Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg

Wer hat wen gewählt - und warum?

  • schließen
  • Christian Burmeister
    schließen

Die Wähleranalyse zu Sachsen und Brandenburg fördert Überraschendes zu Tage. Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick.

Der Altersfaktor: Nur schlecht gelaunte „alte weiße Männer“ wählen die AfD? Das stimmt so nicht ganz, wie eine Analyse der Forschungsgruppe Wahlen in Sachsen und Brandenburg zeigt. Im Freistaat beispielsweise hat die AfD bei den Wählern unter 30 Jahren stärker abgeschnitten als jede andere Partei. In dieser Gruppe holte die AfD 22 Prozent der Stimmen. Nur die Grünen mit 19 Prozent und die CDU (17) konnten da annähernd mithalten. Den höchsten Stimmenanteil holte die AfD mit über 31 Prozent bei den 30- bis 59-Jährigen. Bei den über 60-Jährigen erreichte sie nur 23 Prozent und lag dort deutlich unter dem Schnitt. von 27,5 Prozent. Ein ähnliches Bild ergibt sich auch in Brandenburg. Dort konnte die AfD sogar „nur“ 18 Prozent der Ü60-Wähler von sich überzeugen.

Zu den großen Verlierern der Landtagswahlen zählt die Linkspartei. In Sachsen konnte sie zwar 15 000 bisherige Nichtwähler für sich gewinnen, hat aber an alle anderen Parteien abgegeben. Ein besonderes Problem: Mehr als 32 000 Menschen, die bei der vorangegangenen Landtagswahl in Sachsen noch die Linke gewählt hatten, sind seither verstorben. Stärker war von diesem Problem nur die CDU betroffen: 61 000 ihrer bisherigen Wähler lebten am Wahlsonntag nicht mehr.

Der Mobilisierungsfaktor: In beiden Bundesländern hat die AfD von allen Parteien Wähler abgeworben. Vor allem die CDU hat darunter gelitten. In Brandenburg verlor sie im Vergleich zu 2014 28 000 Wähler an die rechte Konkurrenz, in Sachsen waren es sogar 810000. Mit Abstand am meisten hat die AfD aber von bisherigen Nichtwählern profitiert: In Brandenburg konnte sie 107 000 bisherige Wahlverweigerer an die Urne locken, in Sachsen waren es sogar 241 000.

Der Geschlechterfaktor: Überproportional viele Männer machten ihr Kreuzchen bei der AfD. Während in Sachsen 33 Prozent der wahlberechtigten Männer den Rechtspopulisten ihre Stimme gaben, traf das nur auf 22 Prozent der Frauen zu. Bei den anderen Parteien lagen die Abweichungen zwischen den Geschlechtern bei maximal 2 Prozentpunkten. Auch in Brandenburg ist das Phänomen zu beobachten. Auffällig: In beiden Bundesländern wählten die Frauen überproportional häufig die Partei der regierenden Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) und Dietmar Woidke (SPD).

Der Angstfaktor: Eine Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sieht die Angst um den Arbeitsplatz und den sozialen Status in Ostdeutschland als wesentlichen Grund für das starke Abschneiden der AfD. „Während sich im Westen vor allem un- und angelernte Beschäftigte große Sorgen um ihre berufliche und soziale Zukunft machen und überdurchschnittlich häufig rechte Parteien wählen, trifft das in den neuen Bundesländern auch auf Berufsgruppen mit mittlerem Status wie Facharbeiter oder Angestellte mit mittlerem Bildungsabschluss zu“, fasst die Soziologie-Professorin Bettina Kohlrausch die Erkenntnisse zusammen.

Auf die Frage „Haben Sie Sorge, dass sich unser Leben zu stark verändert?“, antworten 84 Prozent der AfD-Wähler mit ja. Den nächsthöheren Wert haben CDU-Wähler mit 34 Prozent, den niedrigsten Anhänger der Grünen (8 Prozent).

Das Denkzettel-Motiv: Die AfD sei die „einzige Partei, die die wichtigen Probleme beim Namen nennt“, glauben 95 Prozent ihrer Wähler. Nur 28 Prozent der AfD-Wähler in Sachsen betrachteten ihre Wahl als Denkzettel. 70 Prozent wählen die Partei „wegen ihrer politischen Forderungen“, hat die Forschungsgruppe Wahlen herausgefunden. Gleichzeitig geben auf die Frage nach dem für sie wichtigsten Sachthema nur 34 Prozent der AfD-Anhänger das Thema Zuwanderung an. Zum Vergleich: Bei den Grünenanhängern nennen 50 Prozent das Klima-Thema. In Brandenburg spielte das Denkzettel-Motiv für die AfD-Wähler mit 53 Prozent eine größere Rolle als in Sachsen. Dafür gaben „nur“ 43 Prozent an, die Partei wegen ihrer Inhalte zu wählen.

Das Taktik-Motiv: Linke, SPD, Grüne und FDP haben in Sachsen etwas schlechter abgeschnitten, als in den Umfragen vorhergesagt. „Das erklärt sich dadurch, dass sich potenzielle Sympathisanten der Parteien am Ende für die Wahl der CDU entschieden haben, um den Wahlsieg der AfD zu verhindern“, erklärte der Chemnitzer Parteienforscher Tom Thieme der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Nach dem gleichen Muster sei die Wahl in Brandenburg zugunsten der SPD ausgegangen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion