel Castro und ein Rabbi-Mörder als Idole

Er arbeitete als Journalist für einen Jugendsender und fotografierte für eine kleine Agentur. In seinem Zimmer hängen Bilder seiner Idole: Che Guevara, Fidel Castro, aber auch Ahmad Dscharrar, der am Mord an einem Rabbi beteiligt gewesen sein soll und vor zwei Monaten von israelischen Sicherheitskräften nahe Dschenin erschossen wurde. Daneben hängen Fotos von israelischen Städten: Tiberias, Akko, Hebron, Jerusalem. Ahmed Abu Hussein war Mitglied der PFLP, einer linken palästinensischen Partei, die das Existenzrecht Israels leugnet.

An einem Freitag im April verließ er das letzte Mal seine Wohnung und fuhr zur Grenze von Gaza, wo sich jeden Freitag Tausende Palästinenser zum „Marsch der Rückkehr“ versammeln und gegen die israelische Besatzung protestieren. Sie zünden Autoreifen an, lenken Drachen mit Brennstoff Richtung Israel und kommen jedes Mal ein bisschen näher an den Streifen heran, den das israelische Militär als „rote Linie“ bezeichnet. Jeder, der sich dieser Linie nähere, müsse damit rechnen, dass auf ihn geschossen wird, sagt der Chef der israelischen Verteidigungsstreitkräfte Gadi Eizenkot.

Ahmed Abu Hussein traf die Kugel eines Scharfschützen in den Bauch. Auf ihn sei direkt gezielt worden, sagt das palästinensische Komitee zum Schutz von Journalisten. Ärzte in Gaza, Ramallah und Tel Aviv versuchten, ihn zu retten. An diesem Morgen starb er, seine Mutter bringt seine Leiche nach Hause. Ein Märtyrer kommt heim.

Vor dem Haus warten die Männer, im Haus die Frauen. Hunderte müssen es inzwischen sein. Sie halten sich aneinander fest, sie weinen. Ein Junge liegt auf dem Boden und krümmt sich. Niemand kann ihn beruhigen. Man möchte am liebsten gleich wieder raus aus diesem Haus, die Trauernden unter sich lassen, aber Journalisten sind hier ausdrücklich willkommen, wie Ehrengäste werden sie herumgeführt, damit sie mit eigenen Augen das Leid sehen, das Israel in Gaza anrichtet, und die Bilder in die Welt tragen. Auch das gehört zur Aufgabe des Trauerkommandos.

Der „Marsch der Rückkehr“ ist zum Todesmarsch geworden

Seit elf Jahren regiert die radikalislamische Hamas in Gaza, sie haben Tunnel gebaut, Raketen abgeschossen, Messerattacken lanciert, jetzt warten sie mit Bussen vor Moscheen, bringen Einheimische in die Protestcamps und fordern sie auf, nicht auf die Warnungen Israels zu hören. Der „Marsch der Rückkehr“, als friedliche Demonstration gegen die Besatzung geplant, ist zum Todesmarsch geworden. 39 Menschen wurden von israelischen Scharfschützen getötet, Tausende verletzt.

Am vergangenen Freitag kam einer der Hamas-Chefs persönlich vor Ort und rief die Demonstranten auf, die Grenze zu stürmen und keine Angst vor dem Tod zu haben, berichtet die New York Times. Hunderte rannten los, durchbrachen einen Metallzaun, warfen Molotowcocktails, einige hatten Waffen dabei. Es gab vier Tote und Hunderte Verletzte. Und neue Bilder für die Hamas.

Es ist ein zynisches Spiel um Leben und Tod, und man muss aufpassen, dass man nicht selbst Teil davon wird. Ohne zu zögern stellen Krankenhäuser Genehmigungen aus, Verletzte zu besuchen, ehe man es sich versieht, sitzt man in Wohnzimmern trauernder Eltern oder steht am Bett eines Mannes, der einen Knieschuss erlitt.

Das Bett ist leer, der Mann liegt im OP, ihm wird das Bein amputiert, es war nicht mehr zu retten. Freunde und Verwandte warten im Zimmer auf seine Rückkehr. Einer zeigt ein Handyfoto von der offenen Wunde des Mannes. Ein Freund erzählt, er habe direkt daneben gestanden, als die Kugel traf. Aus Neugierde seien sie zu den Protesten gegangen, sie hätten nur zusehen wollen. Einer mit Basecap schreit, es sei das gottverdammte Recht eines Jeden, Steine zu werfen und Reifen anzuzünden. „Wir sind Kämpfer“, ruft er, „das ist unser Land, und wir wollen es zurück.“

Er fasst den Freund am Kragen der Jacke, zwei Männer ziehen ihn zurück. Dann geht die Tür auf, eine Gruppe von Ärzten und Pflegern bringt den frisch Operierten zurück. Ein dünner Mann mit schlechten Zähnen, der gar nicht zu wissen scheint, wo er ist, und als er es begreift, den Kopf hebt, mit der Hand nach dem fehlenden Bein tastet und sich dann, mit einem herzzerreißenden Schrei, zurückfallen lässt. Die Männer, die um sein Bett stehen, beruhigen ihn, mit Tränen in den Augen. Später auf dem Flur sagen sie, sie werden an die Grenze zurückkehren, jeden Freitag, jetzt erst recht.

Je mehr Tote, desto mehr Todesmutige

Überall hört man das in Gaza. Je mehr Tote es gibt, desto größer scheint die Bereitschaft, das eigene Leben zu riskieren. Es ist 70 Jahre her, aber das Unrecht, das ihren Familien geschah, scheint gegenwärtiger denn je. Jeder nennt sich Flüchtling, jeder weiß noch, aus welchem Ort die Großeltern fliehen mussten und jeder scheint von der Frage überrascht, was denn bei der Rückkehr mit den Menschen passieren soll, die heute dort wohnen. Manche lachen, andere reden sich in Rage oder zitieren den Koran, in dem stehe, Muslime würden Juden bis zum jüngsten Gericht bekämpfen, der Feind könne nie der Freund sein.

Es sind diese Aussagen, mit denen Israel sein brutales Vorgehen rechtfertigt. Aber das verstehen die wenigsten. Kaum jemand von ihnen hat Gaza jemals verlassen, kaum jemand ist je einem Juden begegnet. Jeder interessiert sich nur für das eigene Leid, und das ist groß: 60 Prozent Arbeitslosigkeit, zwei Stunden Strom am Tag, Wassermangel, Lebensmittel auf Zuteilung. Die Hamas hat ein leichtes Spiel. Am 15. Mai, dem Nakba-Tag, sollen eine Million zur Grenze kommen, den Zaun einreißen und in ihr Land zurückkehren.

Die Vorbereitungen laufen. An diesem Tag werden wieder Busladungen von den Moscheen abgeholt, Frauen diesmal, und am Protestcamp abgesetzt. Es ist ein wolkiger Tag, man sieht Zelte, Imbissstände und Busse. Viele Busse. Auf den ersten Blick könnte man denken, ein großes Fest werde vorbereitet. Auf den zweiten sieht man, dass auf die Zelte die Namen der Orte geschrieben sind, aus denen die Familien fliehen mussten, dass die Zelte gerade umgesetzt werden, dichter an die Grenze heran. Man sieht einen Drahtzaun und dahinter, ein paar Hundert Meter entfernt, ragen die Spitzen schwarzer Zelte in die Luft. In den Zelten liegen die Scharfschützen.

Als sei nur ein Fußballspiel verloren

Es ist ein gespenstisches Szenario, ein Schlachtfeld, als Volksfest getarnt. Die Frauen bewegen sich sicher darin, laufen Richtung Zaun, fotografieren sich gegenseitig. Als sie merken, dass eine Reporterin vor Ort ist, kommen sie angelaufen, erzählen, dass sie heute in der Moschee über den Marsch gesprochen hätten. Immer neue Frauen kommen. Eine ist Studentin und sagt, jeden Freitag sei sie hier gewesen, um Bilder von Toten und Verwundeten zu twittern. Ein Mädchen ruft, ihr Cousin sei auch gestorben. Sie lächelt, als habe der Cousin nur das Endspiel beim Fußballturnier verloren. Spätestens in diesem Moment begreift man, wie hoffnungslos alles ist.

Ahmad war 18 Jahre alt. Das israelische Militär sagt, er sei Kämpfer der Kassam-Brigaden gewesen, einer Untergrundorganisation der Hamas. Die Eltern sagen, er war ein normaler Junge, IT-Student. Zusammen seien sie an die Grenze gefahren, festlich angezogen, in der traditionellen Kleidung ihrer Heimatstadt Majdal, heute Ashkelon, sagt der Vater. Ihr Sohn sei vor den Mittagsgebeten gefahren, sie danach. Als sie ankamen, mit Snacks und Getränken, rief ihr ältester Sohn: Ahmad ist verletzt.

Er starb noch am selben Tag. Ein Schock, sagt die Mutter, nie habe sie damit gerechnet, dass geschossen werde. Ahmad habe das Leben geliebt, sagt der Vater. Er arbeitet als Hausmeister an einer UN-Schule, er verdient besser als viele andere in Gaza. Vor kurzem ist die Familie in eine neue Wohnung gezogen. Sie wollten hier ein neues Leben anfangen, aber überall hängen nun die Bilder des toten Jungen, Ahmads lachendes Gesicht zwischen Symbolen des Freiheitskampfes: die goldene Kuppel des Felsendoms, ein Kämpfer mit einem Maschinengewehr im Anschlag. Und ganz oben rechts das Zeichen der Kassam-Brigaden.

Die Männer vom Trauerkommando haben die Bilder gebracht. Als Zeichen des Dankes und der Anerkennung.

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