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Ein Leben im „Dschungel“ - so heißt inoffiziell das Lager auf der griechischen Insel Samos, in dem viel mehr Menschen ausharren müssen als geplant. 

Griechenland

Samos resigniert

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Vor kurzem noch halfen die Inselbewohner den Geflüchteten. Jetzt kippt die Stimmung auf Samos.

Oben, am Hang, hat Abdulkadir Al Zubaidi freie Sicht auf die Bucht von Samos-Stadt. Getünchte Häuschen schmiegen sich an die Uferpromenade, im Wasser schaukeln die Kutter. Eine fremde Welt ist das, so nah wie fern. „Ich bin in der Hölle“, sagt der junge Iraker inmitten der Zelt- und Bretterbudensiedlung der Geflüchteten. Seine Füße stecken in Plastikschlappen. Sie sinken ein im schlammigen, übel riechenden Grund.

Unten, auf dem Marktplatz von Samos-Stadt, kann Nikos Archondissas von seinem Stammcafé aus die Ausläufer der Flüchtlingssiedlung auf dem Berg sehen. Blaue und weiße Punkte in den Olivenhainen. Die Zelte werden von Woche zu Woche mehr. Eine fremde Welt ist das, so fern wie nah. „Wir Samioten sind Verdammte“, sagt der alte Grieche.

Samos ist, je nach Blickrichtung, Anfang und Ende Europas. Keine zweitausend Meter trennen die griechische Insel von der Türkei. Einst war Samos bei Urlaubern für türkise Badebuchten und süßen Wein beliebt. Doch seit fünf Jahren kommen vor allem Geflüchtete auf die Insel. Und bleiben. Gegen ihren Willen und gegen den Willen der Samioten.

Das Flüchtlingslager in Samos-Stadt ist für 680 Menschen ausgelegt. Inzwischen hausen dort und in den Feldern ringsum mehr als 9000 Menschen. Und immer wieder rettet die Küstenwache weitere Flüchtlinge aus Seenot und bringt sie an Land. Menschen aus Afghanistan, Syrien und immer öfter auch aus Afrika. Die jüngste Drohung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, Flüchtlinge nicht mehr an der Überfahrt nach Griechenland zu hindern, hat kein großes Erstaunen auf der Insel ausgelöst. Die Menschen hier fühlen sich seit langem schon den Launen Erdogans ausgeliefert.

Es gibt jetzt mehr Flüchtlinge als Einheimische in Samos-Stadt. Die rechtskonservative Regierung in Athen lässt kaum noch Migranten von den ostägäischen Inseln aufs Festland bringen. Auch Abschiebungen finden kaum statt.

Man könne ihn alles fragen, sagt Abdulkadir Al Zubaidi. Doch dann eröffnet er das Gespräch mit einer Frage. „Wo ist Europa?“

Der 29-Jährige erzählt, wie er nach der Entführung seines Vaters im vergangenen Jahr mit Mutter und Schwester aus Bagdad floh. Als Sunniten hätten sie es im schiitisch dominierten Irak schwer. Von Europa erhofften sie sich Schutz und Hilfe. Nun sitzen sie fest in einem Lager, in dem kein Platz ist, kein Strom, kaum Wasser, kaum Toiletten. Ein Elendsort, wie er im Europa von heute doch eigentlich nicht sein kann, sein muss.

Al Zubaidi schätzte sich zunächst glücklich, dass ihm und seiner Familie im Gegensatz zu den meisten anderen hier ein Schlafplatz im Container zugewiesen wurde. Zehn weitere Menschen sind darin untergebracht. Die Al Zubaidis teilen sich ein Etagenbett. Unten schlafen Mutter und Tochter, oben schläft Abdulkadir Al Zubaidi. Außer, es regnet mal wieder. Dann sickert Wasser auf seine Pritsche, und er bittet Mutter und Schwester, noch enger zusammenzurücken.

„Dschungel“ – so nennen Flüchtlinge und Samioten die wild anwachsende Zelt- und Bretterbudenstadt. Kinder spielen im Schlamm, Familien hausen zwischen Müll und Ungeziefer. Für sie alle gibt es nur einen einzigen Arzt. Besteht Gefahr, und das ist oft der Fall, müssen die Menschen den Weg zum kleinen Inselkrankenhaus am anderen Ende der Stadt auf sich nehmen. Dort sind jetzt freie Stellen zu besetzen. Dringend gesucht: Kinderärzte und Gynäkologen.

Die Klinik hat 120 Betten und rund 50 Ärzte – angesichts der stark anwachsenden Inselbevölkerung sei das viel zu wenig, meint Fabio Giardina, der Ärztliche Direktor des Hauses. Immer wieder muss er Flüchtlingskinder mit Infektionen, Durchfall und Hautproblemen behandeln. Auch Schwangere stellten eine Herausforderung dar.

„Entbindungen stellen uns vor Probleme. Die Anzahl der Geburten unter den Geflüchteten ist sehr groß“, sagt Giardina. „Es fehlt an ausreichend Krankenhauspersonal für all diese Frauen.“ Doch nicht nur die Aufnahme der Frauen, sondern auch ihre Entlassung und die darauf folgende Rückkehr ins Lager erfüllt den Arzt mit Sorge. „Ein Neugeborenes kann ja nicht im Zelt hausen, das dem Regen ausgesetzt ist“, sagt er. Doch eine Alternative zum Lager gibt es nicht.

Der Mangel, die Kälte und der Dreck sind für jeden hier eine Belastung. Immer wieder gibt es Streit. Zwar parkt ein Polizeibus auf der Straße unterhalb der Zeltsiedlung. Doch die Beamten bleiben auf Distanz. Frauen sind gewalttätigen Übergriffen schutzlos ausgeliefert. Ebenso wie Kinder.

Wer dem Dschungel für eine Weile entkommen will, läuft die Straße hinunter nach Samos-Stadt. Vorbei an verfallenden Häusern, verlassenen Geschäften und Samioten, die Blickkontakt mit den Geflüchteten meiden.

Vor fünf Jahren, als plötzlich Nacht für Nacht Schlauchboote mit Geflüchteten an Land kamen, zeigten sich die Samioten solidarisch. Sie brachten den Notleidenden Säcke voll Kleidung, stapelweise Pizza und Wasser. Doch es kamen immer mehr Geflüchtete, und schon bald stießen die Samioten an die Grenzen ihrer Hilfsbereitschaft. Die griechische Wirtschaftskrise hat auch sie getroffen. Es gibt nicht mehr viel zu teilen. Die Solidarität schwindet.

„Wir sind keine Rassisten“, sagt Nikos Archondissas. „Wir sind erschöpft.“ Auch der 84-Jährige suchte einst sein Glück in der Fremde. Als junger Mann wanderte er nach Australien aus, kehrte zurück nach Griechenland und arbeitete dann viele Jahre in Deutschland. Für seinen Ruhestand zog Archondissas zurück nach Samos. Mit der Ruhe ist es jetzt vorbei.

Die Insel lebt in Angst. „Wir sind abends nicht mehr unterwegs. Denn dann sind die anderen unterwegs“, sagt Archondissas. Gewaltsame Zwischenstöße zwischen Griechen und Geflüchteten sind zwar selten. Doch die Samioten fürchten um ihr Hab und Gut. Immer wieder gibt es Berichte von aufgebrochenen Häusern, aus denen Möbel, Bau- und Brennmaterial entwendet wurde. Die Einheimischen ziehen sich zurück. Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr unbeaufsichtigt draußen spielen. Jugendliche verbringen ihre Freizeit daheim. Viele denken an Fortzug. Eine Insel resigniert.

Das Rathaus liegt auf halber Strecke zwischen Stadtzentrum und Flüchtlingssiedlung. Im ersten Stock des neoklassizistischen Baus verabschiedet der stellvertretende Bürgermeister Georgios Dionysiou einen aufgebrachten Bürger. Dann setzt er sich an seinen Schreibtisch, legt die Hände übereinander und sagt, Politik und Verwaltung vor Ort könnten an den Zuständen nichts ändern. Die Infrastruktur der Stadt – Wasser- und Stromversorgung, Abfallbeseitigung – halte nicht Schritt mit dem plötzlichen Bevölkerungsanstieg.

„In der Stadt Samos leben zurzeit ungefähr 6500 Einwohner. Nun soll die Stadt eine weitere Stadt beherbergen. Das ist unmöglich“, sagt Dionysiou.

Die Geflüchteten sind sich selbst überlassen. Bis zu ihrer Asylanhörung vergehen Monate, mitunter Jahre. Also richten sie sich ein im Provisorium. Abdulah, ein junger Kurde aus Irak, versucht sich zwischen gespannten Wäscheleinen als Frisör. Mohamed aus Palästina wandelt sein vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen bereitgestelltes Zelt in einen Kiosk um. Und eine ältere Frau aus Syrien hat, versteckt hinter einem Labyrinth von Planen, einen uralten, versiegelten Brunnen freigelegt. Sie drückt den Finger auf den lächelnden Mund; es soll ein Geheimnis bleiben.

Auch unter den Samioten gibt es einige, die sich der neuen Lage angepasst haben. Einzelhändler haben Campingkocher und Hülsenfrüchte aus Nahost ins Sortiment genommen. Hotels beherbergen Sicherheitspersonal und freiwillige Helfer. Doch das gleicht nicht die Ausfälle aus dem Tourismusgeschäft aus, die Haupteinnahmequelle der Insel.

Bis vor kurzem konnten sich die Bürger von Samos der Hoffnung hingeben, die Flüchtlingskrise würde eines Tages vorüber sein und ihre Insel könnte wieder zu dem werden, das sie lange war: eine Zwischenstation auf dem Weg nach Europa. Nun aber hat die griechische Regierung im Landesinneren mit dem Bau eines neuen, geschlossenen Flüchtlingslagers für 5000 Menschen begonnen. Enteignungen von Grundbesitzern stehen bevor. Mit jedem errichteten Zaunmeter und jedem aufgestellten Container verlieren die Samioten die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität.

„Samos wird ein Freiluftgefängnis“, sagt der Grieche Nikos Archondissas. „Wir sitzen hier fest“, sagt der Iraker Abdulkadir Al Zubaidi.

Wenn es etwas gibt, das Einheimische und Migranten auf der Insel eint, dann ist es dieses Gefühl: Athen, Europa und der Rest der Welt haben sie aufgegeben.

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