Sammelbecken für rechte Nostalgiker

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In Deutschland betreiben die Piusbrüder 50 Zentren und fünf Schulen - die Zahl ihrer Anhänger ist gering.

Am Wochenende hatte die Piusbruderschaft genug von den Medien. Nach einer Reihe "bösartiger Angriffe" sei man zu keiner Stellungnahme mehr bereit, informierte der deutsche Distriktobere Pater Franz Schmidberger im roten Kasten auf der Homepage der erzkonservativen Gemeinschaft.

Das Interesse, das nach der Rücknahme der Exkommunikation von vier Bischöfen der Bruderschaft durch Papst Benedikt XVI. aufwallte, war ungewohnt. Flugs stellte man ein Presse-Dossier zusammen, doch das lässt Fragen unbeantwortet. Zum Beispiel die, wie viele Anhänger die Organisation in Deutschland hat. Weltweit wird deren Zahl mit 600 000 (bei 493 Priestern) angegeben. 0,01 Prozent der Katholiken, schätzt der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp. Doch Wolfgang Beinert, emeritierter Regensburger Theologe, meint: "Es langen wenige, um großen Krach zu machen."

Der Krach besteht in erster Linie darin, dass die Piusbrüder das Zweite Vatikanische Konzil in wichtigen Punkten ablehnen - also jene Versammlung, die von 1962 bis 1965 die Öffnung der Kirche zur Welt vollzog. Diese Reaktion auf die Herausforderungen der Zeit - Protestantismus und Aufklärung - sehen die Piusbrüder als Abfall von der wahren Kirche. Sie wenden sich seit ihrer Gründung 1970 durch den französischen Erzbischof Marcel Lefebvre gegen "Ökumenismus", gegen Religions- und Gewissensfreiheit.

"Schärfster Fundamentalismus"

"Die objektive Haltung, die das Zweite Vatikanische Konzil versucht, lehnen sie scharf ab", sagt Beinert. Der Experte für traditionalistische Strömungen in der katholischen Kirche nennt das "Fundamentalismus schärfster Sorte".

Unter den erzkonservativen Gemeinschaften in Deutschland, etwa der Actio Spes Unica, dem Engelwerk oder Opus Dei, seien die Piusbrüder klar die schärfsten Gegner des Konzils. Diese Ablehnung sei zwar nicht zwangsläufig verknüpft mit Antisemitismus, aber mit einer kritischen Haltung gegenüber dem Judentum als Religion. Und sie bildet, einhergehend mit einem konservativen Welt- und Menschenbild, den theologischen Kern der Bruderschaft.

Die über Deutschland verteilten 15 Priorate und 35 Kapellen ziehen auch Nostalgiker an. Sie finden die alte Messe auf Latein in Kapellchen, in denen oft kaum zehn Gläubige sitzen, mystisch und geheimnisvoll. "Eine Frage der Ästhetik", sagt Beinert. Seit jeher sei die Bruderschaft "ein Auffangbecken für die, die sich in der Kirche nicht mehr heimisch fühlen".

Ein ähnliches Bedürfnis erfüllen offensichtlich auch die fünf Schulen, die die Piusbrüder neben einem internationalen Priesterseminar in Deutschland betreiben. "Sie werden von Eltern sehr geschätzt, weil hier christliche Werte vertreten werden, was in unserer heutigen Zeit sehr wichtig ist", sagt Pater Andreas Steiner, der Pressesprecher der Bruderschaft.

Nicht überall sind die Schulen willkommen. So gab es 2006 einen Eklat um die geplante St.-Josef-Grundschule in Göffingen. Schließlich einigte man sich in dem Streit, in dem wohl auch ein angeblicher Rockzwang an der Schule eine Rolle spielte, auf einen anderen Ort. "Wir wollen den Schülern nur ein christlich-abendländisches Menschenbild vermitteln", beschwichtigte Schmidberger damals. Vom Menschenbild des Holocaust-Leugners Richard Williamson unterscheidet sich das angeblich sehr.

Offenbar ist die Piusbruderschaft jetzt bemüht, ihr öffentliches Bild zurechtzurücken. Williamson ist nicht länger Leiter des Priesterseminars La Reja in Argentinien. Und auch die deutschen Piusbrüder sprechen wieder mit den Medien - der rote Kasten ist von der Homepage verschwunden. Wenig zupass dürften da Schmidberger-Zitate kommen, die der SWR ausgegraben hat. So habe er im Oktober 2001 in einem Vortrag gesagt, eine Kreuzschändung, bei der dem Heiland etwa ein Arm abgerissen werde, sei objektiv eine schwerere Sünde als der Terroranschlag von New York.

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