+
Hofft, dass Deutschland für die „wahre Demokratie“ kämpft: Saul Friedländer spricht im Bundestag.

Holocaust-Überlebender

„Bollwerk gegen Antisemitismus“

  • schließen

Der Historiker und Holocaust-Überlebende Saul Friedländer warnt bei der Gedenkstunde im Bundestag vor neuem Hass.

Nach seiner Gedenkrede erhält Saul Friedländer stehenden Beifall von allen Abgeordneten des Bundestags. Das ist heutzutage eine Nachricht, nachdem vergangene Woche bayerische AfD-Abgeordnete während der Gedenkrede der früheren Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, den Landtag verließen. In Berlin also applaudiert auch Alexander Gauland dem Holocaust-Überlebenden und Historiker Friedländer. Er tut das, indem er seine Hände kaum bewegt, es ist ein Applaus in Zeitlupe.

Friedländer hatte zuvor die Deutschen aufgerufen, sich gegen Hass auf Minderheiten und gegen Nationalismus zu wehren. „Antisemitismus ist nur eine der Geißeln, von denen jetzt eine Nation nach der anderen schleichend befallen wird“, sagte der 86-Jährige in der Gedenkstunde des Bundestags für die Opfer des Holocaust. „Der Fremdenhass, die Verlockung autoritärer Herrschaftspraktiken und insbesondere ein sich immer weiter verschärfender Nationalismus sind überall auf der Welt in besorgniserregender Weise auf dem Vormarsch.“

Friedländer sprach Deutsch, die Sprache seiner Kindheit, fließend und fast akzentfrei. Geboren als Pavel Friedländer in eine deutschsprachige jüdische Familie in Prag, wechselte er seine Vornamen mit den Brüchen, die sein Leben begleiteten. Im französischen Exil überlebte er in einem katholischen Priesterseminar, in dem seine Eltern ihn versteckten. Aus Pavel wurde der katholische Junge Paul.

Seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Sie hatten versucht, in die neutrale Schweiz zu fliehen, waren aber von Schweizer Grenzpolizisten zurückgewiesen worden. Pavel hatten sie den Treck in der Gruppe über die Berge nicht zumuten wollen. „Ausgerechnet in dieser Woche aber wären Familien mit kleinen Kindern nicht zurückgeschickt worden“, berichtet Friedländer. „Wäre ich bei ihnen gewesen, hätten sie vermutlich überlebt.“ Zwischen Leben und Tod standen Willkür und Zufälle. „Eine rationale Entscheidung zu treffen, war für Juden im Jahr 1942 in Europa nicht möglich.“

Namen wurden als erste geraubt

Besucher des Bundestags applaudieren dem Historiker Saul Friedländer.

Mit 15 wanderte Friedländer 1948 nach Israel aus, nannte sich zunächst Shaul, dann Saul. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) erinnerte in seiner einführenden Rede an all diese Namen des Gastes. Denn die Namen seien es gewesen, die von den Nationalsozialisten als erste geraubt wurden. Die Täter in den Konzentrationslagern hatten die Häftlinge mit Nummern gerufen. Die Namen sollten getilgt werden, sagte Schäuble: „Der einzelne Mensch zählte nichts.“ So konnten die Nazis „Juden zu Nichtmenschen und Slawen zu Untermenschen“ machen. Das Grundgesetz aber sei die Antwort auf diese Entmenschlichung, auf den Tod des Individuums in der Ideologie der Volksgemeinschaft. „Das von den Deutschen begangene Menschheitsverbrechen hallt in dieser Verfassung unüberhörbar wider“, sagt Schäuble. Der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ sei nur zu verstehen vor dem Hintergrund der millionenfachen Entwürdigung und Entmenschlichung durch die Nationalsozialisten.

Die Verfassung schütze jeden Einzelnen: „Nicht die Volksgemeinschaft ist Referenz-Rahmen unserer Verfassung, sondern das Individuum.“ Kürzer als Schäuble kann man das 400-seitige Gutachten zur AfD des Bundesamts für Verfassungsschutz nicht zusammenfassen. Natürlich schaut der Parlamentspräsident während dieser Worte nicht demonstrativ nach rechts, so viel Würde muss sein. Gauland, Alice Weidel und ihre Fraktionskollegen applaudieren auch hier pflichtbewusst

Sie taten es auch, als Friedländer die deutsche Erinnerungskultur lobte. Deutschland habe sich aus der Erfahrung der Nazi-Zeit zum starken Bollwerk gegen die Gefahren von Antisemitismus und Nationalismus entwickelt, sagte Friedländer. Er hoffe, dass Deutschland die moralische Standfestigkeit besitze, für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit – „kurzum für die wahre Demokratie“ – zu kämpfen.

Der Bundestag gedenkt traditionell zum Holocaust-Gedenktag der Millionen Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz. Allein dort wurden mehr als eine Million Menschen getötet.

Die Opfer

Die Nationalsozialisten wollten die europäischen Juden systematisch ermorden. Ihrem Rassenwahn fielen nach Erkenntnissen der Forschung rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden zum Opfer. Sie wurden ermordet durch Vergasung, Erschießung, Injektionen, medizinische Versuche oder durch gezieltes Verhungernlassen. Den Nazi-Verbrechen fielen auch Hunderttausende Sinti und Roma zum Opfer sowie Behinderte, Homosexuelle und Regimegegner oder Zeugen Jehovas. Millionen Menschen wurden als Zwangsarbeiter verschleppt.

Der großangelegte Judenmord begann mit Erschießungen Tausender Menschen nach dem Angriff des Deutschen Reiches auf Polen 1939. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 stiegen die Opferzahlen sprunghaft an. Um mehr Menschen möglichst schnell töten zu können, bauten die Deutschen große Vernichtungslager mit Gaskammern. Über eine Million Menschen, die meisten Juden, sind nach Schätzungen allein im deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet worden.

Nach der NS-Rassenideologie galten nicht nur Juden sowie Sinti und Roma als „minderwertig“, sondern die slawischen Völker insgesamt, vor allem Russen und Polen. (dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion