+
Betroffene und Sympathisanten protestieren am Rande des ersten Prozess um den jahrzehntelangen Babyraub während der Franco-Diktatur.

Franco-Diktatur

Säuglingsraub mit System?

  • schließen

In Madrid steht ein Arzt vor Gericht, der ein Baby zu Unrecht zur Adoption gegeben haben soll. In der Franco-Diktatur sollen systematisch Babys ihren ideologisch unzuverlässigen Eltern weggenommen worden sein.

Wir sind hier nicht wegen Geld‘“, sagt Inés Madrigal. „Um Geld ging es ja gerade bei diesem Säuglingskauf und -verkauf.“ Madrigal ist die erste Spanierin, die es geschafft hat, einen Arzt vor Gericht zu bringen, der vor 49 Jahren an einem solchen Kinderhandel beteiligt gewesen sein soll. Die Ware damals war sie selbst, davon ist Madrigal überzeugt. Als sie 18 Jahre alt wurde, erzählte ihr ihre Mutter, dass sie nicht ihre biologische Tochter sei. Sie sei einer anderen Frau weggenommen worden. Madrigal will wissen, wer diese Frau ist. Sie will kein Geld. Sie sucht die ihr gestohlenen Eltern.

Viele Spanier haben ähnliche Geschichten wie Madrigal zu erzählen. Die einen sind sicher, dass ihnen einstmals ein Neugeborenes weggenommen wurde, während man ihnen weismachte, das Kind sei gestorben. Die anderen suchen ihre biologischen Eltern. Die Betroffenenvereine berichten von rund 2000 Menschen, die deswegen Anzeige erstattet haben. Vor dem Provinzgericht in Madrid wird seit dieser Woche zum ersten Mal ein Prozess gegen einen Arzt geführt, der eine Geburtsbescheinigung gefälscht haben soll, um eine Adoptivmutter zur biologischen Mutter zu erklären. „Dieser Fall dient uns dazu klarzumachen, dass der Kinderraub existierte“, erklärt Soledad Luque, Mitbegründerin eines Betroffenenvereins.

Niemand in Spanien zweifelt daran, dass es in der Vergangenheit Fälle von Kindsraub oder Zwangsadoptionen gegeben hat. Schwieriger ist es zu klären, wie viele Fälle es gewesen sein mögen und ob System dahinter steckte. Zu denen, die an ein organisiertes System glauben, gehört der ehemalige Richter an Spaniens Nationalem Gerichtshof, Baltasar Garzón. „Der Raub von Säuglingen ist ein fürchterliches Verbrechen mit langer Präsenz in der spanischen Geschichte“, sagte er im vergangenen Jahr vor einem Untersuchungsausschuss des katalanischen Parlaments.

Nach seinen Ermittlungen wurden in den 1940er Jahren, zu Beginn der Franco-Diktatur, Tausende Kinder ihren Eltern aus ideologischen Gründen weggenommen, um sie an „zuverlässigere“ Familien zu geben. In den folgenden Jahrzehnten sollen einige Geburtskliniken aus dem Kindsraub ein Geschäft gemacht haben, das sie bis Anfang der 1990er Jahre, lange nach dem Tod Francos, weiterbetrieben. Aufgeschreckt von solchen Berichten machte sich im Mai vergangenen Jahres eine Abgeordnetengruppe des Europaparlaments auf den Weg nach Spanien, um sich in Dutzenden Gesprächen ein Bild vom Ausmaß dieser Vebrechen machen zu können.

Doch in ihrem Abschlussbericht mussten sie feststellen, dass ihre Gesprächspartner – Juristen, Politiker, Ärzte, Journalisten, Kirchenvertreter, Betroffene – sich weder in der Zahl der Fälle einig waren noch in der Frage, ob es ein „institutionelles Netzwerk“ des Kinderhandels gab. Diese Uneinigkeit habe „nicht geholfen, die Dimension des Problems angemessen einzuschätzen“. Am besten sind noch jene Fälle aufzuklären, bei denen es eine bekannte Grabstätte des – möglicherweise nur vorgeblich – verstorbenen Säuglings gibt. Der Madrider Gerichtsmediziner Enrique Dorado war in den vergangenen Jahren an der Exhumierung einiger Kinder beteiligt: jeweils mit dem Ergebnis, dass die Identität der Leiche mit der in den Dokumenten übereinstimmte. „Die Wahrheit zu erfahren, ist eine Erleichterung“, sagt Dorado. Je länger der Todesfall allerdings zurückliegt, umso schwieriger werde die Identifikation. „Die Knochen eines Neugeborenen sind noch sehr fragil“ – und vergehen schneller als die eines Erwachsenen.

Die Zeit ist der größte Feind der Aufklärung. Die jüngsten Fälle liegen ein Vierteljahrhundert, viele ein halbes Jahrhundert zurück. Dass Inés Madrigal ihre Geschichte vor ein Gericht bringen konnte, liegt auch an früheren Ermittlungen: Schon 1981 war die Klinik, an der der angeklagte Arzt arbeitete, unter Verdacht geraten. Doch die damaligen Untersuchungen verliefen im Sande. Erst die Selbstorganisation der Betroffenen in den vergangenen Jahren hat dazu geführt, dass Spanien deren Sorgen ernst nimmt. Die Anklage des Arztes wurde schließlich möglich, weil er eine Unterschrift als seine eigene erkannte: Mit der bestätigte er 1969 die Geburt des Mädchens Inés durch eine (mittlerweile verstorbene) Mutter, die nach eigener Aussage niemals schwanger war. Am ersten Prozesstag nahm der beklagte Arzt seine Aussage während der Ermittlungen zurück. Die Unterschrift sei nicht seine. Am zweiten Prozesstag erschien er nicht mehr vor Gericht. Aus Gesundheitsgründen, erklärte sein Anwalt. Der Arzt ist 85 Jahre alt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion