Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Weder Werkzeug der Besatzer noch skrupelloser Populist: Bakir al-Hakim.
+
Weder Werkzeug der Besatzer noch skrupelloser Populist: Bakir al-Hakim.

Das sanfte Orakel von Nadschaf

Ayatollah al-Hakim hat seine Gratwanderung zwischen gemäßigten und radikalen Schiiten mit dem Leben bezahlt

Von Rolf Paasch

Mohammed Bakir al-Hakim sprach gern in Rätseln. Fragen von Journalisten nach seinen Motiven, Plänen und Zielen beantwortete er immer mit unverbindlichen Phrasen. Ob während seines 23-jährigen Teheraner Exils oder nach seiner Rückkehr im Mai in die heilige Stadt von Nadschaf - der Führer des Obersten Rats der Islamischen Revolution (Sciri) sprach, umgeben von seinen bewaffneten Wächtern, mit der sanften Stimme eines scheinbar Unentschlossenen.

Als einer der Letzten hat ihn der Schriftsteller Mario Vargas Llosa gefragt, ob er denn eine laizistische Regierung für Irak akzeptieren würde. "Heißt das eine Regierung, die gegen den Glauben ist", fragte der Sajjed, der Nachfolger des Propheten, unter seinem schwarzen Turban zurück? So unbestimmt, so flüchtig waren Mohammed Bakir al-Hakims Ausführungen fast immer, ob es sich da um religiöse, politische oder taktische Fragen handelte.

Mohammed Bakir al-Hakim gehörte zur religiösen Elite in Nadschaf. Sein Vater, Ayatollah Mohsin al-Hakim war zwischen 1950 und 1970 die höchste Instanz der Schiiten in aller Welt. Auf Grund seiner Popularität ließen ihn die Baathisten in Ruhe. Doch sein Sohn musste sich vor den Schergen Saddam Husseins 1980 ins iranische Exil flüchten.

Insgesamt hat Mohammed Bakir al-Hakim in den Schiitenverfolgungen des irakischen Regimes mehr als ein Dutzend Familienangehörige verloren. In Teheran gründete er 1982 den Obersten Rat der Islamischen Revolution in Irak (Sciri). Dort lernte er mit der iranischen Theokratie die politisierte Form des Schiismus kennen. In wieweit Ayatollah al-Hakim die von Khomeini vertretene, so genannte "Wächterrolle der Juristen" übernommen hat, darüber gehen bis heute die Ansichten auseinander. Seine Kritiker warfen al-Hakim deswegen vor, das iranische Modell mit dem politischen Primat der Mullahs auch in Irak einführen zu wollen. Seine Verteidiger hielten ihm zugute, dass er diesem Vorwurf im Teheraner Exil aus taktischen Gründen nicht widersprechen konnte.

Die Wahrheit dürfte dazwischen liegen. Ayatollah Hakim war viel zu clever, als dass er an die Möglichkeit einer einfachen Übertragung des iranischen Modells auf Irak geglaubt hätte. Zu unterschiedlich ist die Geschichte des Schiismus in beiden Ländern verlaufen. Al-Hakim war ein politisch ambitionierter religiöser Führer, der sich im Kampf um die Macht im Nachkriegs-Irak alle Optionen aufrecht halten wollte.

So zierte sich seine Organisation Sciri auf der Londoner Konferenz der irakischen Opposition im Dezember 2002 am längsten, die gemeinsame Erklärung der Saddam-Gegner zu unterzeichnen. Auch ließ er mehr als drei Monate vergehen, bis er im Mai schließlich in einem wohl organisierten Triumphzug nach Nadschaf zurückkehrte. Und auch die US-amerikanischen Besatzer ließ er vor jeder Konferenz in Irak bis zuletzt darüber im Unklaren, ob er mit ihnen gemeinsame Sache machen würde oder nicht. Meist kritisierte er die USA heftig, um am Ende dann doch den endgültigen Bruch mit den neuen Herren in Irak zu vermeiden.

Seine Politik war der Versuch, zwischen den staatsfernen und unpolitischen Traditionalisten des angesehenen Ayatollah Ali al-Sistani und den Populisten des jungen Nachwuchs-Klerikers Muktada al-Sadr einen dritten Weg zu gehen - nämlich sich die Macht und die Führung der Schiiten weder von der Kriegskoalition schenken zu lassen, noch diese gegen sie erkämpfen zu müssen.

Während sein Vater für eine Zeit stand, in der ein Ayatollah als unbestrittene Autorität wirken konnte, wurde Mohammed Bakir al-Hakim nach seiner Rückkehr nach Nadschaf in eine Situation geworfen, in der die innere Zerstrittenheit und das Fehlen einer religiösen Hierarchie wieder einmal die strukturelle Schwäche des Schiismus offenbart. Eine Weile sah es so aus, als könne die Hausa, das traditionell höchste Gremium zur Konsensfindung, die Herausforderungen der Nachkriegszeit in Irak bewältigen.

Doch nach den Anschlägen von Saddam-Loyalisten auf die US-Besatzer im so genannten sunnitischen Dreieck um Bagdad, der Ermordung britischer Soldaten und dem Attentat auf die Vereinten Nationen drohen nun die Rivalitäten unter den Schiiten das Land zusätzlich zu erschüttern.

Eigentlich hatte Ayatollah Bakir al-Hakim seit seiner Rückkehr nach Nadschaf alles richtig gemacht. Er galt weder als Werkzeug der Kriegskoalition noch als skrupelloser Populist. Dass einer wie dieser Nachfahre des Propheten das Freitagsgebet am Grab Imam Alis nicht mehr überleben konnte, ist ein schlechtes Zeichen für Irak im Allgemeinen und für die Schiiten im Besonderen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare