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Großbritannien

Fall Sarah Everard: Boris Johnson nach Frauen-Protest in der Klemme

  • Stefan Krieger
    VonStefan Krieger
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In London wird eine Frau auf dem Weg nach Hause getötet. Der Tat verdächtigt ist ein Polizist. In der Folge kommt es zu Demonstrationen und einer Grundsatzdebatte.

  • Nach dem Mord an Sarah Everard kommt es in London zu Kundgebungen und Protesten.
  • Dabei geht die Polizei brutal gegen Demonstrierende vor.
  • Für Premierminister Boris Johnson wird der Fall zu einer Gratwanderung.

London - Der Fall hält Großbritannien seit Tagen in Atem: Sarah Everard (33) war am Abend des 3. März in Südlondon spurlos verschwunden, als sie von einer Freundin auf dem Weg nach Hause war. Vermutet wird, dass ein Polizist sie auf dem Rückweg von seiner Schicht entführte und dann tötete. Mittlerweile wurden die sterblichen Überreste Sarah Everards in einem Wald der südostenglischen Grafschaft Kent gefunden, der Verdächtige sitzt in Untersuchungshaft und soll am Dienstag (16.03.2021) in London vor Gericht erscheinen.

Seitdem tobt eine Debatte über Gewalt gegen Frauen in Großbritannien. In sozialen Netzwerken berichten Frauen über ihre Ängste auf dem abendlichen Nachhauseweg. Am vergangenen Samstag (13.03.2021) legten Tausende - darunter auch Herzogin Kate - Blumen im Südlondoner Park Clapham Common nieder, wo die 33-Jährige zuletzt gesehen worden war. Doch am Abend eskalierte die Situation: Weil Abstandsregeln missachtet wurden, schritt die Polizei teils rüde ein, Bilder von zu Boden gedrückten Frauen in Handschellen machten die Runde. „Wie jeder, der sie gesehen hat, war ich von den Bildern vom Clapham Common tief betroffen“, sagte Premier Boris Johnson.

London: Mahnwache für Sarah Everard wird gewaltsam aufgelöst

Für den britischen Premierminister wird der Fall zu einer Gratwanderung. Nach der teils gewaltsamen Auflösung einer Mahnwache Hunderter Frauen und angesichts eindrucksvoller Protestbilder vor dem Parlament hat der Regierungschef Verständnis für die Wut der Demonstrantinnen gezeigt. Zugleich darf Johnson aber aus Rücksicht um seine konservativen Parteifreunde die von der Corona-Pandemie ohnehin schwer belastete Polizei nicht bloßstellen.

In London gehen die Demonstrationen gegen Gewalt an Frauen und das Verhalten der Polizei weiter.

Der Premier berief umgehend eine Taskforce ein, um das weitere Vorgehen zu beraten. Ziel sei, Schritte zum Schutz von Frauen und Mädchen zu erörtern und sicherzustellen, „dass unsere Straßen sicher sind“, teilte die Regierung mit. „Der Tod von Sarah Everard muss uns in dem Entschluss vereinen, Gewalt gegen Frauen und Mädchen auszutreiben und jeden Teil des Justizsystems dafür einzusetzen, sie zu schützen und zu verteidigen“, sagte Johnson.

Der Tod von Sarah Everard löst Entrüstung aus

Für die Polizei sind es fatale Aufnahmen, zumal der mutmaßliche Mörder ein Kollege ist: Frauen, die für Schutz vor Männern demonstrieren, werden von männlichen Polizisten weggezerrt und zu Boden gestoßen. Die Entrüstung über den harten Einsatz der Polizei ist groß. Zu verantworten hat das Vorgehen die Londoner Polizeichefin Cressida Dick. Die erhält von der Regierung aber weiterhin Rückendeckung. Die Polizeichefin habe eine Prüfung des Einsatzes zugesagt, sagte Johnson. Auch das Innenministerium hat eine Überprüfung angeordnet.

Die Regeln für Zusammenkünfte in England während der Pandemie sind klar definiert. Massenveranstaltungen sind verboten, und die Polizei muss dieses Verbot durchsetzen. Die Corona-Vorschriften machten es schwieriger, Entscheidungen zu treffen, sagte Martin Hewitt, der Chef der Vereinigung von Polizeichefs, der BBC. „Man muss Rechte, gesetzliche Vorschriften, Gesundheit und Sicherheit gegeneinander abwägen.“ Hewitt forderte, Einsatzleiter brauchten klare Vorgaben.

England: Ein neues Polizeigesetz steht in der Kritik

Letztlich sitzt die Polizei zwischen allen Stühlen. „Während dieser Pandemie haben wir sie gebeten, einen Job zu machen, den sie noch nie zuvor gemacht haben“, nahm der zuständige Staatssekretär Kit Malthouse die Beamten in Schutz. Und Dania Al-Obeid, eine der festgenommenen Frauen, sagte dem Sender BBC Radio 4: „Sie haben nur Befehle befolgt.“

Erschwerend hinzu kommt ein Streit um ein neues Polizeigesetz. Der Entwurf, der am Montag im Parlament diskutiert wurde, würde die Befugnisse der Polizei enorm erweitern. „Das würde die derzeitige Situation, in der die Covid-Vorschriften der Polizei zu viel Macht über unsere Rechte auf freie Meinungsäußerung verliehen haben, effektiv auf eine dauerhafte Grundlage stellen“, betonte der Anwalt Adam Wagner. Angesichts der Bilder aus Clapham Common hat die größte Oppositionspartei Labour angekündigt, gegen das Gesetz zu stimmen. Ein gefundenes Fressen für die regierenden Konservativen, die dem politischen Gegner nun vorwerfen, er lehne die im Gesetz enthaltenen schärferen Strafen für Terroristen und Schwerkriminelle ab.

Nach dem Tod von Sarah Everard gehen die Proteste weiter

Die britische Regierung will jetzt mehr Geld in Überwachungskameras und bessere Straßenbeleuchtung stecken, um die Sicherheit von Frauen und Mädchen in der Öffentlichkeit zu erhöhen. „Wir müssen alles tun, damit unsere Straßen sicher sind“, sagte der Boris Johnson am Dienstag und kündigte eine Aufstockung der Ausgaben für bessere Beleuchtung und Überwachungskameras auf 45 Millionen Pfund (gut 52 Millionen Euro) an - das entspricht Berichten zufolge etwas mehr als einer Verdopplung. Zudem will Großbritannien in Zukunft Zivil-Polizisten in Bars und Nachtclubs einsetzen.

Unterdessen gehen in London die Proteste weiter. Hunderte demonstrierten am Montagabend gegen das geplante Gesetz und die Gewalt an Frauen. Zeitweise blockierten die Demonstranten die Westminster Bridge nahe des Parlaments. Innenminister Priti Patel verteidigte das Gesetzesvorhaben am Montag. „Wir haben in den vergangenen Jahren erhebliche Veränderungen in Protest-Taktiken gesehen, wobei Demonstranten Schlupflöcher im Gesetz ausgenutzt haben, die zu einem unverhältnismäßigen Maß an Behinderungen geführt haben“, so die konservative Politikerin.

Das wahre Problem droht dabei allerdings in Vergessenheit zu geraten. „Es muss sich wieder um die Frauen drehen“, sagte Vera Baird, Opferschutzbeauftragte für England und Wales, der BBC. Der Tod von Sarah Everard sei nur die Spitze des Eisbergs. Frauen betrachteten Straßen als gesetzlose Orte. Viele Betroffene hätten den Eindruck, dass ihnen nicht geholfen werde. „Es ist unbedingt notwendig, dass die Regierung dringend und nachhaltig Maßnahmen ergreift, um das Vertrauen in die Polizei und die Strafjustiz wiederherzustellen - und in die Hälfte der Bevölkerung“, so Baird. (skr mit dpa)

Rubriklistenbild: © Vuk Valcic/Imago

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