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Demonstrative Brotversorgung über den Zaun: Empfänger ist ein palästinensischer Junge, dessen Familie ihr Land hinterm Stacheldraht bei Dschajus verteidigt.

Mit Sack und Pack hinterm Zaun

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Die Bauern aus Dschajus wollen ihr Land in der von Israel abgesperrten "Sicherheitsenklave" nicht verlassen

Mitunter weiß selbst der palästinensische Bauer Scharif Omar sich nur noch mit Ironie zu helfen. "Willkommen in unserem Hotel mit tausend Sternen", weist der kräftige Mittfünfziger auf die blaue Plastikplane auf nacktem Ackerboden. Das ist seine Art, den Widrigkeiten der Besatzung zu trotzen. Unterm freien Himmel zu schlafen, zieht er, der mit vollem Namen Scharif Mohammed Omar Khalid heißt, allemal der Trennung von seinen fast sieben Hektar großen Ländereien vor. Eigentlich würde es reichen, von seinem Haus aus jeden Morgen mit dem Traktor zu seinen Obstplantagen zu tuckern. Nur, seit einigen Monaten befindet sich sein Land in einer militärischen Sperrzone. Kilometerweit abgeriegelt von einer fünf Meter hohen Zaunanlage, gekrönt mit Stacheldraht. Das einzige Tor zur Westbank, bemannt mit drei Wachposten, steht nicht mehr als ein paar Stunden am Tag offen. Und auch nur für jene Familien aus Dschajus, die mit Dokumenten ihren Landbesitz in der neuen "Sicherheitsenklave" belegen können. 32 der Bauern aus dem Dorf nordöstlich von Kalkilja leben deshalb inzwischen mit Sack und Pack in Zelten auf offenem Feld.

Auch Scharif Omar, der in seinem "Tausend-Sterne-Hotel mit Dusche und Küchenbenutzung" sogar noch zu den Privilegierten zählt - dank einem selbst gebauten Wellblechschuppen, zu dem eine Kochstelle und ein Außenklo gehören. Mehr ist nicht drin. In diesem Gebiet ein festes Haus aus Stein zu errichten, hat Israels militärische Zivilverwaltung untersagt. Aber für Scharif Omar ist die Hauptsache, sich nicht unterkriegen zu lassen. "Nenn' das hier eine Hütte oder einen Palast, es kümmert mich nicht. Mir ist es genug." Er hat sich vorgenommen, auch im Winter auf seinem Grund und Boden zu bleiben, wenn die Kälte und der Regen kommen. Sonst, so plagt ihn die Furcht, könnten die jüdischen Siedler von nebenan die Chance sehen, sich das fruchtbare Land zu schnappen, auf dem er wie schon sein Vater und Großvater Avocados, Mangos, Feigen, Zitrusfrüchte und vieles mehr anbaut.

Scharif Omars Schicksal ist schon jetzt, ganz ohne Winterkälte, bitter genug. Erst im April hat seine Familie im Dorf ein neues, modernes Eigenheim mit allem Drum und Dran bezogen, das er seit Ewigkeiten seiner Frau Sihan versprochen hatte. Damals, als sie sich im Mai 1967 das Ja-Wort gaben. Tage später besetzten israelische Truppen im Sechs-Tage-Krieg das Westjordanland. Scharif Omar entschloss sich auf den Hilferuf der Eltern hin, seinen gut bezahlten Job in einer jordanischen Ölraffinerie aufzugeben und mit seiner Frischvermählten ins heimatliche Dschajus zu eilen. Denn nur bestellter Boden war gegen eine Beschlagnahme der Besatzer gefeit. So wurde er Bauer wie seine Vorfahren, ein besonders erfolgreicher dazu. Aber es dauerte, bis die finanziellen Reserven für ein eigenes Haus reichten. Die Ausbildung seiner drei Söhne und vier Töchter ging vor. Und leicht war es sowieso nicht, sein Land gegen die Siedler zu behaupten. Mal brannten Unbekannte seine Ernte ab, mal bedrohte ihn ein israelischer Offizier mit einer Waffe. Seine Stimme bricht, wenn er daran denkt. Aber Tränen erlaubt sich einer wie Scharif Omar nicht. "Ich habe acht Jahre vor Gericht für meinen Besitz gestritten."

Doch jetzt, da er sich am Ziel seiner Wünsche glaubte, macht der Mauerbau ihm einen Strich durch die Rechnung. "Entweder ich wohne in unserem Traumhaus, abgeschieden von meinem Land, oder in diesem Schuppen mit der Farm." Keine wirkliche Alternative für eine Kämpfernatur wie Scharif Omar. Seine Augen unter dem in die Stirn gezogenen Cowboy-Hut blitzen. Kein Wunder, dass die Dörfler ihn zum Sprecher des Landverteidigungskomitees in Dschajus auserkoren haben. "Wir Bauern", so Scharif Omar, "wissen, dass wir zu Bettlern verdammt sind, wenn wir unser Land aufgeben."

Die 3200 Einwohner von Dschajus, die zum größten Teil Obst- und Olivenbauern sind, hat es besonders hart erwischt. Rund drei Viertel ihrer traditionellen Agrarfläche - genauer 850 von 1250 Hektar - liegen jetzt jenseits der Grenzbastion, die laut den Worten von Premier Ariel Scharon die "Infiltration palästinensischer Terroristen nach Israel" verhindern soll. Dabei windet sich die martialische Anlage mit breiten Pufferstreifen und Wachgängen, teils als Zaun, teils als Mauer errichtet, als kurvenreiche Serpentine durchs Westjordanland. Teils stößt sie gar sechs bis zehn Kilometer tief von der "Grünen Linie", der Waffenstillstandsgrenze von 1967, in palästinensisches Gebiet vor. Am Kalkül der Planer in Israels Verteidigungsministerium gibt es denn auch wenig zu deuteln.

Der Grenzverlauf soll möglichst viele jüdische Siedlungen ans israelische Kernland anschließen. Und im Grunde nicht nur diese, wie der Blick von einem Hügel in Dschajus vermuten lässt. Unmittelbar dort, wo die Dorfbebauung endet, beginnt der Stacheldrahtzaun. Aber erst weit in der Ferne ist ein schlanker Wachturm auszumachen, der die "Grüne Linie" markiert. Dazwischen erstreckt sich eine tiefe grüne Ebene - die Anbaufläche von Dschajus. "Da sage mir noch einer, dass die Israelis diese Schatzkammer der Natur nur aus Sicherheitsbelangen für sich reklamieren", grollt Scharif Omar.

Die anderen Gründe liegen auf der Hand. Schließlich leben in der Dreiecksenklave nicht nur knapp tausend Siedler aus Sufim, die ein Leben abgeschirmt von den Palästinensern führen wollen. Es befinden sich dort auch ein Steinbruch sowie eine Müllhalde, die Israel seit den späten achtziger Jahren hier, auf besetztem Gebiet, errichtet hat. Der Hydrologe Abdullatif Khaled nennt die Projekte "die drei Plagen von Dschajus". Sie alle gingen mit Landraub und teils rücksichtsloser Umweltverschmutzung einher. Aber keines entzog den Leuten von Dschajus so sehr ihre Lebensgrundlage wie der Zaunbau. Einspruch zwecklos.

Eine echte Chance dazu gab es auch nicht, als die Armeeverwaltung vorigen September die Konfiszierungspapiere kurzerhand an die Olivenbäume im Umland heftete. Darauf fanden sich die Namen der betroffenen Landbesitzer, verbunden mit der Aufforderung, binnen Wochenfrist etwaige Ansprüche auf Entschädigung anzumelden. Aber die Bauern wollten keine Kompensation, sie wollten ihr Land behalten. Ihre Sammelklage aber wurde vom Obersten Gericht in Jerusalem abgeschmettert. Im Urteil hieß es, berichtet Khaled, Palästinenser seien grundsätzlich nicht berechtigt, militärische oder politische Entscheidungen anzufechten.

Geblieben ist eine Resignation, die auf den Bewohnern von Dschajus zentnerschwer lastet. Hoffnung scheint für die beiden Alten, die ihre Hocker auf der Dorfstraße zusammengerückt haben, jedenfalls ein Fremdwort geworden zu sein. Dass US-Präsident George W. Bush sich gegen den Mauerbau durch die Westbank ausgesprochen hat, weckt höchstens noch ihren Galgenhumor. "Bush redet viel und die Israelis bauen noch schneller", sagt Mohammed Salim. "Kaum gab es ein bisschen Kritik aus Washington, sind die Bulldozer jetzt nicht nur des tags, sondern auch in der Nacht zugange. Scharon will die Welt vor vollendete Tatsachen stellen."

Die sind für Mohammed Salim und seinen Freund Mahmoud Abdullah bereits geschaffen. Jeder Zentimeter ihres Landes ist entweder planiert, um die Sicherheitstrasse voranzutreiben, oder befindet sich jenseits des Zauns, im unerreichbaren Südabschnitt. "Aus Sicherheitsgründen", behauptet die Armee. Salim und Abdullah vermuten andere Motive. Schließlich zählen zu diesem Agrarland auch sechs Brunnen, die eine Bewässerung ermöglichen und damit einen Anbau besonders lukrativ machen.

Ohnehin wissen die beiden Alten, dass eventuelle Korrekturen, die Scharon vage in Aussicht gestellt hat, ihnen wenig nützen. Das etwa 150 Kilometer lange Teilstück im nördlichen Westjordanland bis runter nach Kalkilja wird in Kürze fertig sein. Erst die zweite Linie im Hinterland, die sich bis vor Nablus auswölbt, um auch die größte jüdische Siedlung Ariel in Samaria an Israel anzuschließen, hat die Proteste in Washington ausgelöst. Allzu offensichtlich lief sie darauf hinaus, für die Palästinenser "homelands" zu kreieren, die von einem Apartheid-Modell nicht weit entfernt sind. Zumal auch von Osten her, aus Richtung des Jordanlands, auf dem Reißbrett eine dritte Linie die Autonomiegebiete einkreist. Eine Markierung, die der alten Idee Scharons von einem Palästinenser-Staat auf 45 Prozent der Westbank entspricht. Das dürfte mit US-Segen kaum zu machen sein. Aber selbst ein Einlenken Israels in diesem Punkt entschärft die real existierende Mauer noch nicht, die mindestens 210 000 Palästinenser direkt oder indirekt in Mitleidenschaft zieht, wie die Bürgerrechtsorganisation B'Tselem schätzt.

In Dschajus formiert sich am Mittag ein bunter Solidaritätstrupp, um in einem besonders krassen Fall für konkrete Hilfe zu sorgen. Denn ohne Lebensmittelpakete hätte eine Beduinenfamilie am Ortsrand, deren bescheidenes Haus sich jetzt jenseits der Grenzanlage befindet, kaum noch ein Auskommen. Also machen sich die Zaungegner, darunter einige Israelis und jüdische US-Amerikaner, auf den staubigen Weg. Beladen mit Päckchen nach drüben. Ein Ritual, das sich jede Woche wiederholt. Mit Wucht schleudern die Männer aus Dschajus für die Eingeschlossenen Säcke mit Mehl und Zucker, dazu Büchsen und Ölkanister, über die aufgetürmten fünf Rollen Stacheldraht. Schon macht sich auf der anderen Seite Ali Moussa Abu Scharib mit seinem Esel auf, die Care-Pakete einzusammeln. Solange diese Hilfsladung über den Zaun kommt, lässt es sich überleben.

Aber kann man das noch ein menschenwürdiges Leben nennen? Scharibs Ehefrau ist zuckerkrank und musste kürzlich nach einem Zusammenbruch ins Krankenhaus. Eines ihrer zwölf Kinder hatte sich zudem schlimm mit kochendem Wasser verbrüht und bedurfte ebenfalls ärztlicher Behandlung. Eine Ambulanz wurde erst nach Verhandlungen mit der Militäradministration durchgelassen. So erzählt es jedenfalls Scharif Omar, der bei keiner Solidaritätsaktion fehlt. "Es bleibt uns nichts anderes, als durchzuhalten. Sonst werden wir die neue palästinensische Flüchtlingsgeneration."

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