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Bescheidenheit ist eine Zier ... Die Jekaterinburger „Kathedrale Auf dem Blut“ (der dort massakrierten Romanows).

Kirche in Russland

Russlands unheilige Dreieinigkeit

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Politiker und Geschäftsleute suchen Rat und geistige Hilfe bei russisch-orthodoxen Predigern und Priestern. Dabei geht es oft um Macht, Prestige, Eitelkeit und Geld – und so gut wie nie um soziale Aufgaben der Kirche.

Der Geruch des Teufels sei unerträglich, postulierte Vater Ili einmal in einem Interview. „Du erträgst den Gestank keine Stunde, das überlebst du nicht.“ Vater Ili Nosdrin, 87, gilt als jemand, der weiß, wovon er spricht, jahrzehntelang hat er in Russland den Teufel ausgetrieben. Und er zählt inzwischen zu den höchsten Autoritäten der russisch-orthodoxen Kirche; es heißt, er nehme dem Patriarchen Kirill persönlich die Beichte ab. Auch Minister, Generäle und Großunternehmer suchen bei Vater Ili geistigen Beistand und Rat – in allen Lebenslagen.

Längst trägt Vater Ili den Ehrentitel „Starez“: So nennen die orthodoxen Christen Einsiedlermönche, die in Gebet und Askese Gott besonders nah gekommen sind. Vater Ili hat einen Leibwächter, fährt im Land Rover und empfängt seine hohen Gäste in mehreren Privaträumen der Patriarchenresidenz in Peredelkino bei Moskau, wie das Portal proekt.media berichtet. Bedienstete des Patriarchen aber versichern, der Starez lebe völlig anspruchslos. „Er ist der wichtigste und modischste Starez, die VIPs stehen bei ihm Schlange“, zitiert proekt.media dagegen Beamte aus Ilis Besucherkreis. Sie wollten sich von Krankheiten heilen lassen, ihre Seelen reinigen oder auch Karriereratschläge einholen. Zu Ilis Klientel gehörten Premierminister Dmitri Medwedew und dessen Frau Swetlana, Großunternehmer und Gouverneure; auch Präsident Wladimir Putin war schon da.

Vater Ili ist kein Einzelfall. Auch andere Starzen und Priester üben als Seelsorger Einfluss auf Politiker und Wirtschaftsleute aus. Etwa der Moskauer Bischof Tichon Schewkunow, der vor allem Geheimdienstbeamten seelischen Beistand gewähren soll und angeblich Putins Beichtvater ist. Manche Beobachter erklären die repressive Kulturpolitik der vergangenen Jahre auch mit der Abneigung, die Tichon bei Putin gegenüber „zu liberaler“ Kunst- und Kultur geweckt haben soll.

Milliardäre leben in Angst

Und Politologen bezeichnen eine der mächtigsten Einflussgruppen in Putins Umgebung als „Athos-Pilger“. Die griechische Klosterinsel besuchten laut BBC seit Jahren schon Verteidigungsminister Sergei Schoigu, Generalstaatsanwalt Juri Tschaika, Justizminister Alexander Konowalow und die Unternehmerbrüder Arkadi und Boris Rotenberg, früher Judo-Kameraden Putins und laut Forbes Dollarmilliardäre.

Das innige Miteinander zwischen kirchlichen Hirten und ihren Schäfchen aus Staat und Wirtschaft ist auch auf weniger prominenter Ebene alltäglich. Der Wittener Ethnologe Tobias Köllner, der mehrere Jahre das Verhältnis zwischen orthodoxer Religion, Politik und Unternehmertum in der Region Wladimir erforschte, redet von „verschränkten Autoritäten“. Für viele Geschäftsleute sei das persönliche Verhältnis zu ihrem Seelsorger viel wichtiger als das Gemeindeleben, sie verkehrten mit den Geistlichen bevorzugt hinter verschlossenen Türen. „Sie kommen“, vermutet proekt.media, „weil sie in ständiger irrationaler Angst leben. Was geschieht weiter mit ihnen? Nimmt man ihnen ihren Besitz oder ihr Amt oder nicht?“

Aber solche Ängste sind keineswegs die hauptsächlichen Beweggründe. „Das ist ein sehr komplizierter Markt, auf dem sich religiöse und pragmatische Motive mischen“, sagt der Soziologe Nikolai Mitrochin von der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen. Es gehe auch um Geld, Eitelkeit und Kontakte. „Orthodoxe Geistliche beschweren sich oft darüber, es sei viel leichter, von Geschäftsleuten Geld für den Bau einer neuen Kathedrale zu bekommen als für weniger teure soziale Projekte.“ Wer etwa die neue Kirche im Heimatdorf des Gouverneurs bezahle, käme mit dessen Mitarbeitern eng ins Geschäft, sei in aller Munde und könne mit aufgebauschten Rechnungen noch kräftig Steuern sparen. Ähnliches mag auch für die Jekaterinburger Dollarmilliardäre Andrei Kosyzin und Igor Altuschin gelten. Die wollen den Löwenanteil von etwa 50 Milliarden Dollar für den landesweit diskutierten Wiederaufbau der Jekaterinenkathedrale in ihrer Stadt übernehmen.

Gott hat Putin gesandt

Laut Mitrochin unterwirft sich ein Großteil der Geschäftsleute und Beamten der seelsorgerischen Autorität nur, wenn deren Ratschlag ihnen passt. Die Kirchenfürsten und Starzen ihrerseits bemühen sich, ideologische Wahrheiten zu predigen, die die vaterländischen Eliten gerne hören.

Vater Ili sagt, Gott habe Putin Russland gesandt, er schwärmt von der christlichen Feindesliebe des Staatschefs. „Wie viel hält er nur aus? Hätten wir einen anderen Herrscher, es gäbe schon Krieg. Nur seine Selbstlosigkeit und seine Nachsicht gegenüber unseren Feinden retten uns davor.“ Kein Wunder, dass die Staatsmacht mit Russlands führenden Geistlichen zufrieden ist.

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