Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Wegweiser“ – genau diese wortwörtliche Übersetzung soll die Scharia im Leben vieler Muslime erfüllen.
+
„Wegweiser“ – genau diese wortwörtliche Übersetzung soll die Scharia im Leben vieler Muslime erfüllen.

Islamisches Recht

Islam: Was ist die Scharia?

  • Yasemin Kamisli
    VonYasemin Kamisli
    schließen

Die Scharia ist das Rechtssystem des Islam und umfasst alle religiösen und rechtlichen Normen. Doch es gibt unterschiedliche Interpretationen.

Die Scharia ist das Rechtssystem des Islam. Somit umfasst sie die Gesamtheit aller religiösen und rechtlichen Normen dieser Glaubensrichtung. Aus ihr gehen jegliche Strafgesetze, Essensvorschriften, Kleiderregeln oder auch rituelle Gebote hervor. „Der deutlich gebahnte Weg zur Tränke“ – so lässt sich das Wort „Scharia“ übersetzen. Es leitet sich von dem arabischen Wort „schara’a“ ab, was so viel bedeutet wie „Wegweiser“.

Das Ziel der Scharia ist es, Muslimen in jeder Lebensphase durch bestimmte Situationen zu leiten. Es gibt ihnen demnach Vorschriften, welche auch aus regelmäßigem Beten, Fasten oder auch Spenden an bedürftige Menschen bestehen. Jedoch beinhalten diese Regeln nicht nur die 5 Säulen des Islam (das Glaubensbekenntnis, die alltäglichen Gebet, das Almosengeben, das Fasten an Ramadan, die Pilgerfahrt nach Mekka), sondern unter anderem das Familien-, Ehe- und Erbrecht oder die Bestimmungen für islamische Banken.

Islam: Was beinhaltet die Scharia?

Die Scharia beschreibt die Gesamtheit rechtlicher und religiöser Normen im Islam. Jedoch handelt es sich hierbei nicht um schriftlich niedergelegte Gesetze. Die Scharia ist vielmehr eine Interpretation der Worte und Vorschriften Gottes und des Propheten Mohammeds. Demnach ist die Scharia auch kein einzelnes Buch, sondern setzt sich aus mehreren Quellen zusammen.

Gott (Allah) gilt in diesem Rechtssystem als oberster Gesetzgeber. Die göttliche Offenbarung im Koran ist dessen Grundlage. Sie basiert aber auch auf der Sunna, welche Überlieferungen des Propheten Mohammeds widerspiegelt. Die Scharia regelt zum einen die Beziehungen der Menschen zu Allah und zum anderen die Beziehungen der Menschen untereinander. Somit gehen aus ihr verschiedene Vorschriften, Verbote und Empfehlungen hervor.

Die fundamentalste Regel der Scharia besagt, dass diese über allen anderen Gesetzen steht. Alle Taten und Handlungen werden in vorgeschriebene Taten (fard) und verbotene Taten (haram) eingeteilt. Verbotene Dinge sind beispielsweise:

  • Alkoholkonsum
  • rechtswidriger Geschlechtsverkehr (vor oder außerhalb der Ehe)
  • Homosexualität
  • Mord
  • Verzehr von Schweinefleisch
  • Diebstahl
  • Glücksspiel

Die Scharia bildet in der islamischen Welt die Grundlage für zahlreiche Rechtssysteme. Obwohl sie gesetzlich nicht niedergeschrieben ist, fließt sie in vielen muslimischen Ländern in das staatliche Rechtssystem mit ein und gilt in einigen Ländern sogar als alleinige Rechtsgrundlage. Hierbei sind die Gebote des islamischen Rechts jedoch nicht eindeutig definiert: Die Gebote werden von Muslimen in verschiedenen Ländern teilweise anders interpretiert. Demnach lässt sich die Scharia und ihre Vorschriften, Verbote und Empfehlungen nur im jeweiligen Umfeld verstehen.

Islamisches Recht: Wer interpretiert die Scharia?

Der Koran und die Sunna, die Grundlagen der Scharia, enthalten zu vielen Fragen keine klaren und eindeutigen Antworten. Aufgrund der Komplexität werden die Gebote demnach vielfältig und mehrdeutig interpretiert. Die Auslegung der Schriften sowie die Rechtsprechung sind im Islam traditionell Aufgabe der Rechtsgelehrten („ulema“), die an Religionsseminaren in islamischem Recht („fiqh“) geschult werden. Danach verfügen sie über eine Erlaubnis, Gutachten („fatwa“) zu religiösen und rechtlichen Fragen zu verfassen.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich umfangreiches Material an Schriften zur Auslegung des Koran und der Sunna. Bei Sunniten sowie bei den Schiiten haben sich mehrere Rechtsschulen herausgebildet, die sich stark voneinander unterscheiden. Manche Rechtsschulen bestehen auf eine sehr genaue Anwendung der Schriften, während andere die Auslegung eher interpretativ gestalten.

Islamische Welt: Wo auf der Welt herrschen Scharia-Gesetze?

In mehreren Staaten wird die Scharia heute in der Verfassung ausdrücklich als Grundlage der Rechtsschöpfung anerkannt, beispielsweise in folgenden Ländern:

  • Ägypten
  • Jemen
  • Libanon
  • Syrien
  • Sudan
  • Vereinigte Arabische Emiraten

Manche Länder gehen noch einen Schritt weiter. In folgenden Staaten wird die Scharia weitgehend mit der Rechtsordnung gleichgesetzt.

  • Saudi-Arabien
  • Afghanistan
  • Pakistan
  • Oman

Problematik der Scharia-Gesetze: Menschenrechte und der Islam

Auch wenn die vorgegeben Regeln der Scharia in erster Linie einen „Wegweiser“ zu Gott (Allah) vertreten sollen, bleiben diese ein umstrittenes Thema. Immer wieder gibt es Kritik, bei der der der hohe Stellenwert der Scharia bemängelt wird: Steht ein Gesetz über allen anderen Gesetzen, steht die Scharia demnach auch über den Menschenrechten. In der Scharia stehen einige Strafen im klaren Widerspruch zu den universellen Menschenrechten. Beispielsweise werden in manchen, heutzutage eher wenigen, islamischen Staaten die Menschen noch ausgepeitscht, wenn sie einen Ehebruch begehen.

Viele verbinden die Scharia mit brutalen Gesetzen. Hier wird eine Frau in Indonesien vor einem Publikum gehauen, da sie gegen die Regeln der Scharia verstoßen habe.

Nicht nur Frauen, sondern auch Ungläubige oder religiöse Minderheiten werden in den Scharia-Gesetzen ungerecht behandelt. Beispielsweise steht im Koran (Sure 9) geschrieben, dass Ungläubige beseitigt werden sollen. Darunter fallen ebenso Menschen, die einer anderen Religion als dem Islam angehören. Anhänger der Rechtsschule Salafi („Salafisten“) legen dieses Gebot beispielsweise so aus, indem sie dieses wortwörtlich nehmen und alle Ungläubigen vernichten möchten.

In sieben Staaten mit Scharia-Gesetzgebung – Iran, Jemen, Mauretanien, Nigeria, Saudi-Arabien, Somalia und Sudan – sind homosexuelle Handlungen mit der Todesstrafe belegt – teilt die International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA) mit. Sprich, Menschen verlieren ihr Leben und ihre Freiheit aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Für viele Menschen, die nicht dem Islam angehören, verkörpern die Scharia-Gesetze eher Negatives. So verbindet man das islamische Rechtssystem häufig mit drastischen Körperstrafen oder auch der ungleichen Behandlung von Männern und Frauen.

Islam: Was sagt die Scharia über Frauenrechte?

Immer wieder kommt es zu Konflikten zwischen dem westlich und dem islamisch geprägten Menschenrechtsverständnis. Diese Unterschiede werden nicht nur an existierenden Gesetzen deutlich, sondern auch anhand Fragen, mit welchen man sich in Westeuropa fast täglich beschäftigt: Sind Männer und Frauen im Islam gleichberechtigt? Ist das Tragen des Kopftuchs Ausdruck von Religionsfreiheit? Entspricht eine Zwangsverheiratung der Scharia? Hierbei handelt es sich um wichtige Fragen, die den Alltag vieler Menschen betrifft und beschäftigt.

Im Koran heißt es beispielsweise, dass die Männer den Frauen gegenüber „einen gewissen Vorzug“ haben (Sure 2, 228). Für Frauen gelten außerdem strenge Kleidungsvorschriften. Ihnen wird vorgeschrieben, ein Kopftuch („Hijab“) zu tragen. Des Weiteren werden den Männern Empfehlungen ausgesprochen, deren Frauen zu ermahnen und sie sogar zu schlagen, wenn sie ihnen widersprechen (Sure 4, 34). Darüber hinaus heißt es, dass vor Gericht die Stimme eines Mannes so viel zählt wie die zweier Frauen (Sure 2, 282).

Taliban-Herrschaft: Was bedeutet das islamische Recht für die Menschen in Afghanistan?

Islamistische Gruppierungen wie die Taliban sehen die Scharia als Grundlage ihres Handelns. Auch diese islamistische Gruppierung stellt das islamische Recht, die Scharia, über jedes andere. Das Ziel der Taliban ist es, aktuell auf Basis der Scharia Afghanistan zu übernehmen. Darunter leiden die Menschen in Afghanistan schon länger: Freiheiten und Menschenleben müssen für die Handlungen der militant-islamistischen Gruppierung aufkommen. Mit der sehr strengen und wortwörtlichen Auslegung der Scharia üben die Taliban unter anderem öffentliche Hinrichtungen aus. Durch den Konflikt in Afghanistan hat sich seit Ende Mai 2021 die Zahl der Hilfsbedürftigen und Vertriebenen mehr als verdoppelt.

Die Taliban haben versichert, die Rechte von Frauen und Minderheiten zu achten – sofern ihr Verhalten im Einklang mit der Scharia stehe. Das Problem: ihre Interpretation. Was die Aussage der Taliban bezüglich der Frauenrechte genau bedeutet, bleibt weiterhin offen. Denn die Gebote des islamischen Rechts sind nicht eindeutig definiert, sondern Interpretationssache. (Yasemin Kamisli)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare