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Neue Organspende-Regeln in Israel.

Organspende in Israel

„Schenke Leben, bekomme Leben“

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In Israel werden potenzielle Organspender bevorzugt, wenn sie selbst eine Transplantation benötigen.

Es war ein Kardiologe und Chefchirurg im Transplantationszentrum des Sheba Medical Center in Tel Aviv, der den Anstoß zur gesetzlichen Neuregelung gab. Auf seiner Station lagen 2005 zwei Patienten, die auf ein Spenderherz warteten. Beide waren strengfromm und bekannten im Gespräch, für sie persönlich scheide aus, ein Organ zu spenden. Kein Problem hatten sie indessen, ein fremdes Herz eingepflanzt zu bekommen. Doktor Jacob Lavee gingen diese Fälle nicht aus dem Kopf. Lange sann er darüber nach, wie sich eine Vergabe fairer gestalten ließe.

Bundestag

In einer Expertenanhörung zu den Plänen für eine Organspendereform hat der zuständige Bundestagsausschuss für Gesundheit am Mittwoch kontrovers über das Thema diskutiert. Befürworter der sogenannten Widerspruchsregelung und Unterstützer der Entscheidungslösung lieferten sich im Ausschuss einen Schlagabtausch. Dabei wurde auch deutlich, dass die Abstimmung im Bundestag noch völlig offen ist: Ein großer Teil der Abgeordneten ist noch unentschieden.

Zumal Israel noch vor zehn Jahren im Vergleich zu westlichen Industrienationen die höchste Verweigerungsrate hatte, Organe von Hirntoten zu spenden. Aus der Not heraus suchten viele Patienten ihr Heil im Transplantationstourismus in Entwicklungsländern. Erst das 2012 in Kraft getretene Transplantationsgesetz läutete eine Wende ein. Auf Lavees Vorschlag hin belohnt es Organspenden. Wer etwa eine Niere hergibt, um einem Angehörigen zu helfen, erhält Pluspunkte, sollte er oder sie selber auf ein lebensrettendes Organ angewiesen sein. Gleiches gilt für Verwandte ersten Grades von Spendern, deren Organe postmortal anderen Menschen ein neues Leben ermöglichen. Aber auch Besitzer von Organspende-Ausweisen rücken auf der Warteliste vor. Im Falle, dass sie eine Herztransplantation benötigen sollten, wird ihnen gegenüber Patienten in gleich schlechter Verfassung, die nicht als Organspender registriert sind, der Vorzug gegeben.

Unter dem Motto „schenke Leben, bekomme Leben“ startete schließlich das israelische Gesundheitsministerium 2012 eine breite Aufklärungskampagne zur neuen Rechtslage. Mit durchschlagendem Erfolg: Binnen zehn Wochen ließen sich 70 000 Israelis als Organspender eintragen. Zuvor waren es nur 3000 pro Monat. Nach Auslaufen der PR-Kampagne flachte die Kurve zwar ab. „Aber wir verzeichnen noch immer einen jährlichen Anstieg“, sagt Tamar Aschkenasi, Direktorin des Nationalen Transplantationszentrums in Israel. Die im Transplantationsgesetz neugeregelte Definition eines Hirntods nach strengen neurologischen Kriterien vermochte ultraorthodoxe Juden nicht überzeugen. Sie glauben, dass erst eine Organentnahme den endgültigen biologischen Tod herbeiführe. Ihnen wird deshalb ermöglicht, lediglich nicht lebensnotwendige Organe zu spenden wie Nieren, einen Teil der Leber oder die Augenhornhaut. Auf der weltweiten Liste lebender Organspender rangiert Israel inzwischen auf dem vierten Platz.

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Die ethische Kontroverse, ob ein Patient mit Spenderausweis zum Nachteil eines anderen ohne einen solchen belohnt werden darf, dauert allerdings an. Kritiker wenden ein, bestmögliche medizinische Versorgung sei ein Grundrecht und dürfe nicht an Bedingungen geknüpft werden. Problematisch ist auch, dass ein Spender Vorteile für sich und die Verwandtschaft sichert, aber die Familie in seinem Todesfall eine Organentnahme verhindern kann.

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