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In Lingiades stockt dem Bundespräsidenten die Stimme, Gauck hat am Ende sogar Tränen in den Augen.

Gauck in Griechenland

Scham am Ort des Grauens

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In einer großen Geste bittet der Bundespräsident die Griechen um Verzeihung. Gauck setzt - selbst tief bewegt - ein Zeichen. Doch das ist vielen nicht genug.

Am Ende steht die Umarmung. Bundespräsident Joachim Gauck und der griechische Präsident Karolos Papoulias halten sich einige lange Sekunden, während der eisige Wind über das Plateau von Lingiades fegt. Gerade hat Gauck bewegende, historische Sätze an diesem Ort des Grauens im Nordwesten Griechenlands gesagt: „Und so möchte ich heute aussprechen, was Täter und viele politisch Verantwortliche der Nachkriegszeit nicht aussprechen konnten oder wollten: Das, was geschehen ist, war brutales Unrecht. Mit Scham und Schmerz bitte ich im Namen Deutschlands die Familien der Ermordeten um Verzeihung. Ich verneige mich vor den Opfern der ungeheuren Verbrechen.“

Das Grauen, das hier geschehen ist, mutet ungeheuerlich an. Auch Gauck ist ein solches Ausmaß deutscher Unmenschlichkeit wie in Griechenland noch nicht begegnet. Dabei waren die Täter nicht Monster von Sondereinheiten, sondern reguläre Soldaten der Wehrmacht. Sie brannten am 3. Oktober 1943 das Dorf Lingiades nieder und ermordeten 83 Dorfbewohner, der jüngste zwei Monate alt, der älteste 100 Jahre.

Vor der Rede Gaucks an der Gedenkstätte hat eine Griechin die Namen der Getöteten verlesen. Sie waren Opfer eine Vergeltungsaktion für den tödlichen Anschlag von Partisanen auf einen Oberstleutnant zwei Tage zuvor. An anderen Orten steckten Soldaten Kindern benzingetränkte Watte in die Münder und zündeten sie an. Augenzeugen berichteten, dass Soldaten Schwangeren den Fötus aus dem Bauch schnitten.

Viele Gräueltaten wurden nie verfolgt

Überall wurden Juden verfolgt und in Vernichtungslager wie Auschwitz deportiert. So wie im benachbarten Ioannina. Hier lebten einst 6000 Juden, die Gemeinde wurde von den deutschen Besatzern fast vollkommen ausgelöscht. Heute besteht sie aus 40 Mitgliedern, mit denen Gauck zum Abschluss seines Besuchs spricht.

Viele dieser Gräueltaten sind nie verfolgt, die Verantwortlichen nie belangt worden. Dies gilt auch für das Massaker von Lingiades. Der kommandierende Gebirgsjägergeneral Hubert Lanz wurde zwar vom Tribunal in Nürnberg 1947 zu zwölf Jahren Haft verurteilt, kam aber 1951 frei. Danach diente er der FDP als Berater für Militärfragen und wurde Ehrenvorsitzender des Kameradenkreises der Gebirgstruppe. Die Staatsanwaltschaft nahm 1971 noch einmal Ermittlungen auf, doch sie wurden eingestellt. Das Massaker sei eine unvermeidbare Folge des Krieges gewesen, hieß es in der Begründung, die klang, als sei sie von den Tätern selber geschrieben worden.

Deshalb spricht Gauck von einer zweiten Schuld gegenüber Griechenland, der des Vergessens. „Ich schäme mich, dass das demokratische Deutschland, selbst als es Schritt für Schritt seine Vergangenheit aufarbeitete, so wenig über deutsche Schuld gegenüber den Griechen wusste und lernte“, sagt er in Lingiades. So seien die Opfer sogar noch aus der Erinnerung verbannt worden.

Nach dem Krieg herrschten in Griechenland rechte Parteien, in denen auch Kollaborateure der Nazis wirkten. Sie hatten kein Interesse, die Verbrechen zu thematisieren, und der Regierung in Bonn war es gerade recht.

Ehrenhaftes Bemühen

Gauck hat sich bewegt darüber gezeigt, dass der greise griechische Präsident ihn bei seinem schweren Gang an den Ort des Schreckens begleitet hat. So hat es auch der französische Präsident François Hollande gehalten, der im vergangenen Jahr mit Gauck das von der SS vernichtete Dorf Oradour besucht hat. All dies sind Zeichen dafür, wie ehrenhaft man das Bemühen des deutschen Präsidenten empfindet, sich der deutschen Schuld auch nach so langer Zeit immer wieder neu zu stellen.

Doch das hilft nicht über die Enttäuschung der Griechen hinweg, die von Deutschland auch materielle Entschädigung für die immensen Schäden der deutschen Besatzung erwarten. Aber die Bundesregierung hält dieses Kapitel für abgeschlossen, was Papoulias sogar in seiner Rede beim Staatsbankett am Donnerstagabend noch einmal als unverständlich aufgriff: „Meine besonderen Bindungen zu Deutschland machen es für mich noch schwieriger, die Weigerung der deutschen Regierung zu verstehen, über das Thema der Zwangsanleihe während der Besatzung und die Reparationen zu sprechen.“ Papoulias, der in Köln studiert und gearbeitet hat, kritisierte, dass Griechenland ohne Diskussionen aufgefordert werde, schmerzhafte Auflagen zur Sanierung der Staatsfinanzen in die Tat umzusetzen. Dagegen weigere sich Deutschland über Verpflichtungen auch nur zu reden, die noch aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stammten.

Gauck ging nicht direkt auf die Forderungen ein, sagte aber: „Ich bin froh, dass wir uns heute in Deutschland noch einmal danach fragen, was aus unserer politischen und moralischen Verantwortung gegenüber Griechenland resultiert.“ Man hat Gauck angemerkt, dass er sich mehr wünscht, als nur auf vermeintlich sicheren Rechtspositionen zu beharren. Er wird die Bundesregierung gewiss mit seinen Eindrücken konfrontieren, dass die Frage der Reparationen keine Sache einiger Populisten, sondern in der Öffentlichkeit sehr verankert ist.

Aber hier in Griechenland konnte er nicht mehr tun. Ein politischer Präsident wie er muss auf der Hut sein, nicht den Eindruck zu erwecken, er betreibe eine Nebenaußenpolitik. Die böse Merkel, der gute Gauck – das wäre ein fataler Eindruck. Aber es gelingt ihm, glaubwürdig zu bleiben mit seiner Bereitschaft, die moralische Schuld anzuerkennen und wenigstens etwas gegen das über Jahrzehnte geduldete Vergessen zu tun.

Das sehen wohl auch jene Männer so, die am Ende der Gedenkstunde, als Gauck schon weitergegangen ist, laut „Gerechtigkeit, Wiedergutmachung“ rufen. Doch Pangiotis Babouskas, der letzte Überlebende des Massakers von Lingiades, macht keinen Hehl aus seiner Enttäuschung: „Das waren nur Worte, die bedeuten nichts“, sagt er über die Rede des deutschen Präsidenten. „Ich will Gerechtigkeit, das heißt Wiedergutmachung.“

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