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„Eine selbstmörderische Angelegenheit“: Sorge um AKW Saporischschja wächst

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Von: Nail Akkoyun

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In der Ukraine toben Gefechte um das Atomkraftwerk Saporischschja, welches von Russland inzwischen als Basis genutzt wird. Die Angst vor einer Eskalation nimmt zu.

Enerhodar – In der Nacht vom 3. auf den 4. März rücken russische Truppen auf das Gelände des Atomkraftwerks Saporischschja vor, kurz darauf bricht ein Feuer aus. Während die Kämpfe toben, twittert der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba, „wenn das Kraftwerk in die Luft fliegt, wird das zehnmal stärker als Tschernobyl sein!“. Zu dem Super-GAU kommt es nicht – vermutlich auch, weil Russland laut Beobachter:innen nicht vorhatte, das AKW anzugreifen, sondern auf ukrainisches Feuer reagierte. Schlussendlich nahmen sie den Meiler dennoch ein.

Das Kernkraftwerk Saporischschja, das größte Europas, liegt auf dem Territorium der südukrainischen Stadt Enerhodar, und damit an einer strategisch enorm wichtigen Stelle: am Fluss Dnjepr, quer gegenüber von der Großstadt Nikopol und etwa 50 Kilometer von der namensgebenden Stadt Saporischschja entfernt. Während die ukrainischen Truppen ihr Lager in Nikopol aufgeschlagen haben, scheint das russische Militär das Kernkraftwerk in eine Militärbasis verwandelt zu haben, wie US-Außenminister Antony Blinken vergangene Woche erklärte: „Russland nutzt das Kraftwerk mittlerweile als Militärbasis, von der aus es auf die Ukrainer feuert – im Wissen, dass diese nicht zurückschießen können und wollen, weil sie versehentlich eine Nuklearanlage treffen könnten.“

Kampf um das AKW Saporischschja: Ukraine ist auf den Meiler angewiesen

Am vergangenen Wochenende kam es ebenfalls zu Kämpfen rund um das Kraftwerk, doch erneut will niemand die Schuld an den Gefechten tragen: ukrainische und russische Streitkräfte beschuldigten einander. Unterdessen sprach der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj von einem „Akt des Terrorismus“. Wie die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) unter Berufung auf die Ukraine meldete, sei der Notfallmodus für einen der Reaktoren ausgelöst und daraufhin vom Netz genommen worden.

Die ukrainische Atomaufsichtsbehörde SNRIU und westliche Geheimdienste vermeldeten zudem, dass Russland Truppen rund um das Kernkraftwerk positioniert habe. Darüber hinaus soll militärisches Gerät nahe der Reaktionen gelagert werden. IAEA-Direktor Rafael Mariano bezeichnete die Berichte als „verstörend“. Bislang erhält die IAEA weiterhin Sicherheitsdaten aus dem Meiler – schließlich ist das Kraftwerk dank vieler ukrainischer Angestellter noch immer in Betrieb. Wie Daten der World Nuclear Association zeigen, stammt ein Großteil des ukrainischen Stroms aus dem Atomkraftwerk. Dementsprechend sitzt Moskau hier am längeren Hebel.

Ein russischer Soldat bewacht einen Bereich des Kernkraftwerks Saporischschja. (Archivfoto)
Ein russischer Soldat bewacht einen Bereich des Kernkraftwerks Saporischschja. (Archivfoto) © dpa/AP

Die Mitarbeitenden leiden jedoch unter enormem Druck, wie SNRIU schon im März informierte. Auch Dmitro Orlow, Bürgermeister der angrenzenden Stadt Enerhodar, erklärte auf Telegram, dass den AKW-Angestellten regelmäßig Gewalt durch die Besatzer angedroht werde. Darüber hinaus sei ein Mitarbeiter getötet worden, weil dieser den Anweisungen der russischen Soldaten missachtet habe. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Behauptungen allerdings nicht.

Ukraine-Krieg: UN-Generalsekretär warnt vor Angriffen auf Saporischschja

Angesichts der erneuten gegenseitigen Vorwürfe zwischen Russland und der Ukraine wächst international die Sorge um das Atomkraftwerk Saporischschja. UN-Generalsekretär António Guterres warnte am Montag (8. August): „Jeder Angriff auf ein Atomkraftwerk ist eine selbstmörderische Angelegenheit.“

Guterres verlangte, dass Expert:innen der Internationalen Atomenergiebehörde Zugang zu Saporischschja bekommen, was Russland allerdings nach wie vor ablehnt. Der Kreml forderte vom Westen, seinen Einfluss auf Kiew geltend zu machen, damit das AKW nicht nochmals beschossen wird. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow warnte vor katastrophalen Folgen für ganz Europa.

Kiews Botschafter bei der Internationalen Atomenergiebehörde, Jewhenij Zymbaljuk, zeigte sich ebenfalls besorgt vor den Konsequenzen eines möglichen Unfalls in dem Kernkraftwerk: „Was dann im Radius von 40 oder 50 Kilometern um das Kraftwerk passieren würde, wäre mit Tschernobyl und Fukushima absolut nicht vergleichbar“, Zymbaljuk am Montag in Wien. Nicht nur die Ukraine, sondern ganz Europa werde schwere Konsequenzen zu tragen haben. (nak/dpa)

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