+
Bevölkerungsgruppen im Irak

Schiitisches Kräftemessen

Ayatollah Sistani mobilisiert, doch er spricht nicht für die Vielzahl säkularer Moslems

Von KARL GROBE (FRANKFURT A. M.)

"Wenn Sistani die Amerikaner herausfordern will, braucht er bloß ein Wort zu sagen - Dschihad." Der Satz fiel am Montag während der größten Demonstration in Bagdad seit dem Sturz Saddam Husseins. Großayatollah Ali al-Sistani hatte die Kundgebung der Hunderttausend inspiriert. Bilder des 73 Jahre alten schiitischen Gelehrten wurden herumgetragen, Bilder des jungen Radikalen Muktada as-Sadr, Bilder umgebrachter schiitischer Vordenker und Organisatoren. Sprechchöre legten Bekenntnisse ab zum Staat Irak und zur Staatseinheit. Und Sprechchöre protestierten gegen die Besatzungs-Pläne für indirekte Wahlen.

Tags darauf zogen, weniger bemerkt, über Fünftausend durch die Stadt. Ärmer waren sie und jünger, wie einheimische Beobachter, britische und amerikanische Reporter feststellten. Die Jüngeren, Ärmeren kamen aus dem Armutsviertel Madinat Sadr, dem vielleicht zwei Millionen Zuwanderer der ersten und zweiten Generation beherbergenden Quartier im Nordosten der Metropole.

Die Maßvollen und die Radikalen

Der erste Massenmarsch belegte die mobilisierende Kraft, über die Sistani verfügt, der angesehenste Interpret einer eher staatsabgewandten schiitischen Strömung. Der zweite Aufmarsch könnte auf interne Kräfteverhältnisse hinweisen. In Madinat Sadr hat der radikale Twen Muktada as-Sadr, Nachfahr angesehener Geistlicher, erstens eine Massenbasis, zweitens die Kontrolle über eine strikt islamistische Kommunalverwaltung und drittens das Rekrutierungsfeld der "Mahdi-Armee", der bisher noch kaum bewaffneten Miliz seiner radikalen Richtung. Die maßvollen, eigentlich am liebsten apolitischen Anhänger Sistanis hat er seit Monaten immer wieder herausgefordert, in Bagdad wie in Kerbela und Nadschaf, den Städten, die den Schiiten heilig sind.

Das Kräfteverhältnis, so scheint der Vergleich der Demonstrationen zu zeigen, ist günstig für Sistani und ungünstig für Sadr. Das mag diejenigen beruhigen, die mit Sorge die Massenbewegung des jungen Radikalen aus dem Bagdader Nordosten beobachten. Es mag diejenigen enttäuschen, die der Variante aus dem Nachbarland anhängen - der Islamischen Republik, in der die Geistlichkeit alles entscheidet, was Sistani gerade nicht will. Wichtiger scheint indes, dass der Großayatollah Massen mobilisieren kann wie kein anderer, wie die von der Besatzungsmacht eingesetzten Führer nicht - und wie es keine religionsfreie säkulare Kraft kann.

Mit einem Urteil (Fatwa) im Frühsommer hat er den Maßstab vorgegeben. Die Besatzungsmacht sei nicht berechtigt, eine verfassungsgebende Versammlung einzuberufen oder einberufen zu lassen, weil der Wille des irakischen Volkes nur durch direkte und freie Wahlen dargestellt werden könne. Die Besatzungsführer zu empfangen, weigert er sich. Sein Ansehen schiebt ihn nun in die Rolle eines politischen Führers, der er nach eigener jahrzehntelang durchgehaltener Bekundung niemals sein will.

Das wäre sein Problem. Dahinter taucht ein anderes, umfassenderes auf: die Orientierung der irakischen Gesellschaft auf religiöse Grundsätze, die sie seit der Staatsgründung weit hinter sich gelassen hatte.

Auf den Mittelstand in den großen Städten trifft am ehesten die Bezeichnung "säkulare Moslems" zu. Ein Internet-Autor, der unter dem Namen "Salam Pax" - "Frieden" auf Arabisch und Lateinisch - schreibt, hat das bündig beschrieben. Das islamische Erbe enthält für ihn: Architektur, die Lieder der Umm Khaltum, die arabische Sprache, "Liebeslieder und Koran", das Bild seiner Heimatstadt, Moscheen und Harmonie. Er "glaubt nicht an die islamische Religion, aber ist ein Teil der islamischen Kultur und Gesellschaft" und fühlt sich vom Religionsstreit zwischen Schiiten und Sunniten unberührt. In diesen Worten ist das Lebensgefühl der Generationen enthalten, die in den großen Städten, den Schmelztiegeln des Vielvölkerstaats, aufgewachsen sind. Dem widerspricht der Aufstieg der Schiiten zu einer politischen Kategorie; doch gerade die ethno-religiöse Einteilung in Schiiten, Sunniten und Kurden, die von der Besatzungsmacht vorgenommen wurde, hebt die Grundlagen dieses Lebensgefühls aus den Angeln.

Sistanis mobilisierende Kraft ist liberaler als die Sadrs. Doch gerade Sistanis Fatwas über Ehe und Zivilstand enthalten den Geist des Frauen entrechtenden Dekrets 137, dem die irakischen Zuarbeiter der Besatzung zugestimmt haben. Sein Widerstand stammt aus einer vergangenen Epoche.

Dossier: Irak nach dem Krieg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion