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Gefährlich wird es, wenn Erdogan seine Bohrschiffe von der Marine eskortieren lässt, so wie im Juli vor Zypern.

Griechenland und die Türkei

Säbelrasseln im Mittelmeer

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Der Konflikt zwischen Griechen und Türken um die Bodenschätze und die Hoheitszonen in der Ägäis droht zu eskalieren.

Dass türkische Militärjets über ihre Insel fliegen, daran haben sich die 750 Einwohner von Inousses im Laufe der letzten Jahre gewöhnt. Aber so oft? Und so tief? „Es häuft sich“, sagt Giorgos Daniil, der Bürgermeister des kleinen Eilands, das zwischen der Insel Chios und der türkischen Küste liegt. 98 Mal flogen allein am vergangenen Freitag türkische F-16- und F-4-Kampfflugzeuge durch den griechischen Luftraum. In Inousses donnerten türkische Jets in nur 500 Metern Höhe über die Dächer. „Wir haben keine Angst“, sagte Bürgermeister Daniil der griechischen Tageszeitung „Naftemporiki“, „wir wollen friedlich mit unseren Nachbarn zusammenleben.“

Aber wollen das auch die Nachbarn? Der Nervenkrieg zwischen Griechen und Türken droht zu eskalieren. Seitdem der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan Ende November im Istanbuler Dolmabahce-Palast mit dem libyschen Ministerpräsidenten Fajis al-Sarradsch ein Abkommen über die „Abgrenzung der Einflussbereiche auf See“ unterschrieb, ist der seit Jahrzehnten zwischen Griechenland und der Türkei schwelende Konflikt um die Hoheitsrechte und Bodenschätze im östlichen Mittelmeer neu aufgebrochen. Mit dem Abkommen teilen Erdogan und Sarradsch einen Seekorridor zwischen der türkischen und der nordafrikanischen Küste untereinander auf, ohne Rücksicht auf die darin gelegenen griechischen Inseln Kreta, Karpathos, Rhodos und Kastelorizo zu nehmen. Damit eignet sich die Türkei Seegebiete an, die nach internationalem Seerecht zur Wirtschaftszone Griechenlands gehören.

Die EU erklärte, die türkisch-libysche Vereinbarung stehe nicht im Einklang mit dem Seerecht und verletze die Rechte von Drittstaaten. Aber Ankara lässt sich davon nicht beeindrucken. Außenminister Mevlüt Cavusoglu kündigte an, die Türkei werde ihre Gebietsansprüche, wenn nötig, „selbstverständlich“ mit militärischer Gewalt durchsetzen.

Es geht nicht nur um die Bodenschätze. Erdogan will mit dem türkisch-libyschen Abkommen auch die Pläne Israels, Zyperns und Griechenlands zum Bau der East-Med-Erdgaspipeline durchkreuzen, wie er selbst im Staatsfernsehen TRT sagte. Die Türkei fürchtet wegen des Projekts um ihre Rolle als Transitland für Gaslieferungen aus Russland und Mittelasien nach Europa.

Auch am Sonntag lieferten sich griechische und türkische Kampfpiloten im umstrittenen Luftraum über der Ägäis sogenannte Dog Fights: Abfangmanöver, mit denen die Griechen die Türken aus ihrem Luftraum abzudrängen versuchen. Geflogen wird mit scharfen Waffen. Diese Verfolgungsjagden können schnell in einem Abschuss oder Absturz enden, wenn einer der Piloten einen Fehler macht oder die Nerven verliert.

Nerven behalten müssen nun auch die Strategen im Athener Außenministerium. Dort spielt man bereits seit Wochen mögliche Szenarien durch. Der Showdown droht vor Kreta oder Kastelorizo. Staatschef Erdogan kündigte in einem Interview mit dem Nachrichtensender A Haber bereits Gas-Explorationen bei diesen beiden griechischen Inseln an. Es dürfte nur eine Frage weniger Wochen sein, bis die Türkei in den umstrittenen Seegebieten mit Forschungs- und Bohrschiffen aufkreuzt. Wahrscheinlich ist, dass Erdogan ein Forschungsschiff von Einheiten der Kriegsmarine, vielleicht auch von Kampfjets, eskortieren lässt. Dann bekäme die Konfrontation eine gefährliche Dimension.

Unklar ist bisher, wie Griechenland darauf reagieren wird. „Erdogan spielt mit dem Feuer“, sagt der griechische Vize-Außenminister Miltiadis Varvitsiotis. Verteidigungsminister Nikos Panagiotopoulos schließt einen „heißen Zwischenfall“ nicht aus und versichert: „Wir werden alles tun, um unsere Hoheitsrechte zu verteidigen.“

Athen setzt vorerst auf diplomatische Initiativen. Die Türkei sei mit ihren Gebietsansprüchen international isoliert, sagt Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis. Man glaube nicht, dass die Entwicklung „außer Kontrolle“ geraten werde, heißt es in der Umgebung des Premiers.

Aber wie schnell eine solche Krise eine gefährliche Eigendynamik entwickeln kann, zeigte sich Ende Januar 1996 beim Streit um die von der Türkei beanspruchten Imia-Felseninseln. Auf dem Höhepunkt der Konfrontation lagen sich vor den Inseln 15 griechische und 18 türkische Kriegsschiffe gefechtsbereit gegenüber. Erst in letzter Minute konnte der damalige US-Präsident Bill Clinton in nächtlichen Telefonaten mit Ankara und Athen den Konflikt entschärfen.

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