+
Die Lady: Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.

Aung San Suu Kyi

Schicksalstag in Myanmar

  • schließen

Heute tagt erstmals das neue Parlament in Myanmar. Aung San Suu Kyi hält die Reformpläne geheim.

Unaufhaltsam ticken die Uhren. Myanmars Begegnung mit der Geschichte rückt näher. Die Oppositionsbewegung „National Democratic League“ (NLD) der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi wird nach jahrzehntelanger Unterdrückung am heutigen Montag mit Hunderten von neu gewählten Abgeordneten in das Parlament einziehen.

Doch trotz ihres massiven Wahlsiegs mit 80 Prozent der Stimmen bei den Wahlen im vergangenen November erwecken Myanmars frisch gebackene Volksvertreter den Eindruck, als ob sie dem Schicksalstag des südostasiatischen Landes auf Zehenspitzen entgegenschleichen.

„Alle fürchten, versehentlich das Boot ins Schaukeln zu bringen“, beschreibt ein asiatischer Diplomat in der früheren Hauptstadt Rangun die Stimmung am Irrawaddy.

Die Reformpläne der NLD werden geheim gehalten, um die Bürokraten des bisherigen Regimes nicht vorzeitig zu verschrecken. Die Vereinbarungen in Verhandlungen zwischen Myanmars Generälen und der NLD-Führerin Aung San Suu Kyi bleiben unbekannt, weil weder die Offiziere noch die unangefochtene Wahlsiegerin es für nötig halten, die Öffentlichkeit zu informieren.

Zu groß ist die Furcht, die Machtübergabe des bisherigen Präsidenten Thein Sein an eine neue Regierung der früheren NLD-Opposition könne in Gefahr geraten. „Wir werden alles akzeptieren, um die Militärs zu beruhigen und den Übergang stabil zu halten“, sagt der 88-jährige NLD-Veteran Tin Oo, der in den 70er Jahren selbst einmal als Armeechef diente, „wir wissen, das wir am Ende ohnehin gewinnen werden. Aber es wäre falsch, unsere Vorstellungen gegenwärtig in den Vordergrund zu rücken.“

Mit einer Sperrminorität von 25 Prozent der Parlamentssitze können die Generäle jedes Vorhaben der demokratisch gewählten Lady, wie Aung San Suu Kyi im Volksmund heißt, kippen.

Die Widerstandsikone verhängte auch ihren Mitarbeitern einen Maulkorb. „Die Politik ist gegenwärtig genau so undurchsichtig wie während der vergangenen Jahre unter der Herrschaft der Generäle“, sagt ein Diplomat. Nur so viel scheint sicher: Aung San Suu Kyi interessiert will nur das Amt der Präsidentin, das der Witwe eines britischen Akademikers freilich verwehrt ist.

Die Verfassung schließt jeden vom Amt des Staatsoberhaupts aus, der mit einem Ausländer verheiratet ist oder war. Schon kurz vor der Wahl verkündete die Lady, sie werde dennoch aus dem Hintergrund regieren.

Als Präsident von Aung San Suu Kyis Gnaden wird gegenwärtig ihr Leibarzt Tin Myo Win gehandelt. „Angeblich will Aung San Suu Kyi sich zwei bis zweieinhalb Jahre Zeit mit einer Verfassungsänderung lassen“, sagt ein Diplomat in Rangun, „aber die ganze Lage kann schnell so kompliziert werden, dass selbst das Militär schon Ende 2016 bereit sein könnte, sie als Präsidentin zu akzeptieren.“

Es wäre eine grundlegende Abkehr von der Verfassung, deren Prinzipien der immer noch lebende einstige Diktator Than Shwe festlegte. Doch selbst der alte Mann der Diktatur, der während seiner Amtszeit Aung San Suu Kyi mit eiserner Faust von der Macht fernhielt, scheint eine Wandlung zu erleben. Jedenfalls verkündete sein Enkelsohn, dass der Ex-Diktator die Lady nach dem überwältigenden Wahlsieg ebenfalls als die natürliche Führerin Myanmars anerkenne.

Niemand weiß, ob der alte General resigniert hat oder sich mit kleinen Dingen tröstet. Denn schließlich begeht Myanmar am Montag seinen historischen Tag umgeben von Symbolen, die Than Shwe dem Land aufzwang.

Hunderte von neugewählten Parlamentariern der „National League for Democracy“ (NLD) lernten vergangene Woche das Einmaleins der parlamentarischen Demokratie von etwas mehr als 40 bisherigen Abgeordneten ihrer eigenen Partei und Veteranen des bisherigen Regimes in Naypyidaw, der von den Generälen gebauten Hauptstadt aus der Retorte.

Und am heutigen Montag werden sie sich in einem von den Militärs gebauten Parlament auf der Basis einer von den Streitkräften erlassenen Verfassung zu einem historischen Ereignis treffen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion