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Protest gegen die Inhaftierung von Frauenrechtsaktivistinnen vor der saudi-arabischen Botschaft in Paris.

Scharia-Praxis

Ende einer Scharia-Praxis: Saudi-Arabien schafft das Auspeitschen ab

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Saudi-Arabien verbietet das Auspeitschen. Das Dekret soll womöglich von der Diskussion um den Tod eines Bürgerrechtlers ablenken.

  • Saudi-Arabien verbietet Auspeitschen.
  • Nur noch Haftstrafen oder Geldstrafen.
  • Ende einer Scharia-Praxis. 

Jahrzehntelang war es ein Reizthema für Menschenrechtsorganisationen, am Samstag kam nun plötzlich die Wende. „Saudi-Arabien verbietet das Auspeitschen“, titelten die Zeitungen des Königreiches. Die Justiz habe von „höheren Autoritäten“ die Anweisung erhalten, stattdessen nur noch Haftstrafen oder Geldstrafen zu verhängen. Damit eliminiert das Land erstmals dieses abstoßende Kapitel der Scharia-Praxis. Andere Körperstrafen wie das Amputieren von Gliedmaßen bei Dieben, Vergewaltigern oder Mördern bleiben allerdings erlaubt. Zudem ließ Riad 2019 laut Amnesty International 184 Menschen hinrichten – mehr als je zuvor.

Peitschen-Verbot dient mehreren Zielen

Insofern dient das Peitschen-Verbot offenbar einem zweiten Ziel. Es soll den elenden Gefängnistod des Pioniers der saudischen Bürgerrechtsbewegung, Abdullah Al-Hamid, übertünchen, der am Freitag an einem Schlaganfall starb und damit erneut den Fokus auf den gnadenlosen Umgang des Königshauses mit seinen Kritikern lenkt. Seit Monaten klagte der 69-Jährige über Herzbeschwerden, im Januar erlitt er einen Herzinfarkt, eine notwendige Operation jedoch wurde ihm verweigert. Wenn er seine Frau, seine acht Kinder oder jemanden im Ausland über seine angegriffene Gesundheit informiere, würden ihm sämtliche Kontakte zur Familie verboten, drohte die Gefängnisverwaltung.

„Al-Hamid starb im Gefängnis, weil er medizinisch nicht versorgt wurde“, twitterte Lina Al-Hathloul, die Schwester der seit zwei Jahren eingesperrten Frauenrechtlerin Loujain Al-Hathloul, die in der Haft mit Elektroschocks gequält und mit Vergewaltigung bedroht wurde. Seit acht Monaten sei die Gefangene in Isolationshaft. Niemand dürfe sie besuchen, ihr Gesundheitszustand werde schlechter. „Ist dies Saudi-Arabiens neue Art, alle loszuwerden, die es wagen, den Mund aufzumachen?“

In Saudi-Arabien war Auspeitschen übliche Praxis

In Saudi-Arabien war das Auspeitschen von Verurteilten übliche Praxis, etwa für Trunkenheit oder außerehelichen Sex. Weltweite Schlagzeilen machte 2014 der Fall des Bloggers Raif Badawi, der wegen „Beleidigung des Islam“ zu zehn Jahren Haft und 1000 Hieben verurteilt wurde und öffentlich die ersten 50 Schläge verabreicht bekam. Das grausige Spektakel ging durch ein Handyvideo rund um den Globus und löste eine Protestwelle aus.

Der Literaturprofessor und Dichter Abdullah Al-Hamid galt als einer der wichtigsten saudischen Reformdenker. Sein Anliegen war, die zivilen und politischen Grundrechte jedes Bürgers aus dem Islam heraus zu begründen. 1993 gründete er mit Gleichgesinnten das „Komitee zur Verteidigung der Legitimen Rechte“. 2009 gehörte er zu den Initiatoren der „Saudischen Gesellschaft für zivile und politische Rechte“, die politische Reformen, freie Wahlen und eine unabhängige Justiz forderten sowie die Folter anprangerten. Seine politische Arbeit der letzten 30 Jahre brachte Al-Hamid sechs Mal hinter Gitter, wo er Misshandlungen erlitt und nun starb.

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