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Denkzettel von Putin „überaus wahrscheinlich“: Befeuerten russische Bots Sanna Marins Party-Shitstorm?

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Von: Andreas Schmid

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Finnlands Ministerpräsidentin Sanna Marin.
Klare Europa- statt Russlandnähe - und deshalb im Fokus von Putin-Bots? Finnlands Ministerpräsidentin Sanna Marin. © IMAGO/Bart Maat

Steckt Russland hinter den geleakten Partyvideos von Sanna Marin? „Es ist überaus wahrscheinlich, dass russische Trolle den Shitstorm gezielt anheizen“, sagt ein Experte.

Helsinki – Das Privatleben von Finnlands Ministerpräsidentin Sanna Marin steht seit Tagen im Fokus des Interesses. Der Anlass: Mitte August waren Partyvideos der 36-jährigen Sozialdemokratin im Internet veröffentlicht worden. Sie zeigen Marin tanzend mit Freunden. Nicht nur in Finnland entbrannte daraufhin eine Debatte über die Freizeitgestaltung der Regierungschefin. „Wo ist das Problem?“, fragten die einen. „Geht gar nicht“, argumentierten die anderen.

Marin sah sich letztlich genötigt, einen Drogentest zu machen. Er fiel negativ aus. Mehrere Politiker verteidigten Marin, im Internet schlägt ihr jedoch eine Welle des Hasses entgegen. Womöglich auch dank russischer Bots? Es gibt jedenfalls den Verdacht einer gezielten russischen Kampagne gegen die kremlkritische Politikerin.

Sanna Marins Partyvideos: Russische Trolle „überaus wahrscheinlich“ für Shitstorm verantwortlich

Christopher Nehring hat sich auf die Erforschung und Analyse von Desinformationskampagnen spezialisiert. Dem Portal Business Insider sagte er: „Es ist überaus wahrscheinlich, dass russische Trolle und Bots den Shitstorm gegen Sanna Marin ganz gezielt anheizen.“ Die Art, wie sich die Videos auf Twitter verbreiten, erinnere stark an die Vorgehensweise russischer Bots, also Fake-Accounts in sozialen Medien, die automatisiert eine Vielzahl von Beiträge verfassen. Bei Marin werde immer wieder derselbe Text von ominösen Nutzerprofilen kopiert und geteilt.

Nehring beobachtet nach eigenen Angaben bei der im Internet geäußerten Kritik an Marin „die klassische Herangehensweise“ russischer Beeinflussung: „Debatten sollen angeheizt und manipuliert, missliebige Persönlichkeiten dadurch diskreditiert werden.“ Ob russische Fake-Accounts das Video als erste veröffentlicht haben oder die großflächige Diskreditierung erst danach passierte, könne nicht sicher gesagt werden.

Sanna Marin: „Sie ist ein natürliches Ziel für die russische Propaganda“

Bei Marin komme aber einiges zusammen. „Sie steht für sehr viel von dem, was Russland in Europa bekämpft: Jung, weiblich, gesellschaftlich liberal und sie hat ihr Land in die Nato geführt – nach Jahrzehnten der ‚Neutralität‘. Sie ist ein natürliches Ziel für die russische Propaganda.“

Das glaubt auch CDU-Politiker Roderich Kiesewetter. „Sanna Marin steht stellvertretend für alles, was Putins faschistoides Regime ablehnt“, sagte er dem Magazin Cicero. „Sie ist eine junge, erfolgreiche Frau, die Finnland einen klaren pro-westlichen Kurs verordnet und in die Nato geführt hat.“ Es sei klar, dass Kremlchef Wladimir Putin diese russlandkritische Politik nicht hinnehmen werde. Die „hybride Kriegsführung des Kremls“ passe zur Diskreditierung der Ministerpräsidentin.

Sanna Marin: Russland-Kritik und Nato-Beitritt

Sanna Marin ist seit Dezember 2019 finnische Ministerpräsidentin. Als solche ist sie auch bekannt für ihre Kritik an Russland und Wladimir Putin. Finnland steht seit der russischen Invasion fest an der Seite der Ukraine. Marin fordert einen Visastopp für Russen in Europa und verschärfte jüngst die Einreiseregeln für russische Staatsbürger. Sie nannte es „ungerecht“, dass Russen in Europa Urlaub machen können, „während Russland Menschen in der Ukraine tötet“.

Finnische Ministerpräsidentin Marin in Stockholm
Sanna Marin (r) mit Magdalena Andersson, Ministerpräsidentin von Schweden. Die skandinavischen Länder streben in die Nato. © Paul Wennerholm/dpa

Marin könnte der russischen Regierung auch deshalb ein Dorn im Auge sein, weil sie das machte, was in Finnland lange als undenkbar galt: Sie führte das jahrelang „neutrale“ Land in die Nato. Aktuell laufen die Beitrittsverhandlungen, gemeinsam mit Schweden. In Rekordzeit machte sie die finnische Kehrtwende perfekt. Das ist insofern politisch brisant, als sich Finnland und Russland eine 1400 Kilometer lange Grenze teilen. Die Nato rückt gewissermaßen näher an Russland heran.

Partyvideo von Sanna Marin: Baerbock verteidigt Finnen-Ministerpräsidentin

Marins Partyvideo ist übrigens längst nicht nur in Skandinavien Thema. Weltweit äußerten sich Politiker. Hillary Clinton meinte: „Tanz bitte weiter“, Außenministerin Annalena Baerbock sagte: „Selbst wenn es einige vielleicht schockiert: Politiker sind Menschen, haben ein Privatleben.“ Die finnische Regierungschefin erklärte: „Ich bin ein Mensch, und ich vermisse auch manchmal Freude, Licht und Spaß inmitten dieser dunklen Wolken.“ (as)

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