Saeb Erekat, 65, überlebte eine Infektion mit dem Coronavirus nicht.
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Saeb Erekat, 65, überlebte eine Infektion mit dem Coronavirus nicht.

Nahost

Saeb Erekat, ein Verfechter des Zwei-Staaten-Modells

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Der verstorbene palästinensische Chefunterhändler Saeb Erekat war ein Diplomat mit Biss.

Kein Palästinenser hat wohl mehr Stunden am Verhandlungstisch mit Israelis verbracht als Saeb Erekat. Über zwei Jahrzehnte hinweg war er fast durchgängig Chefunterhändler der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO, seit 2015 deren Generalsekretär. Einer, der medial stets präsent war, um Position zu beziehen: gegen die israelische Besatzung samt der Siedlungspolitik und für das Zwei-Staaten-Modell in den Grenzen von 1967. „Die einzig praktikable Lösung des Nahostkonflikts“, darauf pochte er und glaubte doch selbst immer weniger daran, die Realisierung zu erleben.

Am Dienstag starb Saeb Erekat an multiplem Organversagen infolge einer Covid-19-Infektion in einem israelischen Krankenhaus. Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas ordnete eine dreitägige Trauer und Halbmastbeflaggung an. Mit ihm verliere die Nation einen Mann, der in vorderster Linie für palästinensische Rechte eingetreten sei, daheim wie in aller Welt. Auch die frühere israelische Außenministerin Zipi Livni drückte ihr Beileid aus. Frieden zu schließen, habe Erekat als Lebensaufgabe verstanden.

Als der 65-Jährige am 18. Oktober in kritischem Zustand in das Jerusalemer Hadassah-Klinikum eingeliefert wurde, geriet dies allerdings zum Politikum, zumal die palästinensische Führung im Sommer aus Protest gegen israelische Annexionspläne jegliche Kooperation mit der Regierung Benjamin Netanjahu aufgekündigt hatte. Es sei falsch, „einen Feind zu behandeln“, wandten nationalrechte Knesset-Abgeordnete ein. Stimmen aus dem Friedenslager hielten dagegen, gerade wegen der politischen Brisanz müsse alles getan werden, diesen Patienten zu retten. Dafür reichte die ärztliche Kunst am Ende nicht aus – auch wenn Erekat, der 2017 nur knapp eine Lungentransplantation in den USA überstanden hatte, jede denkbare Therapie erhielt.

Der Verlust des PLO-Spitzenfunktionärs trifft vor allem Abbas, der Erekat zu seinen engsten Vertrauten zählte. Eine Wertschätzung, die der Fatah-Mann aus Jericho schon zuvor unter Jassir Arafat genossen hatte. Im eigenen Volk war er weniger populär. Erekats Element war die Weltbühne, Sondierungsgespräche mit Gesandten, Auftritte in internationalen Fernsehstudios. Für einen Chefdiplomaten konnte er dabei ziemlich bissig werden. Donald Trumps „Jahrhundertdeal“, beschied Erekat, „ist die Diskussion nicht wert“.

Erekat, der einst in den USA und Großbritannien Politik studiert und in Friedens- und Konfliktforschung promoviert hatte, kannte sich wie kein anderer aus in all den Entwürfen und „Roadmaps to Peace“, die am Ende in der Schublade landeten. Er war ja stets selbst dabei: 1991 als Mitglied der palästinensischen Delegation bei der Friedenskonferenz in Madrid, später beim Ausarbeiten der Osloer Abkommen, gefolgt von dem gescheiterten Gipfel in Camp David im Jahr 2000 sowie weiteren missglückten Verhandlungsrunden.

Die Affäre um die „Palästina-Papiere“ brachte ihn indes 2011 in den eigenen Reihen unter Druck. Die vom Sender Al Dschasira veröffentlichten Dokumente aus seinem Büro belegten weitreichende Konzessionen an die israelische Seite. Erekat sah sich zum Rücktritt gezwungen, wurde aber alsbald wieder zum Chefunterhändler berufen. Zumindest seinem Credo blieb Erekat treu: „Ich sage den Palästinensern, ‚greift nicht auf Gewalt zurück‘. Wir nutzen die zivilisierten Mittel des internationalen Rechts, um unsere Ziele zu erreichen, unsere Unabhängigkeit, unsere Freiheit.“

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