Schauspieler wurde von der Polizei geholt

Strafantritt nach Verurteilung wegen Unterstützung der Baader-Meinhof-Gruppe: Aufführung im Kammerspiel Frankfurt fiel aus

Ins Rampenlicht der städtischen Bühnen Frankfurts trat seit dem 1. Februar des vergangenen Jahres der 35jährige Schauspieler Wolf-Dieter Tropf. Im Scheinwerferlicht stand er schon einmal vor anderer Kulisse: Am 29. Mai des vergangenen Jahres verurteilte ihn die Staatsschutzkammer des Landgerichts München 1 zu einer einjährigen Freiheitsstrafe ohne Bewährung wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung. Am Sonntag um 2.40 Uhr klopften Polizeibeamte an die Tür des Wolf-Dieter Tropf in der Gartenstraße 45 in Sachsenhausen und nahmen ihn mit. Am selben Abend fiel die Kammerspiel-Vorstellung des Lustspiels 'Leonce und Lena' von Georg Büchner wegen dieser Festnahme aus. Betroffenheit herrschte auch noch am Montag in den Reihen der Schauspieler. Von der Verhandlung gegen ihren Kollegen Tropf haben nicht nur sie gewußt. Kulturdezernent Hilmar Hoffmann war ebenfalls informiert über eine frühere, kurzfristige Verbindung des Schauspielers zum harten Kern der Baader-Meinhof-Gruppe. CDU-Mitglieder im Kulturausschuß hatten ihn aufgrund einer Meldung in der Münchner Abendzeitung auf Beziehungen aufmerksam gemacht, die aus dem Jahre 1972 datierten.

Damals, so stellte das erstinstanzliche Urteil fest, hat Wolf-Dieter Tropf von Mai bis zum Sommer jenen Jahres mindestens eine konspirative Wohnung, nämlich in Offenbach, für die Baader-Meinhof-Gruppe angemietet. Auftraggeberin war ihm Gudrun Ensslin, die ihn auch dazu brachte, Anmeldeformulare für Telefone und Radiogeräte auszufüllen. In jenem Monat Mai gingen am IG-Farben-Hochhaus und in Heidelberg Bomben hoch, Menschen wurden getötet.

Genau fünf Jahre später muß sich Wolf-Dieter Tropf in München vor Gericht verantworten, drei Monate zuvor, am 1. Februar des vergangenen Jahres hatte sein Zwei-Jahres-Vertrag mit der Stadt begonnen. Sein Prozeß machte keine Schlagzeilen, die Münchener Zeitungen berichteten in kurzer Nachrichtenform über die Verhandlungstage. Das Urteil allerdings wird kommentiert, hatten doch die Richter dem Angeklagten bescheinigt, er 'habe sich nicht mit der Baader-Meinhof-Gruppe identifiziert und lehne Gewalt und Straftaten zur Durchsetzung politischer Ziele ab'. Auch dem Jahr 1972 wurde in der Urteilsbegründung Rechnung getragen: Die Baader-Meinhof-Gruppe habe sich 1972 'im Lichte der öffentlichen Meinung noch nicht als diejenige verbrecherische Organisation dargestellt, als die sie heute angesehen werden müsse'. Demzufolge sei des Schauspielers Hemmschwelle zu jener Zeit auch niedriger gewesen.

Die mildernden Umstände, die das Gericht zubilligte, reichten jedoch zu einer Strafe auf Bewährung nicht aus. Tropf-Anwalt Hartmut Wächtler: 'Die Entscheidung wurde damit begründet, daß die Bevölkerung für ein solches Strafmaß kein Verständnis hätte.' Kommentierte Müller-Meining jun. in der Ausgabe der 'Süddeutschen' vom 24. Mai 1977 unter dem Titel 'Nicht nur den Leuten aufs Maul schauen': 'Haben wir denn, so ist zu fragen, statt ein auf die Schuld des Täters, ein auf die Stimmungen der Gesellschaft orientiertes Strafrecht? Sind wir da nicht schon wieder sehr nahe, wenn auch in aller Unschuld, beim gesunden Volksempfinden des Dritten Reiches?'

Der Bundesgerichtshof verwarf am 26. Oktober die von Staatsanwaltschaft und Verteidigung eingelegte Revision. Nachdem von der Tat bis zur Verhandlung fünf Jahre vergangen waren, mahlte die Justiz nunmehr schneller. Am 18. November ging der BGH-Bescheid dem in Frankfurt lebenden Schauspieler zu, am 28. Dezember wurde die Ladung zum Strafantritt in der Justizvollzugsanstalt Dieburg zum 3. Januar 1978 abgeschickt, am 2. Januar erhielt Tropf das Schreiben. Daraufhin wurden Kollegen und Arbeitgeber mobil.

Der Schauspieler tritt in immerhin fünf Inszenierungen auf, als Diener ('Leonce und Lena'), Kesselflicker ('Mittsommernachtstraum '), Wärter ('Kur in Bad Wiessee') und als Kriminaler ('Glaube Liebe Hoffnung'), er probte in drei Schnitzler-Einaktern und sollte mit dem Ensemble in dem Stück 'Der arme Vetter' demnächst vom Zweiten Deutschen Fernsehen aufgenommen werden. Der Antrag des Münchner Anwalts auf Strafaufschub erfuhr deshalb in Frankfurt Unterstützung. Hilmar Hoffmann bat in einem Schreiben vom 9. Januar darum. Er kannte Tropf aus einem Gespräch, in dem ihm der Schauspieler 'den starken Eindruck machte, daß er nicht zu den Sympathisanten gehört' (Hoffmann). Von der Ablehnung des Antrags erfuhr Karlheinz Braun, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Städtischen Bühnen, am vergangenen Freitag. Zwei Tage später holten Polizeibeamte den Schauspieler nachts ab, weil er nach Angaben der Polizei tagsüber und abends nicht erreichbar gewesen sei.

Peter Roggisch, Regisseur von 'Leonce und Lena', begründete am Sonntag vor dem Publikum die geplatzte Vorstellung, im Schauspiel bekundeten Darsteller in Brechts 'Tage der Kommune' ihre Empörung. Wolf-Dieter Tropf saß derweil in Preungesheim. Nach übereinstimmender Auskunft von Hilmar Hoffmann und des Vorstandsmitglieds Peter Palitzsch will man dem 35jährigen auch in Zukunft eine Chance geben. Palitzsch: 'Er kann wieder hierher kommen.'

FR vom 17. Januar 1978

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion