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Russlands Panzer: Warum die Türme explodieren und durch die Luft fliegen

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Von: Lukas Zigo

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Aus dem Ukraine-Krieg erreichen uns hunderte Bilder gesprengter russischer Panzer. Die hohen Verluste liegen wohl an einem fatalen Konstruktionsfehler.

Moskau – Der Angriffskrieg gegen die Ukraine hat so manche Unzulänglichkeit der russischen Streitkräfte aufgedeckt. Ungeachtet von taktischen Aspekten hat ein stets wiederkehrendes Merkmal russischer Panzer für Aufsehen gesorgt. Im Kampf zerstörte Panzer scheinen fast immer den Deckel samt Kanone zu missen. Das hat seinen Grund in der Bauweise der Panzer.

Das Problem liegt in der Art und Weise, wie die Munition in den Panzern gelagert wird. Im Gegensatz zu modernen westlichen Panzern tragen russische Panzer mehrere Geschosse in ihren Türmen. Das macht sie verwundbar, denn schon ein indirekter Treffer kann eine Kettenreaktion auslösen, die den gesamten Munitionsvorrat des Panzers (bis zu 40 Geschosse) zu Explosion bringt.

Aus dem Ukraine-Krieg erreichen uns hunderte Bilder gesprengter russischer Panzer. Die hohen Verluste liegen wohl an einem fatalen Konstruktionsfehler.
Die Zahl zerstörter russische Panzer steigt im Ukraine-Krieg stetig an. © Genya Savilov/afp

US-Sicherheitsberater: „Was wir bei den russischen Panzern beobachten (…) ist ein Produktionfehler“

Dabei entsteht eine Schockwelle, die ausreichen kann, um den Turm des Panzers so hoch wie ein zweistöckiges Gebäude zu sprengen. Dies kann auf Videos in den Sozialen-Medien vielfach beobachtet werden.

„Was wir bei den russischen Panzern beobachten können, ist ein Konstruktionsfehler“, sagte Sam Bendett, Berater für Russlandstudien am Center for a New American Security. „Bei einem erfolgreichen Treffer (…) entzündet sich die Munition schnell und es kommt zu einer gewaltigen Explosion, und der Turm wird buchstäblich weggesprengt.“

Ukraine-Krieg: Panzer aus Russland haben eingebaute Schwachstelle

Dieser Fehler bedeutet für die Besatzung des Panzers – in der Regel zwei Soldaten im Turm und ein dritter am Steuer – dass sie leichte Beute ist, sagte Nicholas Drummond, ein auf Landkriegsführung spezialisierter Analyst und ehemaliger Offizier der britischen Armee. „Wenn man nicht innerhalb der ersten Sekunde aussteigt, ist man erledigt“.

Laut Drummond ist explodierende Munition ein Problem bei fast allen gepanzerten Fahrzeugen, die Russland im Ukraine-Konflikt einsetzt. Er nannte den Schützenpanzer BMD-4 als Beispiel. Dieser in der Regel mit einer Besatzung von bis zu drei Soldaten operierende Schützenpanzer kann noch fünf weitere Soldaten aufnehmen. Laut Drummond sei der BMD-4 ein „mobiler Sarg“, der bei einem Raketentreffer „einfach zerfetzt“ würde.

Zum Panzer
BezeichnungBMD-4
ArtSchützenpanzer
Im Einsatzseit 2004
Entworfen1990-1998

Ukraine-Krieg: Konstruktionsfehler bei Panzern führt zu Ärger in Moskau

Der Konstruktionsfehler bei den Panzern dürfte die Führung in Moskau jedoch besonders ärgern. Waren die Probleme doch weithin bekannt. Der Westen wurde darauf aufmerksam als während der Golfkriege gegen den Irak 1991 und 2003 eine große Anzahl in Russland hergestellter T-72-Panzer der irakischen Armee das gleiche Schicksal erlitten. Die Türme wurden bei Raketenangriffen von den Körpern der Panzer gesprengt.

Russland habe die Lehren aus dem Irakkrieg nicht gezogen, so Drummond. Deswegen hatten viele der russischen Panzer im Ukraine-Krieg ähnliche Konstruktionsfehler bei ihren selbst ladenden Raketensystemen. Ein solches System hat jedoch auch einige Vorteile. Russland habe sich für dieses System entschieden, um Platz zu sparen und den Panzern ein niedrigeres Profil zu geben, sodass sie im Gefecht schwerer zu treffen sind.

Was US-Panzer besser macht als Panzer aus Russland

Westliche Streitkräfte hätte jedoch einiges aus dem Schicksal der Irakischen T-72 Panzer gelernt. „(Westliche Militärs) haben alle aus dem Golfkrieg gelernt, dass man die Munition aufteilen muss.“, so Drummond.

US-Soldaten patrouillieren in einem Stryker-Infanteriepanzer.
US-Soldaten patrouillieren in einem Stryker-Infanteriepanzer. © imago stock&people

Dabei verwies er auf die Stryker-Schützenpanzer des US-Militärs, die nach dem ersten Irakkrieg entwickelt wurden. „Dieser hat einen Turm, der auf der Oberseite sitzt und nicht in den Mannschaftsraum hineinreicht. Er sitzt nur oben auf und die gesamte Munition befindet sich in diesem Turm“, sagte Drummond und fuhr fort: „Wenn also der Turm getroffen oder weggesprengt wird, ist die Besatzung unter immer noch sicher. Das ist eine sehr clevere Konstruktion.“

Andere westliche Panzer wie der M1 Abrams, der von den USA und einigen verbündeten Armeen eingesetzt wird, sind viel größer und haben keinen Selbstlader. Beim Abrams holt ein viertes Besatzungsmitglied im Panzer Granaten aus einem versiegelten Fach und bringt sich zum Abfeuern zur Kanone.

Panzer aus Russland: Munitionslager gefährden die Crew

Dieses Fach verfügt über eine Tür, die das Besatzungsmitglied zwischen den einzelnen Schüssen des Panzers öffnet und schließt, sodass bei einem Treffer nur eine Granate im Turm frei liegt. Entzündet sich die Munition dennoch, so ist das Fach geschlossen und öffnet automatisch ein Ventil nach außen, das die Explosionsenergie ableitet. „Ein präziser Treffer kann den Panzer beschädigen, aber nicht unbedingt die Besatzung töten“, sagte Bendett.

Ukraine-Krieg: Russland mit hohen menschlichen Verlusten

Genau wie viele russische Panzer in der Ukraine bislang zerstört wurden, lässt sich nicht ohne weiters verifizieren. Die Open-Source-Website Oryx berichtete am 28. April, dass mindestens 300 russische Panzer zerstört wurden und weitere 279 entweder beschädigt, aufgegeben oder entwendet worden seien. Die Webseite zählt jedoch nur Fälle, für die sie visuelle Beweise hat. Tatsächliche russische Verluste könnten somit weit höher liegen.

Bei diesen Verlusten handelt es sich jedoch nicht nur um Ausrüstung. Als der britische Verteidigungsminister Wallace dem Unterhaus seine Schätzung von 580 verlorenen Panzern mitteilte, sagte er auch, dass mehr als 15.000 russische Militärangehörige während der Invasion getötet worden seinen.

Finnischer Panzeroffizier: Russland kann seine Verluste nicht zeitnah ersetzen

Zwar ist schwer zu sagen, wie viele davon Panzerbesatzungen waren, aber es besteht kein Zweifel daran, dass die Besatzungen nicht leicht zu ersetzen sind. Die Ausbildung einer Panzerbesatzung würde mindestens mehrere Monate dauern, selbst eine Ausbildungsdauer von 12 Monaten kann als schnell angesehen werden, sagte Aleksi Roinila, ein ehemaliger Panzerbesatzungsoffizier der finnischen Verteidigungskräfte.

Für Russland wäre es eine große Aufgabe, hunderte von Besatzungen zu diesem Zeitpunkt des Krieges zu ersetzen – vor allem, wenn die Panzer, die sie einsetzen sollen, so fehlerhaft sind. (lz)

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