Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

So weit oben war ich mal, scheint die rechte Hand Nicolas Sarkozys zu zeigen. Auf die gegenwärtige Lage deutet die linke Hand: Den Umfragen zufolge geht es abwärts.
+
So weit oben war ich mal, scheint die rechte Hand Nicolas Sarkozys zu zeigen. Auf die gegenwärtige Lage deutet die linke Hand: Den Umfragen zufolge geht es abwärts.

Präsidentschaftswahl in Frankreich

Sarkozy wird es allen zeigen

  • Axel Veiel
    VonAxel Veiel
    schließen

Der vermeintlich sichere Verlierer der französischen Präsidentschaftswahlen lehnt sich gegen das Schicksal auf. Kurz vor der ersten Runde ist er in der Wählergunst zurückgefallen. Dennoch schüttelt er fleißig Hände - ein Marathon der Spuren hinterlässt.

Zum Ende des Wahlkampfmarathons geht er auf Zickzackkurs. Die Sicherheitskräfte haben auf dem Pariser Place de la Concorde eine Gasse durch die Menschenmenge gezogen und auf beiden Seiten Absperrgitter aufgestellt. Nicolas Sarkozy hat freie Bahn. Aber er nutzt sie nicht. Er läuft von rechts nach links und wieder retour. Kaum hat Frankreichs Staatschef hüben in den Wald winkender Hände gegriffen, gibt er drüben schon wieder den Präsidenten zum Anfassen. Die Gegenwart von 100.000 Anhängern elektrisiert ihn. Er wird immer schneller. Wie eine Billardkugel saust er zwischen den Banden hin und her, bis die Bühne vor ihm auftaucht, er zum Rednerpult hinaufsteigt. Doch der Marathon hat Spuren hinterlassen. Furchen ziehen sich durch das Gesicht des 57-Jährigen, das Lächeln wirkt gequält. Wenn ihr wüsstet, was ich hier durchmache, wärt ihr da unten nicht so ausgelassen, scheint es zu besagen. So leidenschaftlich er auch voranstürmt, er holt nicht auf, im Gegenteil.

Tage vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahl ist er in der Wählergunst zurückgefallen. Mit 24 Prozent liegt er laut einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage des Instituts CSA fünf Punkte hinter dem sozialistischen Herausforderer François Hollande. Für die Stichwahl am 6. Mai prophezeien die Meinungsforscher dem Amtsinhaber gar eine Niederlage mit vier bis 16 Punkten Rückstand auf den Rivalen.

Doch der Sohn des ungarischen Immigranten Pal Sárközy und der spanisch-griechischstämmigen Juristin Andrée Mallah ist niemand, der aufgibt. Stets hat er sich gegen das Schicksal aufgelehnt, stets mit Erfolg. Als kleiner Junge schon schien er auf verlorenem Posten zu sein. Der Vater hatte die Familie verlassen. Scheidungskind, von kleinem Wuchs, in der Schule allenfalls mittelmäßig, sah sich Nicolas auf der Schattenseite des Lebens. Als die Mutter, die es nach Bürojobs zur Rechtsanwältin gebracht hatte, in den Pariser Nobelvorort Neuilly zog, fühlte sich der Sohn erneut zurückgesetzt. Als „Armer unter Reichen“ erlebte er sich dort.

Schon früh wollte er Präsident werden

Mit 18 Jahren soll er dem Freund André Santini in einer Eisdiele geschworen haben, es allen zu zeigen, französischer Präsident zu werden. Der Freund hat nicht gelacht. Zehn Jahre später war Sarkozy 1983 jüngster Bürgermeister Neuillys, 2002 Innenminister, 2007 Staatschef. „Ich bin der Bastard, der Präsident geworden ist“, sagt er stolz. So kämpft er mit dem Mut der Verzweiflung. Auf der Bühne am Place de la Concorde schlägt der Staatschef am vergangenen Sonntag Haken um Haken. Wo er bisher die Sparpolitik der Bundeskanzlerin unterstützte, fordert er jetzt, die Schuldenkrise mit Hilfe der Europäischen Zentralbank anzugehen. Wo er sich am Vortag im Namen der Nation bei den Harkis entschuldigte, den von Frankreich nach der Niederlage im algerischen Befreiungskrieg im Stich gelassenen algerischen Hilfssoldaten, geißelt er jetzt die Neigung, dem Vaterland bei jeder Gelegenheit neue Schuld aufzuladen. Im Eiltempo stürmt er dann durch glorreiche Epochen französischer Geschichte. Vom Feldherrn Napoleon über den Dichter Victor Hugo bis zum Staatsmann Charles de Gaulle: Sarkozy nimmt sie als Wahlhelfer in die Pflicht.

Es ist seine letzte Chance. Seine Bilanz ist verheerend, er muss davon ablenken. Mehr Geld und mehr Arbeit hatte er versprochen, als er 2007 in den Élysée-Palast einzog. Mehr Schulden und mehr Arbeitslosigkeit hat er gebracht. Alles und das Gegenteil von allem hat er propagiert, hat das Banner des Wirtschaftsliberalismus hochgehalten und das des schützenden Nationalstaats, hat ungeniertes Schuldenmachen verfochten und unpopuläres Sparen. Gewiss, Wirtschafts-, Euro- und Schuldenkrise haben auch in anderen Ländern Regierungsprogramme Makulatur werden lassen. Aber Frankreichs Staatschef hat die Gefahren steigender Staatsverschuldung spät erkannt, die Krise durch Steuersenkungen für Reiche und teure Konjunkturprogramme noch verschärft.

Seine Getreuen erinnern gern auch an die Verdienste des Staatschefs. Bevor Sarkozy die Bühne erklimmt, sprechen Jean-François Copé – Chef der regierenden UMP – und der Arbeitsminister Xavier Bertrand. Sie erklären, dass Sarkozy als EU-Präsident den Georgienkonflikt entschärft und Europa in der Finanzkrise den Weg gewiesen habe. Dass er an vorderster Front für den Militäreinsatz in Libyen gekämpft habe, der zum Sturz Gaddafis führte. Und dass er zu Hause hat der Staatschef die nicht mehr finanzierbare Rente mit 60 Jahren abgeschafft habe.

„Doch irgendwie zieht das alles nicht“, stellt ein UMP-Anhänger am Absperrgitter fest. Die Trikolore, die er mitgebracht hat, hängt traurig. „Aber reden kann er verdammt gut“, sagt der Wahlhelfer und hält die Fahne wieder hoch. Das kann Sarkozy. Als Dirigent und Solist gibt er sich mit den Armen selbst den Takt vor, kündigt mit geballter Faust das nächste Fortissimo an.

Früher hatte sich im Präsidentschaftswahlkampf meist ein großes Thema herauskristallisiert. 1995 waren es die sozialen Verwerfungen gewesen, die Abgründe zwischen Arm und Reich, zwischen Nachfahren nordafrikanischer Einwanderer und alteingesessenen Franzosen. Im Wahlkampf 2002 erhitzte die wachsende Kriminalität die Gemüter. Fünf Jahre später schieden sich die Geister dann an Arbeit und Kaufkraft. Sowas fehlt dieses Mal. Themen wie islamische Schlacht-Riten, großzügig honorierte Überstunden für Lehrer oder die Frage, ob die Rente am 1. oder am 8. des Monats auszuzahlen ist, werden nach oben gespült und verschwinden wieder in der Versenkung.

Präsidentschaftswahlen seien die Verabredung des Volkes mit einem Mann, hat Charles de Gaulle einst festgestellt. Aber wer will sich mit einem Mann verabreden, der so oft enttäuscht hat?

Carla Bruni, die Perfekte

Robert Pilain jedenfalls will am Wahlsonntag zum Rendezvous erscheinen. Der pensionierte Handelsvertreter aus Südwestfrankreich hofft, mit dem Votum für Sarkozy „die Katastrophe zu verhindern“, wie sagt. Wenn Hollande das Rennen mache, den EU-Fiskalpakt aufkündige, Staatsausgaben und Steuerlasten erhöhe, werde das die lahmende Wirtschaft abwürgen, das Vertrauen der Märkte aushöhlen, prophezeit Pilain. Griechische Zustände würden einkehren. Augustin und Mathilde, die in Rouen Architektur studieren und an der Seite des Rentners Sarkozys Auftritt erfolgen, nicken zustimmend.

Damit er die Wahl gewinnt, müsste Sarkozy allerdings auch Arbeiter und einfache Angestellte für sich einnehmen. Die schweigende Mehrheit, die ihn 2007 auf den Schild gehoben und anschließend frustriert fallengelassen hat. Er weiß das. Er umwirbt die Abtrünnigen. „Ich bin verabredet mit dem Frankreich, das kein Gehör findet, dem man niemals das Wort erteilt, das die Schwierigkeiten des Lebens bewältigt, ohne jemals etwas zu fordern, weil es dafür zu stolz ist“, sagt er.

Christophe Barbier traut dem Rechtsbürgerlichen zu, die Enttäuschten zu umgarnen. „Die Franzosen lieben es, wenn die Politik abenteuerliche Züge annimmt“, sagt der Chefredakteur des Magazins L’Express. „Sind die Persönlichkeiten bunt und ihre Auftritte leidenschaftlich, sind die Franzosen bereit, über Schwächen hinwegzusehen.“

Die Gunst der europäischen Kollegen hat Sarkozy ja auch zurückgewonnen. Angela Merkel versprach ihm im Wahlkampf sogar rückhaltlose Unterstützung. Die europäischen Kollegen sollen auf ihr Betreiben übereingekommen sein, den sozialistischen Herausforderer Hollande nicht zu empfangen. Sarkozy ist ihnen letztlich lieber als ein Sozialist, der das EU-Fiskalpaket wieder aufschnüren, zu Hause aber allenfalls halbherzig sparen will.

Und Sarkozy kann auf seine Frau zählen. Carla Bruni-Sarkozy weiß zu gefallen. Sie applaudiert dem Gatten, lächelt liebevoll zu ihm hinauf und in die Fernsehkameras hinein. An Wendigkeit nimmt sie es locker mit ihm auf. Ich bin exzessiv, ich mag es, wenn Dinge entgleisen, hatte die Sängerin einst zu Gitarrenklängen gestanden. An Sarkozys Seite mutierte die als männermordendes Topmodel bekannte Schöne zur perfekten Première Dame: höfische Umgangsformen, hochgeschlossene Kleidung, wertkonservative Konversation. Jetzt macht sich die Tochter aus gutem Hause mit dem einfachen Volk gemein, das dem Gatten zur zweiten Amtszeit verhelfen soll. In Interviews schildert sie, wie sie abends sehnsüchtig wartet, dass er nach Hause kommt, wie sie sich sorgt, dass er sich zu Tode schuften könnte. Treuherzig versichert sie, von Politik rein gar nichts zu verstehen, viel fernzusehen, am liebsten Serien, und kaum auszugehen.

Und wenn das auch nichts hilft? Wenn sie und ihr Mann nur letzte Bilder einer angekündigten Wahlniederlage liefern? Dann gewinnt der wendige Wirtschaftsanwalt trotzdem. Dann wird er, hat er gesagt, in seinem erlernten Beruf richtig Geld verdienen. Dann kann er ohne Rücksicht auf die in Frankreich verbreitete Skepsis gegenüber Reichtum und den Reichen mit seinen Talenten wuchern und auf den Yachten befreundeter Unternehmer übers Mittelmeer segeln.

So oder so wird er es also allen zeigen, die in Neuilly nicht an ihn geglaubt haben. Am allerliebsten wäre er aber nochmal Präsident.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare