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Ryanair: Sprachtest statt Passkontrolle – Diskriminierung beim Billigfluganbieter

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Von: Nadja Austel

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Die Billigfluglinie gerät in die Kritik. Südafrikanische Reisende sollen ihre Staatsangehörigkeit per Afrikaans-Test beweisen – sonst wird ihnen der Flug verwehrt.

Kapstadt – Nicht wirklich sinnvoll erscheint das in höchstem Maße diskriminierende Vorgehen der Billigfluglinie Ryanair. Reisende berichten via Social Media davon, dass ihnen ein Test auf Afrikaans vorgelegt wurde. Den hätten sie ausfüllen müssen, um ihre Bordkarte ausgehändigt zu bekommen. Warum das Ganze? Damit solle bewiesen werden, dass sie tatsächlich südafrikanische Staatsbürger seien.

Südafrika ist ein multikulturelles Land. Drei Hauptstädte zählt es, elf Sprachen der verschiedenen ethnischen Gruppierungen gelten als offizielle Sprachen der Republik. Afrikaans ist nur eine davon, und zwar nicht die am häufigsten gesprochene Landessprache. Nur etwa 13 Prozent der Südafrikaner gibt Afrikaans als Muttersprache an. Den größten Teil macht mit circa 24 Prozent Zulu aus, gefolgt von der Klick-Sprache Xhosa. Als überregionale Amtssprache setzt sich Englisch durch, obwohl die Muttersprachler hier bei nur acht Prozent liegen.

Bologna Guglielmo Marconi Airport, international airport on Juni 04, 2022 in Bologna, Italy.
Diskriminierung bei Ryanair? Passagiere müssen per Afrikaans-Test beweisen, dass sie südafrikanische Staatsbürger sind. (Symbolbild) © IMAGO/Action Pictures

Nicht nur diese Hintergründe lassen es mehr als fraglich erscheinen, dass Ryanair auf ein solches Prozedere setzt: Afrikaans ist eine westgermanische Sprache, die durch europäische Kolonialisten im Land verbreitet wurde. Deutsche, niederländische und französische Siedler entwickelten sie vor allem aus dem Niederländischen heraus. Ihre Sklaven lernten Afrikaans von ihnen und wurden gezwungen, die germanische Sprache zu sprechen.

Ryanair: Afrikaans soll südafrikanische Staatsbürgerschaft beweisen

Afrikaans gilt deshalb auch als „Sprache der Weißen“ oder „Sprache der Kolonialherren“. Im Jahr 2016 berichtete unter anderem die BBC von Protesten Studierender in der Landeshauptstadt Pretoria. Sie forderten unter dem Motto #AfrikaansMustFall, dass die Universität von Pretoria keine Vorlesungen mehr auf der Sprache der Unterdrücker zulassen solle.

Ryanair erfuhr mit dem ohnehin illegalen und unsinnigen Passagiertest im Netz dementsprechend harten Widerstand. Der Billigfluggesellschaft wird Rassendiskriminierung vorgeworfen, nachdem sie Passagieren einen Test in der westgermanischen Sprache vorgelegt hat. Der Passagier, der das Vorgehen im vergangenen Monat öffentlich gemacht hat, war auf dem Weg von Portugal nach London. Wie er auf Twitter mitteilte, sei er von Ryanair aufgefordert worden, „einen zweiseitigen Test in Afrikaans“ auszufüllen, bevor er seinen Flug antreten durfte.

Ryanair legt Passagier Test auf Afrikaans vor

„Mir wurde gesagt, wenn ich nicht 100 Prozent richtig löse, dürfe ich nicht mitfliegen“, berichtet der Passagier weiter. Als er um eine englischsprachige Version des Tests gebeten habe, sei ihm mitgeteilt worden, den Test gebe es nur auf Afrikaans. „Das ist eine Unverschämtheit. Ryanair, können Sie das bitte erklären?“, empörte er sich auf Twitter. Die Aktion löste vor allem unter Südafrikanern Wut aus.

Der unabhängige Luftfahrtanalyst Alex Macheras das Vorgehen von Ryanair als „kategorisch verrückt und diskriminierend“. Personen, die in Großbritannien lebten und einen südafrikanischen Pass besäßen, seien auf dem Rückflug von Spanien nach Großbritannien von Bord gebracht worden, da sie den Test nicht bestanden hätten.

Ryanair-Passagiere berichteten der Financial Times, sie fühlten sich durch den unangekündigten Test gedemütigt. „Es ist sehr diskriminierend (...) sie haben nicht über die Auswirkungen“ des Tests nachgedacht, so eine Südafrikanerin gegenüber der Zeitung. Auch sie hatte vor dem Rückflug an ihren Wohnort in Großbritannien mit Ryanair den Test ausfüllen müssen.

Ryanair in Erklärungsnot – Der Test soll die Passkontrolle ersetzen?

Die Fluggesellschaft gab mittlerweile eine öffentliche Erklärung ab. Darin heißt es, dass der Test aus Fragen zum südafrikanischen Allgemeinwissen bestehe. Er sei als Reaktion auf die „hohe Prävalenz“ gefälschter südafrikanischer Pässe eingeführt worden. Und weiter: „Wenn sie [die Passagiere, Anm. d. Red.] nicht in der Lage sind, den Fragebogen auszufüllen, wird ihnen die Reise verweigert und stattdessen eine volle Rückerstattung gewährt.“

Das britische Hochkommissariat in Südafrika reagierte ebenfalls, und zwar mit dem Hinweis, dass der Fragebogen „keine Anforderung der britischen Regierung“ sei. Die Legalität des mindestens merkwürdigen Vorgehens von Ryanair wird online verständlicherweise infrage gestellt. Das südafrikanische Außenministerium kündigte an, sich der Sache annehmen zu wollen.

Der Skandal um den Staatsbürgertest kommt für Ryanair zu einem wirtschaftlich gesehen ungünstigen Zeitpunkt. Erst kürzlich hatte Ryanair-Chef Michael O‘Leary angekündigt, Fluggäste müsste sich im Sommer auf höhere Ticketpreise einstellen. Die steigenden Energiepreise und die Auswirkungen der Corona-Pandemie kommen demnach schließlich auch beim Kunden an. Beim Ryanair-Konkurrenten Virgin Atlantic kam es unlängst zu einem Eklat, weil ein Flug nach 40 Minuten in der Luft wieder umkehren musste. Der Grund: Der Co-Pilot hat seine Ausbildung nicht beendet. (na)

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