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Schimon Peres ist tot

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Von: Inge Günther

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FILE - Former Israeli President Shimon Peres attends  the award ceremony of German Foreign Minister Frank-Walter Steinmeier's honorary doctorate of Hebrew University in Jerusalem, Israel, 31 May 2015.   Photo: JENS BUETTNER/dpa (zu dpa:"Israels Ex-Präsident Schimon Peres stirbt nach Schlaganfall" vom 28.09.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++
FILE - Former Israeli President Shimon Peres attends the award ceremony of German Foreign Minister Frank-Walter Steinmeier's honorary doctorate of Hebrew University in Jerusalem, Israel, 31 May 2015. Photo: JENS BUETTNER/dpa (zu dpa:"Israels Ex-Präsident Schimon Peres stirbt nach Schlaganfall" vom 28.09.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++ © Jens Büttner (dpa-Zentralbild)

Israels Ex-Präsident Schimon Peres ist tot. Der 93-Jährige starb in einem Krankenhaus in der Nähe von Tel Aviv an den Folgen eines schweren Schlaganfalls.

Er war einer, der immer wieder aufsteht. Ob nach politischen Niederlagen oder auch gesundheitlichen Rückschlägen, Schimon Peres ließ sich nicht unterkriegen und machte weiter. Er war der letzte noch Lebende aus Israels Gründergeneration, eine überlebensgroße Figur, ausgestattet mit Scharfsinn und Weitsicht, aber auch nicht ohne Eitelkeit. An diesem Mittwoch starb Schimon Peres im Alter von 93 Jahren in einem Tel Aviver Krankenhaus.

Nach seinem Abschied aus dem Amt des Staatspräsidenten im Sommer 2014 schien er allmählich körperlich abzubauen. „In den letzten Monaten“, schrieb der Journalist Ben Caspit, „begann er so alt auszusehen, wie er war.“ Aber Peres blieb aktiv. Auch an jenem 13. September 2016, an dem ihn ein massiver Hirnschlag traf, von dem er sich nicht mehr erholen sollte, hatte er morgens noch eine Rede vor High-Tech-Unternehmern gehalten und mittags per Videobotschaft auf seiner Facebook-Seite für den Konsum „weiß-blauer“, also einheimischer Produkte geworben.

Bis ins hohe Alter blieb Peres ein umtriebiger Mensch, daran gewöhnt, Dinge zu bewegen, etwas nach vorne zu bringen. Aber sein großes Ziel, ein Friedensschluss mit den Palästinensern auf Basis einer Zwei-Staaten-Lösung, rückte immer ferner. Nicht weil er es aufgab, sondern weil auch er die Hoffnung verlor, dass sich in der politischen Konstellation mit Benjamin Netanjahu als Premier einer nationalrechten Regierung der komatöse Friedensprozess wiederbeleben lasse.

Dabei galt Peres Zeit seines Lebens als unermüdlicher Optimist. Seine Vision eines neuen Nahen Ostens wurde von skeptischen Israelis oft als „blauäugig“ abgetan. In der Welt hingegen genoss er ungebrochene Bewunderung als Elder Statesman und Friedensnobelpreisträger, als jemand, der das bessere, das vernünftige Israel verkörperte. Kein Staatsgast, kein Außenminister, kein Hollywoodstar, der nicht bei einem Israel-Besuch auf einen Termin bei Peres aus war. Barack Obama, der mit Netanjahu nicht kann, verstand sich mit Peres umso besser und verschaffte ihm bei dessen Abschiedstour 2014 einen glanzvollen Empfang im Weißen Haus.

In seiner letzten großen Rolle als hochbetagtes Staatsoberhaupt gelang Peres auch etwas, was ihm in den vorangegangenen Jahrzehnten seiner politischen Karriere nicht vergönnt war: Er gewann die Herzen der Israelis. Nie war Peres im eigenen Land so beliebt wie in seinen sieben goldenen Jahren als Präsident.

Gerade nach all den Skandalen um seinen Vorgänger Mosche Katzav, der wegen sexueller Übergriffe bis heute im Gefängnis sitzt, verband Peres das Amt wieder mit Würde und verschaffte Israel Respekt in der Welt. Seine friedenspolitischen Ansichten – oft verpackt in feingeistige Bonmots, für die er ein Faible besaß – wirkten zugleich der schärfer werdenden internationalen Kritik an Israels Umgang mit den Palästinensern entgegen. Die nach rechts gerückte israelische Gesellschaft lernte zu schätzen, was sie an Peres hatte.

Er stieg auf zum „Vater der Nation“, zum Präsidenten des nationalen Konsenses. Seine Aufgaben beschränkten sich in dieser Funktion aufs Repräsentative. Gleichwohl nahm sich Peres die Freiheit raus, abweichende Meinungen zum Kurs der Netanjahu-Regierung unmissverständlich zu äußern, wie zum Beispiel im Iran-Konflikt.

Allerdings war Peres nicht nur „Mr. Peace“. Ohne ihn gäbe es einige Westbank-Siedlungen nicht und auch keinen Atomreaktor in Dimona. Er war es, der dem Drängen der Siedlerbewegung Gusch Emunim (Block der Getreuen) in den frühen siebziger Jahren nachgab, aus Schlaflagern dauerhafte Niederlassungen auf palästinensischem Privatland zu machen, wie etwa in Ofra, nordöstlich von Jerusalem. Nicht Nein sagte er ebenso zu dem Wunsch der Siedler, die unbedingt nach Hebron, an Abrahams letzte Ruhestätte, zurückkehren wollten. Erst erteilte er ihnen die Erlaubnis, die Siedlung Kirjat Arba außerhalb Hebrons zu bauen, später setzten sie jüdische Enklaven innerhalb der palästinensischen Stadt durch. Es waren Entscheidungen, die er bereuen sollte. In den achtziger Jahren machte er mit der Forderung nach einem Rückzug aus Gaza und Teilen des besetzten Westjordanlands Wahlkampf, bekam dafür aber keine Mehrheit. Einen eigenen Palästinenserstaat an der Seite Israels lehnte er damals noch ab.

Auch bei Israels Entwicklung zur heimlichen Atommacht, die schon vor dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 begann, leistete Peres Pionierarbeit. Er sah darin eine Art dialektische Ergänzung zu seiner Friedensvision. Dahinter stand das Kalkül, erst der Besitz von Kernwaffen werde die arabischen Hoffnungen auf eine Zerstörung des Judenstaates zunichte machen und einem Aussöhnungsprozess den Weg ebnen.

Offiziell hat sich keine israelische Regierung je dazu bekannt, nukleare Sprengköpfe zu besitzen. Auch diese Politik der Ambivalenz geht auf Peres zurück. Er selbst drückte es so aus: „Israel beabsichtigt nicht, Nuklearwaffen vorzuführen. Aber wenn die Leute fürchten, dass wir über welche verfügen – warum nicht? Das schreckt ab.“

Peres mischte mit, vom Unabhängigkeitskrieg 1948 bis zu Israels Aufstieg zur Hightech-Nation. Dennoch hing ihm lange Zeit der Ruf an, er sei ein Polarisierer, der vor „schmutzigen Tricks“ nicht zurückscheue und, vor allem, notorisch Wahlen verliere. Womöglich sei über keine andere Persönlichkeit in der Geschichte Israels derart systematisch hergezogen worden wie über Peres, schrieb der „Haaretz“-Journalist Jossi Verter, ein Intimkenner hiesiger Politik.

Schon seinen Weg in die Politik musste sich Peres als Außenseiter erkämpfen. 1923 in Polen geboren und unter dem Namen Schimon Persky als Elfjähriger mit seiner Familie in das britische Mandatsgebiet Palästina eingewandert, sprach er Hebräisch mit Akzent. Ihm fehlte der Nimbus des stolzen „Sabra“, wie die im Lande Geborenen nach der gleichnamigen Kaktusfrucht benannt werden. Und schon gar nicht war er ein ehemaliger General – im Unterschied etwa zu Jitzchak Rabin und Ariel Scharon, die als hochdekorierte Militärhelden die politische Laufbahn einschlugen. Trotz seiner Verdienste um die Landesverteidigung – als Stichwort sei die Rüstungshilfe genannt, die Peres in den fünfziger Jahren mit Franz-Josef Strauß aushandelte – sah man in der Armeeführung auf ihn ein herab.

Dabei hatte Peres das politische Handwerk von David Ben-Gurion gelernt und darin mehr Erfahrung als alle anderen vorzuweisen. Fast fünfzig Jahre lag saß er durchgängig in der Knesset, die meiste Zeit für die Arbeitspartei. Er diente in zahlreichen Schlüsselministerien wie Verteidigung, Finanzen und Außenpolitik und führte zweimal als Premier die Regierungsgeschäfte – allerdings nur interimsweise – zuletzt nach dem Mord an Rabin im November 1995, seinem einstigen Rivalen und späteren Weggefährten. Die Kugeln hätten auch Peres treffen können, den Architekten des Osloer Friedensprozesses. Wie Rabins Name stand auch seiner auf der Abschussliste des rechtsextremistischen Studenten Jigal Amir.

Peres hatte hinter den Kulissen einen entscheidenden Anteil am Zustandekommen der Geheimgespräche zwischen israelischen und palästinensischen Unterhändlern in der norwegischen Hauptstadt besessen. Auf dem Foto des Unterzeichnungsakts vor dem Weißen Haus, mit dem Rabin und Jassir Arafat die gegenseitige Anerkennung von Israel und PLO am 13. September 1993 besiegelten, fehlt Peres zwar. Aber den Friedensnobelpreis ein Jahr später hatten alle drei gemeinsam entgegengenommen.

Nur, Peres alleine vermochte „Oslo“ – Kurzform für die Interimsabkommen mit den Palästinensern – nicht zu retten. Eine Serie verheerender Selbstmordattentate der Hamas in Reaktion auf die gezielte Tötung ihres Bombeningenieurs Jehije Ajasch untergrub das Vertrauen vieler Israelis in den Friedensprozess. Und in Peres. Dazu feuerte die Hisbollah Raketensalven aus Libanon in den israelischen Norden. Peres wollte mit einer Militäroperation von zweifelhaftem Erfolg zeigen, dass auch er eine harte Hand besitzt. Einige dieser „Früchte des Zorns“, so der Name der Offensive, landeten in einem UN-Flüchtlingslager. Über hundert Menschen starben.

Unmittelbar nach dem Anschlag auf Rabin hatte jeder damit gerechnet, dass angesichts des Schocks über diese Tat Peres als Nachfolger nicht zu schlagen sei. Bei den Neuwahlen ein halbes Jahr später unterlag er Netanjahu und dessen aggressiver Stimmungsmache gegen „Oslo“.

Nach dem Motto „aufgeben gilt nicht“ gründete Peres sein eigenes Friedenszentrum, das Peres Center for Peace, holte namhafte Ex-Präsidenten wie Bill Clinton und Michail Gorbatschow in den Klub der Unterstützer und tröstete sich damit, international als einer dazustehen, der eben seiner Zeit voraus war. „In der Regel in etwa 15 Jahre“, hat er selber einmal schmunzelnd bemerkt.

Einen anderen Satz, wonach ihn Ämter nicht mehr interessierten, sondern nur noch sein Engagement für Frieden, nahm man ihm allerdings nur halb ab. Sein politisches Comeback kam dann ja auch, 2001 als Außenminister unter Ariel Scharon und 2007 endlich die ersehnte Krönung zum Staatspräsidenten.

Nur der Ruhestand war nichts für ihn. Bis ins hohe Alter bewahrte er sich einen Hang zum Visionären, begeisterte sich für das Internetzeitalter, das der globalisierten Menschheit ungekannte Chancen ermögliche. Es war zugleich sein Rezept, jung zu bleiben.

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