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Menschen warten am Dienstag auf ihre Evakuierung durch das französische Militär. Das afghanische Personal der GIZ hat dagegen bislang keine Ausreiseperspektive. Foto: AFP
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Menschen warten am Dienstag auf ihre Evakuierung durch das französische Militär. Das afghanische Personal der GIZ hat dagegen bislang keine Ausreiseperspektive.

Wut und Entsetzen

Ortskräfte in Afghanistan: Scham über „Untätigkeit“ der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit

  • Ursula Rüssmann
    VonUrsula Rüssmann
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Frühere Beschäftigte fordern mehr Hilfe für die bedrohten afghanischen Kolleginnen und Kollegen.

Kabul - Unter früheren deutschen Projektmitarbeiter:innen der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) macht sich Entsetzen über das Schicksal der in Afghanistan festsitzenden früheren Kolleginnen und Kollegen breit. Mehrere einstige Einsatzkräfte haben an die FR und die Organisation selbst geschrieben, um ihrer Wut über die „Untätigkeit der GIZ“ Luft zu machen, alle berichten, wie sich frühere Kolleg:innen mit verzweifelten Hilferufen an sie wendeten.

Christopher Radler-Moric, der bis vor neun Jahren in Afghanistan als Risk Manager der GIZ für Sicherheitsbelange zuständig war, findet in einem Schreiben an seinen früheren Arbeitgeber drastische Worte: Bisher habe er „stets voller Stolz auf meine Tätigkeit in Afghanistan zurückgeblickt und mit Begeisterung von der GIZ gesprochen. Heute schäme ich mich, für die GIZ gearbeitet zu haben“.

GIZ macht m Auftrag der Bundesregierung Entwicklungsarbeit in Afghanistan

Die GIZ, die im Auftrag der Bundesregierung Entwicklungsarbeit in Afghanistan macht, beschäftigt dort rund 1000 einheimische Ortskräfte. Am Dienstag (17.08.2021) wurde die deutsche Entwicklungshilfe aber komplett ausgesetzt. Die GIZ wirkt wie von den Entwicklungen überrollt. Noch am Donnerstag (12.08.2021) antwortete sie Radler-Moric auf seine Frage, an wen sich ein früherer afghanischer Kollege wenden könne, der um sein Leben fürchte: Dieser könne „einen Antrag auf Aufnahme in das sogenannte Ortskräfteverfahren“ stellen, aber nur, wenn seine Beschäftigung nicht länger als zwei Jahre zurückliege. Nach Gefährdungsfeststellung und Sicherheitsprüfung könne er ein Visum erhalten. Zu dem Zeitpunkt jedoch standen die Taliban schon 150 Kilometer vor Kabul, die Hauptstadt war überfüllt mit Flüchtlingen, geordnete Behördenabläufe kaum noch möglich.

Auf eine ähnliche Frage der FR am Freitag (13.08.2021) ließ die GIZ-Pressestelle nun wissen: Alle 13 aus Deutschland entsandten Mitarbeitenden, die noch im Land gewesen seien, seien ausgereist. 700 afghanische Beschäftigte hätten bis Montagmittag die Ausreise für sich und ihre Familien beantragt. Weiter gilt: Nur, wer in den letzten zwei Jahren bei den Deutschen beschäftigt war, hat Chancen. Seit dem Wochenende sei ein Schnellverfahren „ohne Prüfung der individuellen Gefährdungslage“ in Kraft: „Für die Ausreisenden sollen bei Ankunft in Deutschland Visa vergeben werden.“

Afghanistan: Rund 1000 einheimische Ortskräfte betroffen

Dass die früher beschäftigten Einheimischen pauschal von der Ausreisehilfe ausgeschlossen sind, empfinden einstige Helfer und Helferinnen aus Deutschland als „erschütternd“. Daniela Link und Kurt Rudolf etwa arbeiteten bis vor etwa zehn Jahren im nordafghanischen Taloqan nahe Kundus. Link war in einem Qualifizierungsprojekt für die Provinzverwaltung tätig, mit 19 afghanischen Mitarbeiter:innen: „Nur durch sie waren wir in der Lage, den Kontext zu verstehen, zu kommunizieren und die Akzeptanz zu erhalten, die für das Projekt und unsere eigene Sicherheit notwendig war.“ Die Region war umkämpft, „die Arbeit im Feld war gefährlich“, erinnert sich Rudolf, der in einem Nothilfeprojekt arbeitete. Zwei Kollegen wurden bei einem Anschlag schwer verletzt: „Ich bin mir sicher, dass ich nur durch den Schutz meiner afghanischen Mitarbeiter noch am Leben bin und heute meine Rente genießen kann.“

Link betont, ihr Projekt habe eng mit Bundeswehr und Polizeiausbildern kooperiert – „das rückte auch unsere zivilen afghanischen Ortskräfte in die Nähe des ausländischen Militärs“. Für Link liegt damit jetzt die „unmittelbare Schutzbedürftigkeit der Ortskräfte unabhängig von Vertragslaufzeiten“ auf der Hand.

Afghanistan: Dramatischer Appell ans BMZ

So sehen es auch Sandra Luttert und Sascha Bilke, die um 2010/2011 im zentralen Risk Management Office (RMO) der GIZ in Kabul arbeiteten. Das RMO ist eine Abteilung der GIZ in Afghanistan, die die Gefährdungslage aller Beschäftigten permanent durchleuchtet. Landesweit hatte es damals laut Luttert etwa 300 einheimische Mitarbeitende. Das RMO sei dazu da gewesen, „Entwicklungshilfe aus Sicherheitsaspekten überhaupt erst zu ermöglichen. Das Projekt hat eben keine Straßen oder Schulen gebaut. Es hat sicherheitsrelevante Informationen eingeholt und analysiert“. Deshalb sieht sie ihre damaligen einheimischen Kollegen jetzt besonders gefährdet, denn die Taliban könnten in ihnen Helfer ausländischer „Spione“ sehen.

Luttert und Bilke haben einen dramatischen Appell an das Entwicklungshilfeministerium (BMZ) geschickt. In ihm erinnern sie sich an die Einheimischen, mit denen sie damals arbeiteten: „Das sind Menschen, die neben ihrer eigenen Muttersprache mindestens noch zwei weitere Sprachen sprechen und schreiben können. Alle waren stolz darauf, für die GIZ zu arbeiten, und sie haben uns und der GIZ vertraut.“ Das Paar macht sich besonders für einen früheren Kollegen stark, der 2017 nach einer Gefährdungsanzeige von der GIZ entlassen worden war – eine übliche Praxis, die laut GIZ dem „Schutz“ der gefährdeten Ortskräfte dienen soll. Der Betroffene fällt allerdings durch die frühe Kündigung nun unter die Ausschlussfrist (die FR berichtete über den Fall). Luttert und Bilke wollen sogar eine Bürgschaft für ihn, seine Frau und seine beiden Töchter übernehmen – wenn die Familie es nach Deutschland schafft. Danach aber sieht es im Moment nicht aus.

Einer, der viele Jahre in einer anderen Weltgegend für die GIZ gearbeitet hat, aber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sieht negative Folgen für die künftige Entwicklungshilfe überhaupt. Dass die Ortskräfte jetzt so zurückgelassen würden, sei ein fatales Signal auch für BMZ/GIZ-Aktivitäten in anderen Regionen: „Die GIZ ist in allen Projekten auf die Mitarbeit lokaler Mitarbeiter/innen angewiesen. Die werden sich jetzt fragen müssen: Was passiert mit uns in einem ähnlichen Fall?“ (Ursula Rüssmann)

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