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Polizei-Software

Vom Schlachtfeld in die Innenstädte

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    Alicia Lindhoff
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Die US-Firma Palantir entwickelt Software zur Analyse von Massendaten – und gibt so Sicherheitsbehörden ein mächtiges Werkzeug an die Hand.

Wer „Herr der Ringe“ kennt, erinnert sich an den Zauberer Saruman. Hoch oben im Turm von Isengart plant er im Auftrag des dunklen Herrschers Sauron die Unterjochung von Menschen, Zwergen und Elben. Eine seiner mächtigsten Waffen im Kampf um Mittelerde: der Palantir. Wer einen solchen „sehenden Stein“ besitzt, kann damit die Welt bis in den hintersten Winkel überwachen und alles und alle im Blick behalten. Die ultimative Big Brother-Dystopie.

Kein Wunder, dass viele hellhörig geworden sind, als 2017 zuerst die hessische und Anfang dieses Jahres auch die nordrhein-westfälische Polizei verkündeten, eine Fahndungs-Software der US-Firma Palantir zu kaufen. Eine Software, die noch dazu „Gotham“ heißt, wie die düstere Metropole aus den Batman-Comics.

Doch es sind nicht nur Namen, die das Misstrauen gegenüber den Datenanalysten aus dem Silicon Valley schüren. Vor allem in den USA macht Palantir immer wieder negative Schlagzeilen. Viele Mythen ranken sich um die Zusammenarbeit der Firma mit den US-Geheimdiensten CIA, FBI und NSA. Vor wenigen Monaten deckten Journalisten auf, dass die berüchtigte US-Immigrationsbehörde ICE 2017 in der Grenzregion zu Mexiko mittels Palantir-Software Bewegungsprofile von minderjährigen Flüchtlingen und ihren Familienmitgliedern erstellt hat, mit denen deren Abschiebung erleichtert wurde. Die Firma hatte das zuvor bestritten und behauptet, der Behörde nur bei der Bekämpfung grenzüberschreitender Kriminalität zu helfen.

In Städten wie Los Angeles, wo die Polizei schon seit Jahren mit Palantir-Software arbeitet, beklagen Bürgerrechtler, das System verstärke diskriminierende Praktiken wie Racial Profiling oder führe dazu, ganze Stadtteile als Gettos abzustempeln.

Was also hat die Verantwortlichen in Hessen und NRW dazu bewogen, Palantir den Vorzug vor weniger umstrittenen Software-Schmieden zu geben?

Wie viele Sicherheitspolitiker vor ihnen dürfte sie vor allem die Aura von Genialität fasziniert haben, die die Entwickler aus dem Silicon Valley umgibt. Auch wenn Palantir nicht wenige Wettbewerber hat: Ihre Software gilt vielen in der Branche als das Beste, was der Markt derzeit zu bieten hat, wenn es darum geht, riesige Datenmengen aus den verschiedensten Quellen automatisiert zu analysieren. Die „Wirtschaftswoche“ nennt die Palantir-Software sogar „eines der mächtigsten Werkzeuge der Welt“. In Echtzeit soll sie auffällige Muster in den Daten aufspüren, die ein Mensch nur mit viel Glück und langer Recherche entdeckt hätte – wenn überhaupt. Von dieser Fähigkeit träumt in Zeiten, da das weltweit gespeicherte digitale Datenvolumen immer gigantischere Dimensionen annimmt, jede Behörde, jeder Geheimdienst, jedes Unternehmen.

Doch im Fall von Palantir liegen Glorifizierung und Dämonisierung dicht beieinander. „Palantir weiß alles über dich“, raunte der Mediendienst Bloomberg in einem Artikel über die Firma. Das US-Portal Slate.com hat das Unternehmen gerade erst auf Platz vier der gefährlichsten Tech-Firmen 2020 gewählt – nach Amazon, Facebook und Alphabet.

Die Anfänge der Firma, die auch gut 15 Jahre nach ihrer Gründung von vielen beharrlich als Start-up bezeichnet wird, sind eng verwoben mit George W. Bushs Krieg gegen den Terror nach dem 11. September 2001. Eine der frühesten Investitionen kam von In-Q-Tel, einer Tochterfirma der CIA, die Risikokapital für IT-Start-ups vergibt, um neue Technologien schnell für Militär und Geheimdienste nutzbar zu machen.

Palantir selbst lässt auf Anfrage wissen, das Ziel sei anfangs gewesen, den US-Behörden zu demonstrieren, „dass es im Kampf gegen Terrorismus weniger darum geht, immer neue Daten zu generieren, sondern die bereits rechtmäßig zugänglichen Daten besser zu nutzen“. Palantirs Datenanalyse-Werkzeuge wurden in Afghanistan und dem Irak eingesetzt und sollen angeblich geholfen haben, den Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden ausfindig zu machen. Erst Anfang 2019 hat Palantir einen rund 800 Millionen Dollar schweren Vertrag mit dem US-Verteidigungsministerium unterzeichnet.

Palantir wirbt damit, dass ihre Software „Gotham“, die auch in Hessen und NRW zum Einsatz kommt, auf dem Know-how und der jahrelangen Erfahrung auf „Schlachtfeldern“ und in Einsatzzentren weltweit basiert. Doch wer steckt hinter dieser Firma, die Militärtechnologie in europäische Innenstädte bringt?

Der bekannteste Kopf hinter Palantir ist wohl Peter Thiel, Star-Investor der US-amerikanischen Techbranche, der seine Firmen gerne nach mächtigen Artefakten aus dem Tolkien-Universum benennt. Der gebürtige Frankfurter war einer der ersten Kapitalgeber von Facebook und gründete zusammen mit Elon Musk den Bezahldienst Paypal.

Doch Thiel hat auch am meisten zum zwielichtigen Ruf der Firma beitragen. Der bekennende Libertäre hat an die ultrakonservative Tea Party gespendet und Donald Trump beraten. Er lehnt staatliche Regulierung ab, gibt sich aber zugleich nationalistisch. In einem Essay bezeichnete er einmal Freiheit und Demokratie als unvereinbar. Thiel ist für europäische Staatsvertreter ein schwieriger Partner. Anders sieht es beim zweiten starken Mann hinter Palantir aus: Alex Karp.

Der 52-Jährige kombiniert seine Locken mit violetten Pullundern oder mit Sportkleidung, seine Mitarbeiter schult er im Tai Chi, und auf Podien wirkt er eher wie ein Intellektueller denn wie der Chef eines berüchtigten Tech-Unternehmens. Tatsächlich hat Karp in Frankfurt seinen Doktor in Philosophie gemacht. Theodor Adorno, Jürgen Habermas – es war die Anziehungskraft der Kritischen Theorie, die ihn an den Main lockte.

Ein nationalistischer Brachialkapitalist und ein eher linker Denker, der von sich selbst sagt, er habe einen „devianten“ Lebensstil und fürchte wenig mehr als das Ende der Privatsphäre: Auch dieses wunderliche Paar hat viel zum ambivalenten Bild beigetragen, das sich die Öffentlichkeit von Palantir macht.

An ihr Kennenlernen im Studentenwohnheim der Eliteuniversität Stanford erinnerte sich Karp in einem Podcast, den er gemeinsam mit Springer-Chef Matthias Döpfner aufnahm: „Wir haben gerne diskutiert und gestritten.“

Dass der sonst sehr verschwiegene Alex Karp ausgerechnet Döpfner Einblicke gewährte, ist kein Zufall. Seit Anfang 2018 sitzt er im Aufsichtsrat von Springer. Ende desselben Jahres berief ihn auch der Chemieriese BASF in seinen Beirat. Es folgte eine Charmeoffensive des Palantir-CEO in Deutschland. Innerhalb weniger Monate saß er bei der Münchener Sicherheitskonferenz auf einem Podium mit Ex-Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), plauderte bei einem Dinner zur Digitalökonomie mit Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und sprach bei der „Digitising Europe“-Konferenz in Berlin. Karp nannte das deutsche Bedürfnis nach Datenschutz einen „Wettbewerbsvorteil“ und lobte, die hiesige „Talentbasis“ sei eine der besten der Welt.

Palantir braucht neue Absatzmärkte. Zwar gilt die Software-Schmiede als eine der höchstbewerteten Firmen des Silicon Valley. Doch auf der anderen Seite steht ein Geschäftsmodell, das auch nach gut 15 Jahren des Bestehens keinen Gewinn abgeworfen hat. Der für 2019 heiß erwartete Mega-Börsengang ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Und in den USA sind einige Kunden wieder abgesprungen, etwa Coca-Cola und American Express, aber auch die Polizeibehörden von New York und New Orleans.

Auch im asiatischen Raum fischt Palantir nach Kunden und Geldgebern. Europa bleibt aber ein besonders wichtiger Markt. Mittlerweile soll die Firma mehr Mitarbeiter in ihren Niederlassungen in London, Paris, München, Berlin und Amsterdam haben als am Stammsitz in Palo Alto. Laut Handelsregister ist der deutsche Hauptsitz ein Büro in Frankfurt, tatsächlich läuft in Deutschland wohl das meiste über die Niederlassung in München. Seit Monaten schreibt die Firma für das dortige Büro neue Stellen aus – von Softwareentwicklern über Personalverantwortliche bis hin zu Angebotsverfassern. Deren Aufgabe ist es, Palantir viele öffentliche Aufträge zu sichern.

Palantirs Stärke ist die Schwäche der anderen: Vielen Firmen und Behörden in Europa fehlt digitales Know-how, so dass die smarte Rhetorik der „Daten-Magier“ („Wirtschaftswoche“) oft verfängt. Palantir ist bekannt für seine subtilen Verkaufsstrategien. Während sie im Vergleich zu anderen Techfirmen selten auf großen Messen vertreten sind, gilt die Firma als besonders gut darin, in unverbindlichen Erstgesprächen einzelne Politiker, Behörden- oder Firmenvertreter von ihrer Technologie zu begeistern und zu Multiplikatoren zu machen.

Derlei Überzeugungsarbeit ist offenbar nötig. Gerade in Deutschland, wo Datenschutz so groß geschrieben wird wie sonst kaum irgendwo auf der Welt, sind auch die Vorbehalte gegen den Einsatz einer Data-Mining-Firma, die mit US-Geheimdiensten zusammenarbeitet, groß. Dass Mitgründer Peter Thiel die Datenschutz-Grundverordnung als „dummes Eigentor“ der EU bezeichnet hatte, dürfte nicht geholfen haben, die Zweifel zu zerstreuen. Hinzu kommt, dass Palantir sehr verschlossen ist. Interviews werden selten gewährt. Auf eine Anfrage der FR an Palantir Deutschland reagierte die Firma zwar schnell, schickte aber erst nach mehrtägiger Abstimmung mit dem Hauptquartier in Palo Alto ein PDF mit allgemeinen Informationen. Auch ein Telefonat lehnte die Presseabteilung ab. Stattdessen bot das Unternehmen ein Hintergrundgespräch an – vorausgesetzt, in der FR würde bis dahin nichts über das Unternehmen veröffentlicht. Das Gespräch fand nicht statt.

„Wir sind schlecht in der Werbung. Ich rede nicht gerne mit der Öffentlichkeit“, erzählte Karp im Podcast von Springer-Vorstandschef Matthias Döpfner. Wenn er oder andere Firmenvertreter es dann aber doch tun, dann sprechen sie davon, wie mithilfe ihrer Software Terroranschläge verhindert oder ein Kinderporno-Ring aufgedeckt wurden.

Palantir präsentiert sich als idealer Partner für westliche Demokratien, die Sicherheit garantieren wollen, ohne auf Freiheit zu verzichten. Mit autoritären Staaten werde seine Firma niemals zusammenarbeiten, beteuerte Karp. Doch die Zweifel bleiben – auch innerhalb des Unternehmens. Einige Mitarbeiter in den USA fordern vom Management, die Software nicht mehr in den Dienst der Einwanderungsbehörde zu stellen, solange dieser Bürgerrechtsverletzungen vorgeworfen werden. Bislang ohne Erfolg.

Wieder kommt einem die Metapher in den Sinn, die die Firma mit ihrer Namensgebung selbst ins Spiel bringt. Der Zauberer Saruman kämpfte einst gegen den Tyrannen Sauron – zu diesem Zweck überließ ihm der Rat der Zauberer den Palantir. Erst als Saruman auf die Seite des Bösen wechselte, erkannten seine ehemaligen Verbündeten, welches Unheil der sehende Stein in den Händen der Falschen anrichten konnte.

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