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In Chabarowsk, wo es schon seit Wochen Proteste gegen Moskau gibt, erinnert ein Mann an Alexej Nawalny.

Fall Nawalny

Schatten in Sibirien

  • Jan Sternberg
    vonJan Sternberg
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Kremlkritiker Alexej Nawalny soll vor seiner schweren Erkrankung überwacht worden sein. Über die Hintergründe des Zusammenbruchs und über seinen Zustand ist nach wie vor fast nichts bekannt.

Sie folgten Alexej Nawalny wie Schatten. Die russischen Sicherheitsbehörden und Geheimdienste hatten den Kremlkritiker genau im Blick. Sie folgten ihm zu einem Haus im sibirischen Tomsk. Sie registrierten, wann dort eine Sushibestellung angeliefert wurde, wann er das Haus verließ und wann sein Team mitgebrachtes Filmmaterial bearbeitete.

Seine Schatten folgten Nawalny auch zum Flughafen, wo er zwei Gläser Tee trank und dann die Maschine nach Moskau bestieg. Dort kam er nie an. Im Flugzeug schrie er vor Schmerzen, bei einer Zwischenlandung in Omsk wurde er ins Krankenhaus gebracht.

Nawalny liegt seit Donnerstag im Koma und wird künstlich beatmet. Seit Samstag wird Russlands bekanntester Oppositioneller in der Berliner Charité behandelt. Nur spärliche Informationen dringen nach außen. „Alexej Nawalnys Zustand ist kritisch, aber stabil“, sagte der Russland-Koordinator der Bundesregierung, der SPD-Bundestagabgeordnete Dirk Wiese, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Er ist in der Charité in der besten medizinischen Behandlung.“

Die plötzliche Erkrankung von Präsident Wladimir Putins umtriebigem Widersacher löste in den vergangenen Tagen hektische Diplomatie aus. Auch erfahrene Beobachter der Szene fragen sich: Welches Spiel spielt der Kreml? Denn nicht alle Puzzlestücke dieses Rätsels passen zusammen.

Noch einmal zurück nach Tomsk. Dass Nawalny und seine Mitstreiter unter lückenloser Beobachtung standen, überrascht niemanden. Auch nicht seine Sprecherin Kira Jarmysch. „Das Ausmaß der Überwachung überrascht mich überhaupt nicht, wir waren uns dessen bereits bewusst“, schrieb sie am Sonntag auf Twitter. „Aber es ist erstaunlich, dass sie nicht gezögert haben, allen davon zu erzählen.“

Die kremltreue Boulevardzeitung „Moskowski Komsomolez“ bezieht sich in ihrem detaillierten Bericht auf Quellen aus Polizei und Geheimdiensten. Solche Indiskretionen geschehen in Putins Russland nicht einfach so. Und auch der Transport Nawalnys in die Charité traf offensichtlich nicht auf entschiedenen Widerstand des Kreml. Russland-Koordinator Wiese lobt sowohl die „Initiative aus der Zivilgesellschaft“ als auch die „deutsche und russische Diplomatie im Hintergrund“. Den finnischen Präsidenten Sauli Niinistö erwähnt Wiese nicht. Dabei soll er es gewesen sein, der den Weg für Nawalny freigemacht hat.

Er habe zunächst mit Kanzlerin Angela Merkel über Nawalny gesprochen und sei mit ihr übereingekommen, dass er die Sache in einem weiteren Telefonat mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin erörtern solle, sagte Niinistö am Samstag dem finnischen Rundfunksender Yle. Er habe Putin in dem Gespräch gefragt, ob Nawalny zur Behandlung nach Deutschland gebracht werden könne, worauf Putin geantwortet habe, dass es dafür keine politischen Hindernisse gebe.

In Berlin drangen am Sonntag keine Informationen über den Grund für Nawalnys Erkrankung nach draußen. Seine Mitstreiter kündigten am Vormittag eine Pressekonferenz an. „Wir werden alles erzählen, was zurzeit über Alexejs Vergiftung bekannt ist“, schrieb Jarmysch. Am Nachmittag sagten sie wieder ab. Sie würden sich äußern, wenn sie dazu bereit seien. Wolkow und Nawalnys Frau Julia besuchten Nawalny am Sonntag. Sie schwiegen, als sie das Krankenhaus wieder verließen. Ein offizielles Kommuniqué der Klinik wird frühestens für Montag erwartet.

Die Charité haben Nawalnys Vertraute nicht zufällig ausgewählt. Die Klinik hat nicht nur international anerkannte Spezialisten, sondern auch eine Geschichte in der Behandlung russischer Oppositioneller. Im vorvergangenen Jahr etwa bewährte sich die Charité dabei, vergiftete Patienten aus Russland zu versorgen: Damals kam Pjotr Wersilow von der Moskauer Polit-Punk-Gruppe „Pussy Riot“ mit schweren Vergiftungssymptomen nach Berlin. Er konnte gerettet werden.

Nach einigen Verhandlungen konnte Nawalny nach Berlin in die Charité gebracht werden.

So wie der Flug für Pjotr Wersilow wurde nun auch die Hilfsaktion für Alexej Nawalny von der privaten Berliner Initiative „Cinema for Peace“ organisiert. Deren international gut vernetzter Gründer, der in Slowenien geborene Filmproduzent und Konzertveranstalter Jaka Bizilj, war 2018 von Wersilows Familie um Hilfe gebeten worden. Auch in die Anfrage für Nawalnys Transport soll Wersilow involviert gewesen sein, für die Kosten kam die „Cinema for Peace“-Stiftung auf.

Bizilj hatte „Cinema for Peace“ 2001 unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September gegründet, wollte Filme mit sozialem, politischem und humanistischem Anspruch fördern und ehren –Letzteres durch eine eigene Preisverleihung während der „Berlinale“. Das Stiftungsgeld wird nicht zuletzt auf diesen Galas gespendet. Auch Politiker sind dann gern zugegen, so dass Bizilj auch zu ihnen Kontakt pflegt, die bei Aktionen wie der Nawalny-Überführung als Strippenzieher im Hintergrund unabdingbar sind.

Öffentlich spricht seit Nawalnys Einlieferung in die Charité nun vor allem dessen enger Vertrauter Leonid Wolkow für ihn. Wolkow, vor zwei Jahren der Wahlkampfchef des Kreml-Kritikers, als der Wladimir Putin herausforderte, arbeitet für Nawalnys „Fonds zur Bekämpfung zur Korruption“. „Die Ärzte aus Berlin waren die einzigen, die bereit waren, ihn ohne medizinische Dokumente zu transportieren“, erzählte Wolkow dem „Spiegel“.

Was genau der Auslöser für Nawalnys Erkrankung war, ist nach wie vor völlig unklar. Seine Anhänger gehen davon aus, dass er vor dem Flug vergifteten Tee getrunken habe, die Ärzte in Omsk, die ihn vor seiner Verlegung behandelt hatten, vermuten hingegen eine Stoffwechselstörung. Der „Moskowski Komsomolez“ wiederum schreibt, dass die Sicherheitsdienste eine Vergiftung ebenfalls für möglich hielten. Das Gesundheitsministerium in Omsk teilte am Samstag mit, dass bei keinem der bisherigen Tests Gift gefunden worden sei.

Russland-Koordinator Wiese äußerte sich gegenüber dem RND zurückhaltend: „An Spekulationen beteilige ich mich nicht“, sagte er. Eine klare Forderung an Moskau aber hat er: „Die rapide Verschlechterung von Nawalnys Gesundheitszustand muss glaubwürdig, transparent und kooperativ mit den russischen Behörden aufgeklärt werden.“

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